Auch kleine, unscheinbare Fachwerkgebäude können einen Erhalt wert sein, wenn sie wirklich alte Bausubstanz repräsentieren. Ein 500 Jahre altes, sehr marodes Fachwerkhaus in Northeim war vom Abriss bedroht. Der Northeimer Heimat- und Museumsverein kämpfte für den Erhalt, wir haben versucht, mit einer Pressemitteilung zu unterstützen. Denn neben dem Totalabriss eines angeblich unrettbaren Gebäudes und einem gesichtslosen Neubau gibt es stets auch Alternativen. Inzwischen ist der Abriss vom Tisch, wie der Lokalpresse zu entnehmen ist, da der FDP-Ratsherr Eckhard Ilsemann das Gebäude kurzerhand kaufte.

Hoffentlich nicht nur ein vorübergehender Erfolg! Unsere Glückwünsche an die engagierten Bürger Northeims, die sich dort auch weiter für ihre wertvolle Bausubstanz einsetzen!

Offener Brief an den Sixti-Kirchenvorstand zum bevorstehenden Abriss des Kantorenhauses am Kirchplatz in Northeim

Sehr geehrter Vorstand der St. Sixti Kirchengemeinde Northeim, sehr geehrter Dr. Joachim Hartung,

„Stadtbild Deutschland e.V.“ ist ein bundesweiter Verein von Architekten, Künstlern und engagierten Bürgern, die sich für Schönheit und historisch verankerte Identität deutscher Stadtbilder einsetzen. Wir arbeiten mit zahlreichen Bürgerinitiativen deutschlandweit zusammen.Uns liegt der Erhalt historischer Bausubstanz, wenn sie städtebaulichen Wert hat, sehr am Herzen, die leider oft von Verfall und Abriss bedroht ist. Neben den kriegsbedingten Verlusten an historischer Bausubstanz in unseren Großstädten werden durch schleichenden Abriss auch unsere Kleinstädte mehr und mehr ihres historisch gewachsenen Stadtbildes beraubt.

Einer Kirchengemeinde kommt daher aus unserer Sicht eine besondere moralisch-ethische Verantwortung zu, sich für den Erhalt dieses kulturellen Erbes mit einzusetzen.

Wenn aber, wie im Falle des Kantorenhauses am Northeimer Kirchplatz, ein Erhalt aus nachvollziehbaren Gründen technisch und ökonomisch nicht mehr möglich ist, ist ein Komplettabriss, wie von ihnen nun beabsichtigt, nicht die einzige Lösung! Wir möchten eine Alternative aufzeigen, die nach den uns vorliegenden Informationen bisher nicht zur Sprache gekommen zu sein scheint.

Machbar wäre ebenfalls ein Abriss und eine darauf folgende, an eine zeitgemäße Nutzung angepasste Rekonstruktion des Hauses! Diese Option wollen wir mit diesem offenen Brief vorschlagen!

Rekonstruktionen von stadtbildprägenden Gebäuden hat es immer gegeben und sie sind in der Architekturgeschichte längst zur Normalität geworden. Der Hamburger Michel brannte 1905 nieder, der Campanile in Venedig stürzte 1911 nach einem Erdbeben ein, die Warschauer Altstadt und das Königsschloss, Zarskoje Selo bei St. Petersburg … die Liste könnte noch weitaus länger sein, alles sind Rekonstruktionen mit neuem Baumaterial nach nahezu völliger Zerstörung! Dennoch wären diese Ensemble aus den heutigen Stadtbildern kaum wegzudenken!

Kritiker solcher Baupraxis merken oft an, dies sei doch nicht mehr das originale Baumaterial und daher Betrug, von „Disneyland“ wird dabei oft gesprochen! Jedoch wird dabei gerne verdrängt, dass kaum ein Gebäude in Deutschland noch aus originalem Material besteht. Selbst der imposante Kölner Dom ist durch ständige Reparaturen eifrig dabei, zu einer 1:1 Kopie seiner Selbst zu werden. Das ist ein völlig normaler Prozess und wenn das Kantorenhaus von seinen Vorbesitzern nicht dem Verfall überlassen worden, sondern ebenfalls hin und wieder repariert worden wäre, so wäre es auch heute noch nutzbar. Es geht nicht um die Originalität des Materials, sondern um die Originalität des zugrundeliegenden Entwurfs und der ist ja nach wie vor vorhanden.

Der Northeimer Heimat- und Museumsverein hat Wege und Fördermittel aufgezeigt, wie das Kantorenhaus gerettet werden könnte. Wir möchten Sie bitten, diese Möglichkeiten daraufhin zu prüfen, ob sich auf diesem Wege Mittel für eine Rekonstruktion des Hauses bereitstellen ließen.

Aber auch eine Rekonstruktion muss nicht zwangsläufig historisch originalgetreu sein, sie kann sich – und muss sich unserer Meinung nach – an heutigen Nutzungsansprüchen messen lassen, denn auch erhaltene historische Gebäude wurden ja stetig den Nutzungsansprüchen der Zeit angepasst. Daher darf das auch für eine Rekonstruktion gelten, denn leerstehende, nicht nutzbare Gebäude braucht niemand.

Wir möchten Sie bitten, falls Sie das noch nicht gemacht haben, folgende Fragen zu klären: Ist das „neu rekonstruierte“ Gebäude dann für Ihre Gemeinde nutzbar und wie müsste es ggf. angepasst werden, um nutzbar zu sein? Ist eine Rekonstruktion billiger als es eine Sanierung des bestehenden Gebäudes wäre? Die Praxis aus anderen Städten zeigt, dass dies meist der Fall ist. Manchmal kommt man damit am Ende sogar billiger als mit einem Neubau im modernen Stil, da moderne Materialien, Stahl und Glasfassaden, oft teurer sind als z.B. Ziegel und Putz.

Wir möchten Sie bitten, die vorgeschlagene Option auf ihre Machbarkeit hin zu prüfen, damit das Kantorenhaus, wenn schon nicht im Originalmaterial, so aber doch im Originalentwurf dem Northeimer Stadtbild erhalten bleibt!

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