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Nicht nur unsere Städte, auch unsere kleineren Ortschaften sind vom Modernisierungswahn bedroht. In Kirchlinteln in Niedersachsen soll in die Ortsmitte ein Supermarkt gepflanzt werden, eine lokale Bürgerinitiative wehrt sich dagegen. Stadtbild Deutschland unterstützt sie darin.

Pressemitteilung des Vereins „Stadtbild Deutschland e.V.“ zur Debatte um die von der Gemeindeverwaltung geplante Bebauung des AULA-Grundstückes in Kirchlinteln mit einem Supermarkt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeinderatsmitglieder,

„Stadtbild Deutschland e.V.“ ist ein bundesweiter Verein engagierter Bürger, die sich für Schönheit und historisch verankerte Identität deutscher Stadtbilder einsetzen. Wir arbeiten mit zahlreichen Bürgerinitiativen deutschlandweit zusammen und wollen dadurch mithelfen, dass bei künftigen Bauprojekten mehr Sorgfalt auf gestalterischen Anspruch gelegt wird. Uns geht es darum, der Beliebigkeit und Monotonie zahlreicher Neubauten in deutschen Städten etwas Anspruchsvolles entgegenzusetzen. Deshalb setzen wir uns auch für die Rückkehr traditioneller Gestaltungsformen in den Städtebau ein. Auch liegt uns der Erhalt historischer Bausubstanz, wenn sie städtebaulichen Wert hat, sowie der Erhalt gewachsener Ortsbilder sehr am Herzen. Ebenso unterstützen wir Bürgerinitiativen vor Ort, die sich für ihr Stadtbild und dessen Verbesserung einsetzen.

Leider werden in vielen Städten diese gewachsenen Ortsbilder immer stärker zerstört, sei es durch Flächenabrisse, sei es durch unpassende Neubauten. Auch Kirchlinteln droht nun diese Gefahr, da Edeka auf dem AULA-Grundstück, im Herzen Kirchlintelns angrenzend an die historische Ortsmitte, einen 2300 m² großen und 8m hohen Supermarkt errichten will. Zwar ist es einerseits erfreulich, wenn Investoren bereit sind, in eine Gemeinde zu investieren, aber Aufgabe der Gemeindeverwaltung sollte es sein, zu gewährleisten, dass dies auf eine stadtbildverträgliche Weise geschieht. Dies ist hier nicht der Fall.

Dieser kastenförmige, beliebig gestaltete Zweckneubau würde das historisch gewachsene Ortsbild Kirchlintelns maßgeblich verschandeln, die Verkehrsführung des täglich mehrfachen Anlieferungsverkehrs würde zudem zu massiven Gefährdungen von Schülern und Fußgängern führen, daher ist dieser Supermarktbau an dieser Stelle aus städtebaulicher Sicht abzulehnen.

Leider ist diese Entwicklung in vielen Städten und Gemeinden bundesweit zu beobachten: Flächenabrisse historischer Bausubstanz, austauschbare, nichtssagende Neubauten, oftmals mitten in der Stadtmitte, die keinerlei Bezug mehr zum gewachsenen Stadtbild aufweisen. Dieser Ausverkauf unserer noch vorhandenen historischen Stadtbilder geht leider stetig weiter, oftmals ohne, dass sich Bürger dagegen wehren.

Es ist daher ein großes Glück für Kirchlinteln, dass sich in dieser kleinen Stadt engagierte Bürger gefunden haben, die sich vor Ort einsetzen, um diesen städtebaulichen Fehler zu verhindern. Das Aktionsbündnis „TatORT ORtskern Kirchlinteln“ hat nachgewiesen, dass der Neubau an dieser Stelle für die Versorgung der anwohnenden Bevölkerung gar nicht notwendig ist, außerdem gibt es alternative Standorte außerhalb der Ortsmitte.

Die Gemeindeverwaltung sieht das anders und erkennt offenbar keinen Handlungsbedarf. Sie beugt sich den Forderungen von Edeka, welches unbedingt auf dem AULA-Grundstück bauen will. Angesichts dieser Passivität muss die Frage erlaubt sein, welche sonstigen Vorteile Edeka verantwortlichen Gemeindeverwaltungsmitgliedern gewährt haben könnte? Die Stadt will natürlich höhere Gewerbesteuereinnahmen, um Schulden abzubauen, aber sollte das um jeden Preis geschehen?

Bürgermeister Wolfgang Rodewald wird im Weser-Kurier vom 20.04.2016 mit den Worten zitiert, das Aktionsbündnis sei „eine Unverschämtheit, die eine Grenze überschreitet“. Sollte er dies wirklich in diesem Zusammenhang so gesagt haben, ist es auch aus demokratischer Sicht bedenklich, wenn ein Bürgermeister so abfällig über engagierte Bürger spricht!

Ein neuer Supermarkt ist nicht grundsätzlich abzulehnen, er sollte nur nicht den Charakter eines ländlich geprägten Dorfes mit dem wunderbaren historischen Ortskern verschandeln und daher nicht auf dem AULA-Grundstück gebaut werden.

Wir fordern die Gemeindeverwaltung und speziell Bürgermeister Rodewald daher auf, den Standpunkt auf dem AULA-Grundstück unbebaut zu lassen und alternative Standorte für Edeka zu suchen. Sollte dies nicht möglich sein, müsste der Entwurf – möglichst unter direkter Beteiligung der Bevölkerung – überarbeitet werden und dem regionalen Stil der Stadt Kirchlinteln stärker angepasst werden. Auch eine kleinteilige Bebauung mit Wohnhäusern käme laut Meinung des Aktionsbündnisses alternativ infrage. Diesem Vorschlag möchten wir uns ebenfalls anschließen, da kleinteiligere Bebauung immer ein gutes Mittel ist, um mehr Individualität in Stadtbildern zu erreichen. Alles ist besser als ein weiterer verschandelnder Supermarkt-Klotz mitten in einem schönen Stadtbild!

Wir danken den Mitgliedern des Aktionsbündnisses „TatORT ORtskern Kirchlinteln“ für ihr Engagement und hoffen, dass sich die Bürger von Kirchlinteln auch weiterhin für dieses Stadtbild engagieren werden.

Im Namen von „Stadtbild Deutschland e.V.“
Mit freundlichen Grüßen
Manuel Reiprich, Pressesprecher

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