Einleitung

Essen – Einleitung

Essen war im 2. Weltkrieg aufgrund der kruppschen Rüstungswerke schon sehr früh ein bevorzugtes Ziel alliierter Bombenangriffe. Mehrere Großangriffe zwischen 1943 und 1945 legten auch hier 90% der Innenstadt in Schutt und Asche und nach dem Krieg wurde im Sinne der autogerechten Stadt neu aufgebaut. Die Essener Innenstadt wird, glaubt man aktuellen Zeitungsartikeln, von der Mehrzahl der Essener als trist empfunden. Eine Essener Bürgerinitiative glaubt, den Grund dafür zu kennen: In der fehlenden historischen Bebauung, sodass der Stadt das Flair fehlt, in dem sich die Bürger wohlfühlen.

In der Tat bestätigen empirische Untersuchungen, dass diejenigen Stadtviertel am attraktivsten empfunden werden, die über historische bzw. historisierende Bebauung verfügen. Die Doktorarbeit von Dr. Nicole Küster von der TU Chemnitz von 2014, Schönheit und Wert von Immobilien, ist dafür beispielsweise ein wichtiger empirischer Beweis, dass Schönheit nichts mit Sentimentalität zu tun hat, sondern damit die wirtschaftliche Attraktivität einer Stadt tatsächlich verbessert werden kann.

Die Bürgerinitiative Altstadt Essen – Für den Wiederaufbau setzt sich dafür ein, dass in Essen genau das in Zukunft geschieht. Im Folgenden wollen wir Essens verloren gegangenes Stadtbild sowie einige ihrer Ideen vorstellen. Historische Bilder stammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, von der ebenfalls sehr empfehlenswerten Seite Essen-historisch.

Markt in Essen
Am Markt, Vergleich von gründerzeitlicher und Nachkriegsbebauung – wie in vielen anderen Städten auch springt einem der Rückschritt der Baukultur ins Auge

Willy-Brandt-Platz

Der Willy-Brandt-Platz

Willy-Brandt-Platz - Essen
Willy-Brandt-Platz – früher und heute

Eines unserer Ziele: die historisierende Umgestaltung des Willy-Brandt-Platzes. Gerade hier am Tor zur Innenstadt besteht mit dem noch erhaltenen Handelshof, dem historischen Postgebäude sowie dem Eickhaus eine gute Grundlage.

Durch die Rekonstruktion des Pagodendaches des Eick-Hauses und der Wiederherstellung der historischen Fassade an der heutigen Galeria Kaufhof lässt sich der Platz als „Tor zur Innenstadt“ deutlich aufwerten. Die Grundlagen einer historisierenden Gestaltung sind durch die noch erhaltenen Bauten bereits gegeben. Dazu ein paar historische Laternen und eine Umgestaltung des Pavillons, und der Eingang zur City strahlt wieder voller Flair.

Pavillon Galeria Kaufhof

Für die Umgestaltung des Pavillons der Galeria Kaufhof käme eine ähnliche Gestaltung wie vor dem Düsseldorfer Carsch-Haus (rechtes Foto) in Frage.

Eick-Haus am Willy-Brandt-Platz

Ein Etappenziel unserer Initiative ist die Rekonstruktion des Pagodendaches des Eick-Hauses am Willy-Brandt-Platz. Gerade am Tor zur City wäre dies ein besonderes Wahrzeichen und würde die Stadtsilhouette definitiv aufwerten. Und diese Idee war bereits im Gespräch.

Kettwiger Straße

Die Kettwiger Straße und ihre Umgebung

Kettwiger Straße Richtung Burgplatz
Kettwiger Straße Richtung Burgplatz
Kettwiger Straße - Blick von der Marktkirche
Heutige Kettwiger Straße – Blick von der Marktkirche

Rechts das alte Rathaus, links Geschäftshaus Friedrich Arens – durch den Wiederaufbau beider Gebäude entstünde zusammen mit der Marktkirche, der noch erhaltenen historischen Fassade von Appelrath-Cüpper und dem Essener Dom im Hintergrund wieder ein schlüssiges Ensemble!

Fassaden in der Kettwiger Straße

Während mit dem Glockenspielhaus, dem ehemaligen Gasthof „Zum Ritter“, dem Modehaus Peter Hahn und dem ehemaligen Café Overbeck noch einige stadtbildprägende Gebäude vorhanden sind, ist insbesondere die Fassade von „New Yorker“ beklagenswert anspruchslos. Hier bietet sich durchaus eine Umgestaltung nach historischem Vorbild an, ähnlich dem daneben stehenden Modehaus.

Zwölfling in Essen

So sah es einst am Zwölfling, der Umgebung der alten Synagoge, aus. Wo heute die triste Fassade des neuen Rathauses und die Rückseite der Rathaus-Galerie das Bild bestimmen, sorgten kunstvolle Hausfassaden und vielfältige Gastronomie für wirkliches Großstadt-Flair.

Kopstadtplatz in Essen
Kopstadtplatz – rechts das ehemalige „Colosseum“
Kopstadtplatz in Essen - heute
Kopstadtplatz – heute
Abrisse

Sinnlose Abrisse der 60er Jahre

Ein Beispiel dafür, wie unsensibel Stadtplaner und Politik in den Nachkriegsjahrzehnten mit baukulturellem Erbe umgegangen sind. Wie das historische Karstadt-Haus vor nicht allzu langer Zeit fiel auch die repräsentative Krupp-Hauptverwaltung der Abrissbirne zum Opfer. Und das ohne jedes Bewusstsein für die stadtbildprägende und stadthistorische Bedeutung dieses Baus.

Das Herzstück von Essen war jedoch das alte Rathaus aus dem Jahr 1884 – hier in einer Fotomontage in die heutige Platzansicht hineinkopiert. Da es im Stil des Historismus erbaut wurde, war es den Architekten der Nachkriegszeit, die den Historismus vehement ablehnten, ein Dorn im Auge. Daher wurde es 1964 abgerissen, obwohl es im Krieg kaum Zerstörungen erlitten hatte. Die Nachfolgearchitektur konnte an die Ästhetik nicht mehr anknüpfen. Eine Rekonstruktion dieses Rathauses wäre für Essens Innenstadt ein Segen, ist momentan aber aufgrund der hohen Kosten noch Zukunftsmusik.

Alte Krupp-Hauptverwaltung
Alte Krupp-Hauptverwaltung
Altes Rathaus Essen
Altes Rathaus Essen (Fotomontage)
Fazit

Wie kann Essens Stadtbild langfristig aufgewertet werden?

Im Rahmen des neuen Innenstadtkonzeptes oder des Strategieprozesses Essen2030 könnte man die Idee, einige der Fassaden wiederherzustellen, umsetzen. Das Gegenargument, dies sei nicht bezahlbar, wird durch aktuelle Bauprojekte traditionell orientierter Architekten immer wieder entkräftet. Dieses Wohnhaus in Hamburg, Wiesenstraße 7, zum Beispiel, wurde 2014 im zurückhaltend interpretierten Stil der Gründerzeit neu errichtet. Die Mehrkosten für die leicht aufwendigere Fassade betrugen laut Auskunft des Architekten, Jakob Siemonsen, nur 1 % der gesamten Baukosten.

Haus Winter - Wiesenstr. 7, Hamburg

Aber solche Projekte bilden eine Ausnahme in dem Einerlei, der heute überall geplant und gebaut wird. Wenn es also nicht wesentlich teurer ist, mit gestalterisch reicherer Fassade zu bauen, wieso wird es trotzdem so selten gemacht?

Das liegt vor allem an den Vorstellungen vieler Stadtplaner, die immer noch von den Prinzipien des Bauhauses geprägt sind und die heute als Synonym für „moderne“ Architektur gelten: Einfache Formen, Flachdächer, bloß nicht zu viel Fassadenschmuck! Das sind die Prinzipien modernen Bauens, die bei zu planenden Bauprojekten immer zugrunde gelegt werden. Bauherren wissen das und planen mittlerweile auch kaum noch etwas Anderes. Das sind auch die Prinzipien, nach denen an den Universitäten bis heute gelehrt wird. Beschäftigung mit historischer Formensprache, ja bitte, aber nur in der Theorie, bloß keine Neuinterpretation dieser Formen in der Praxis! Die Angst der Planer und Professoren, von Kollegen der eigenen Zunft als „rückwärtsgewandt“ betrachtet zu werden, spielt dabei eine große Rolle. Ein Irrweg, der den Architekten – zumindest bei öffentlichen Ausschreibungen – fast nichts anderes übrig lässt, als einfache Formen zu verwenden, die meist kühl und trist wirken.

Was Essen, ebenso wie andere Städte, braucht, ist frischer Wind und mehr Vorgaben der Stadträte. Denn wenn die Stadträte durch eine Gestaltungssatzung vorschreiben, dass bei künftigen Bauprojekten mehr gestalterische Vielfalt und auch „historisierende“ Architektursprache, aber neu interpretiert, zur Verwendung kommen soll, dann würden die Stadtplanungsämter auch den nötigen Rückhalt besitzen, diese von Investoren einzufordern. Diese würden deswegen nicht weglaufen, im Gegenteil, denn durch den langfristig erwartbaren Attraktivitätszuwachs einer schickeren City steigt oftmals der Wert einer Immobilie in dortiger Lage an – und das oft mehr als nur 1 %! Letzten Endes sind es also auch wirtschaftliche Faktoren, die für mehr Mut und Vielfalt bei neuen Bauprojekten sprechen.