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Mag auch die Misere deutscher Architektur seit dem 2. Weltkrieg im wesentlichen als gemeindeutsch erlebt werden, so haben doch die Küsten- wie Gebirgsregionen den übrigen Landschaften eines voraus: sie haben Leitbilder vorzuweisen, an denen sich einheimische Architekten nicht selten mehr oder weniger glückhaft abarbeiten, im Idealfall sogar eine hinreichend überzeugende Variante zwar modernen, aber regionalistisch inspirierten Bauens zuwege bringen. Im Schwarzwald und im bayrischen Voralpenland ist dies die heimische Holzbautradition mit unglaublich charaktervollen Bauernhaus- und Bürgerhaustypen, an Nord- und Ostsee erlebt man eine Fülle landschaftsbezogener Bauformen aus rotem oder weißgetünchtem Backstein, oftmals mit Reetdach, oftmals niederländisch inspiriert, und natürlich die besonders delikate Bäderarchitektur der Ostseeküste.

Gerade diese letztgenannte hat es als einzige unter allen deutschen Bautraditionen geschafft, der doktrinär unterfütterten und flächendeckend verordneten Moderne nennenswerte Randzonen abzutrotzen, in denen verspielte, ornamentale, auf Komfortansprüche leiblicher und seelischer Dimension bezogene Bauformen geduldet werden. Was die Ferienarchitektur an südlichen Küsten auszeichnet, das will man an deutschen Strandpromenaden doch nicht ganz und gar verhindern: Lebensqualität und Daseinsfreude, Lustwandeln und Erholung in heiterem Ambiente, Ferien vom deutschen Architekturalltag. Zumal auf den Inseln Rügen und Usedom hat sich die Praxis etabliert, eine hundertfünfzig Jahre alte Tradition festlich gestimmter Bäderarchitektur wenigstens in Ansätzen fortzuführen.

Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, gäbe es nicht Instanzen, sogar staatliche, die bereitstehen, solchen „Exzessen“ einen Riegel vorzuschieben. Wie in unserem Architekturforum mitgeteilt wird, soll in Bansin auf Usedom anstelle des früheren Hotels „Meeresstrand“ ein neues Hotel namens „Kaiserstrand“ entstehen. Der Name dürfte den Investor erst recht inspiriert haben, dem Hotelbau historisierendes Flair im Sinne der Bäderarchitektur zu verpassen. Aber nix da – bei 21 vorgelegten Entwürfen senkte die Obere Denkmalschutzbehörde den Daumen. Schließlich akzeptierte sie einen Entwurf im primitivsten 60er-Jahre-Retro-Stil, einen Entwurf praktisch ohne Fassade, drei „funktional“ in das Zentrum an der Strandpromenade implantierte Kisten mit umlaufenden Balkonen, bar jeden Ausdrucks, bar jeder städtebaulichen Raumwirkung. Aber den Forderungen modernistischer Doktrin ist Genüge getan.

Woher nehmen Denkmalpfleger die Anmaßung, die Architektursprache von Neubauten zu dekretieren? Was hat das mit ihrem Metier zu tun? Was qualifiziert sie zu solcher Entscheidungsbefugnis? Es ist höchste Zeit, dass sich die gebildete und mündige Bevölkerung in ästhetischen Fragen von der Bevormundung durch falsche Päpste emanzipiert, durch Fachleute in Sachen Denkmalpflege, denen ihr Beamtenstatus keineswegs eine überragende Zusatzkompetenz in der Beurteilung zeitgenössischer Architektur verliehen hat. Gegen eine Architekturpolitik, die sich dezidiert gegen den Wunsch der überwältigenden Bevölkerungsmehrheit richtet, hilft nur massenhaftes Aufbegehren.

Die „Ostsee-Zeitung“ berichtet über das Vorhaben: Das ist Usedoms größte Baustelle

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