Schloss Gottorf in Schleswig

Schloss Gottorf in Schleswig-Holstein soll mit einem „modernen“ Anbau versehen werden. Prompt gibt es Proteste aus der Bevölkerung! Muss moderne Architektur immer so provokativ aussehen? Wir haben versucht, den starken negativen Protest der Schleswiger Bürger zu versachlichen, indem wir dem Chef des sich im Schloss befindlichen Museums, Dr. Claus von Carnap-Bornheim, diesen offenen Brief schrieben. Darin beschäftigen wir uns – mal wieder – mit dem altbekannten Problem provokativer Brüche in der modernen Architektur.

Offener Brief an Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim zum geplanten Anbau der Ostseite des Schlosses Gottorf

Sehr geehrter Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim, aktuell steht Ihre Entscheidung, dem Schloss Gottorf einen „modernen“ Anbau zu verpassen, sehr in der öffentlichen Kritik. Bereits jetzt gibt es Online-Petitionen gegen diese Entscheidung. Dies hat uns als bundesweit für qualitätvolle Architektur engagierter Verein bewogen, mit diesem offenen Brief an Sie dazu Stellung zu beziehen.

Hauptkritikpunkt ist laut Presseberichten nicht der Anbau an sich, sondern dessen „moderner“ Entwurf der Architekten Holzer-Kobler, den Sie zu verteidigen versuchen. Sie sagen, man müsse Architektur wie diese „kommunizieren“ und „erklären“, damit die Leute sie verstehen.

Da müssen wir widersprechen! Gute, gelungene Architektur muss man nicht „erklären“, weil sie von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert werden würde. Architektur ist eine öffentliche Kunst und muss daher auch bei der Öffentlichkeit Akzeptanz finden statt Widerstand! Wenn sie dagegen von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt wird, dann sollten sich die Architekten darüber Gedanken machen, ob es nicht auch am Entwurf liegen könnte und an dessen Mängeln.

Es lassen sich bei dem gegenwärtig geplanten Anbau sachlich-rational zwei Grundprobleme erkennen:

  • Zunächst handelt es sich im Grunde um einen sehr schlichten, radikal auf ein Minimum reduzierten Baukörper, der über keinerlei gliedernde Fassadengestaltung verfügt, fast so, als wolle sich der Architekt seine Aufgabe besonders leicht machen und genau das dann als Innovation darstellen. Lediglich durch die wirre Formgebung wird versucht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber gerade dadurch entsteht ein weiteres Problem:
  • Dadurch fügt sich der Bau in keiner Weise harmonisch in die Umgebung der Schlossfassade ein. Hier soll offensichtlich ein ganz bewusster Bruch im ästhetischen Erscheinungsbild hervorgerufen werden, weil einige Experten dies vielleicht spannend finden.

Tatsächlich gibt es eine bestimmte architektonische Denkrichtung, die solche „Brüche“ interessant findet. In der Vergangenheit sind solche Brüche deshalb zahlreich bewusst inszeniert worden, indem bei Umbauten in historischem Umfeld ein dem Ort völlig unpassender Baukörper hinzugefügt wurde. In der Praxis aber funktionieren solche Brüche städtebaulich nicht, sondern erzeugen bei den Bürgern, Passanten, Touristen oft nur Kopfschütteln. Diese scheinen sich – das bestätigen Umfragen immer wieder – in der Mehrzahl harmonische Gebäude ohne solche Brüche und kahlen Fassaden zu wünschen. Auch unter Architekturexperten stößt diese Vorgehensweise zunehmend auf Kritik. Daher geht tatsächlich moderner Städtebau langsam wieder dazu über, harmonisch und, wenn Sie so wollen, historisierend zu bauen und sich dem Umfeld anzupassen, statt weiterhin mit bewussten „Brüchen“ zu arbeiten.

Es steht zu vermuten, dass auch die Mitglieder des Ideenwettbewerbs dieser veralteten Bruch-Denkrichtung angehören. Nur so ist unserer Meinung nach zu erklären, dass ausgerechnet wieder ein solcher Entwurf dabei herauskam. Doch hat dies mit moderner, fortschrittlicher Architektur nichts zu tun, es ist weder innovativ, noch neu. Und wie die Proteste der Bürger zeigen, ist es schon gar nicht harmonisch. Es ist eine Mode, die sich selbst überlebt hat!

Wir bitten daher die Leitung des Museums und speziell Sie, Herr Prof. Dr. Claus von Carnap-Bornheim, diesen Entwurf so nicht auszuführen, sondern Architekten damit zu betreuen, die sich auf harmonisches Bauen verstehen, damit der künftige Anbau sich in die Schlossumgebung einfügt, statt auf so altmodische Weise zu provozieren!

Bei der Überarbeitung des gegenwärtigen Entwurfs würden wir Ihnen als gemeinnütziger Verein gerne beratend zur Seite stehen.

Hochachtungsvoll, für den Vorstand
Manuel Reiprich, Bundespressesprecher „Stadtbild Deutschland e.V.“

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