Stadtbild Deutschland Mitglieder
Vorstellung

Soll man rekonstruieren? Ich muss die Frage rückhaltlos bejahen. Vielleicht ist die Zahl der Menschen in Deutschland wie außerhalb heute noch nicht so sehr groß, welche vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist damit nicht nur eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der Liebe und Pietät zerstört: Es ist auch die Seelenwelt dieser Nachkommen einer Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.

Hermann Hesse, 1948

Anliegen

Ist es „rückwärtsgewandt“, wenn wir in Deutschland zerstörte Bauwerke rekonstruieren? Ist der Wunsch nach intakten Altstädten von gestern?

Als innerhalb weniger Jahre die aberwitzige Menge von 1,3 Millionen Tonnen Spreng- und Brandbomben auf die jahrhundertealten Kerne Deutscher Städte herabregnete, als sich mit den resultierenden flächenhaften Feuern bauliche Zeugnisse aus bis zu 30 Generationen in Asche und Staub verwandelten und so insgesamt 97 mitteleuropäische Stadtbilder aufhörten zu existieren, war noch kein einziges der Gründungsmitglieder von Stadtbild Deutschland geboren.

Keiner von uns erlebte diesen geschichtlichen Einschnitt persönlich mit, keiner begleitete den hektischen, oft rein ökonomisch orientierten Wiederaufbau aus Trümmern oder konnte protestieren, als auch die letzten Reste erhaltener Ensembles der Spitzhacke geopfert wurden. Keiner konnte einschreiten, als sich alte Stadtphysiognomien auflösten und im Nachhinein als gescheitert zu beurteilende städtebauliche Experimente an deren Stelle traten.

Da wir in der Mehrzahl unter 35 Jahre alt sind, geboren Jahrzehnte nach dem Verschwinden vieler Stadtbilder, blieben uns manche Facetten der Geschichte erspart … und doch ist er da, der Schmerz über das Verlorene, vielleicht eine Art Phantomschmerz, allgegenwärtig und umso intensiver, je mehr wir durch Auslandsaufenthalte geprägt sind. Es scheint fast, je weiter der Horizont, je umfassender der Blick über den Tellerrand hinaus, desto stärker das Begreifen des Verlusts:

In einem Land, das nahezu keine intakte Altstadt nennenswerter Größe mehr kennt, seiner baulichen Vergangenheit fast ganz beraubt ist, verschreiben wir uns seit Jahren selbst die Heilmittel, die wir brauchen: Ob wir uns Wochenendtrips nach Madrid und Rom verordnen, eine Überdosis Kultur in Prag oder Lissabon einnehmen oder uns mit “Kuren” in Siena und Brugge behandeln: Immer suchen wir die geschlossenen Stadtkerne ohne Brüche, streben danach, wenigstens im Ausland etwas von dem zu finden, was wir in Deutschland nicht mehr haben: Gewachsene gebaute Vergangenheit, Formensprache, die Geschichte erzählt, älter als zwei Generationen.

Aber in all den Jahren konnten dies nur Versuche sein, Symptome zu lindern – wir kurierten nicht die Ursachen…

Die Gründung von “Stadtbild Deutschland” erfolgte deswegen nicht von heute auf morgen. Sie ist das Ergebnis einer Idee, die über Jahre hinweg entwickelt wurde. Ziel war immer, unsere z.T. schon örtlichen Engagements zu bündeln und all den lokalen Vereinigungen durch unsere globale Sicht Hilfe und Information zu stellen; Unterstützung bieten, wo immer wir sie sinnvoll geben können.

Getragen von einer Generation, die nicht gefragt wurde, sondern nur die Folgen der Entwicklungen kritisch beurteilt, will Stadtbild Deutschland als erster deutschlandweit tätiger Verein eine Anlaufstelle für alle Interessierten sein. Städtebauliche Entscheidungen der Verantwortlichen aus der Großeltern-Generation hinterfragen wir dabei ebenso, wie die gegenwärtigen Entscheidungen der Verantwortungsträger.

Erstere legten durch Kriegsteilnahme und Wiederaufbau den Grundstein für die heutigen Stadtbilder, zweitere führen das Werk unter anderen Vorzeichen bis heute fort: Stadtplanung losgelöst vom historischen Kontext, dogmatisches Rekonstruktionsverbot und Architektur ohne lokalen Bezug, ja sogar oft die bewusste Abkehr von örtlicher Bautradition.

Stadtbild Deutschland besteht aus Architekten, Geistes- und Naturwissenschaftlern, aus Informatikern und Ingenieuren. Bankkaufleute und Handwerker zählen ebenso zu unseren Mitgliedern wie Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. Der Verein repräsentiert einen breiten Bevölkerungsquerschnitt, geeint in dem einen Ziel: Etwas, ein wenig, von dem zurückzugewinnen, was andere europäische Städte in einer großen Selbstverständlichkeit besitzen: geschichtliche Tiefe und historische Geschlossenheit – Ensembles, die älteren Stilepochen entstammen, als die Waschbeton-Fassaden in unseren Fussgängerzonen.

Leitbild

Empfinden Sie es auch als schlimm, wie unsere Städte durch ausdruckslose Neubauten immer mehr an Gesicht verlieren? Möchten Sie sich informieren, warum das so ist? Wollen Sie mit uns zusammen mithelfen, an diesem Zustand etwas zu ändern?

Stadtbild Deutschland e.V. ist ein Verein interessierter und engagierter Bürger, die sich für die Schönheit unserer Städte einsetzen. Unser Ziel ist ein harmonischer Städtebau und ansprechende Architektur, in der sich die Menschen wohl fühlen. Daher lehnen wir austauschbare, banale Neubauten, wie sie derzeit überall entstehen, ab.

Ein Mittel, unseren Städten ihre im Krieg verloren gegangene Schönheit und Individualität zurückzugeben, sind für uns Rekonstruktionen von stadtbildprägenden Gebäuden. Wir wollen lebendige, ökologisch nachhaltige Innenstädte, in denen das Leben auf den Straßen und Plätzen pulsiert und nicht in Shopping-Malls auf der grünen Wiese vor der Stadt. Außerdem plädieren wir für gut konturierte öffentliche Räume entsprechend der europäischen Stadtbautradition.

Wir wollen lokale Bürgerinitiativen unterstützen und uns durch Vernetzung mit anderen Vereinen gegenseitig unterstützen. Wir verstehen uns zugleich als Anlaufpunkt für Architekten, die die trist-funktionale Formensprache der sogenannten „modernen Architektur“ ablehnen, aber nicht die Chance erhalten, ihre Ideen zu verwirklichen. Eine schönere, vielseitigere Architektur ist möglich und für Bauherren auch nicht wesentlich teurer! Aber die Widerstände dagegen sind groß, deshalb benötigen wir Ihr Engagement!

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ hat Gustav Mahler einmal gesagt. In diesem Sinne verstehen wir unser Handeln. Wir wollen nicht zurück zur Vergangenheit, sondern aus der Vergangenheit lernen, um unsere zukünftigen Städte besser zu gestalten. Dieser Gedanke kommt im aktuellen Städtebau zu kurz, daran wollen wir etwas ändern.