Einleitung

Frankfurt am Main – ein aktuelles Vorbild in Sachen „Stadtreparatur“

Altstadt vor 1944

Bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1944 besaß Frankfurt eine der bedeutendsten und flächenmäßig größten Fachwerkaltstädte Deutschlands. Insbesondere das Gebiet im Kernbereich zwischen Kaiserdom und dem Rathaus/ Römer erhielt sich in seinen Verläufen und Ausmaßen nahezu vollständig aus dem Spätmittelalter heraus und würde heute wohl als Ganzes den UNESCO-Weltkulturerbetitel besitzen. Ab 1920 war das Areal, das unter hygienisch fragwürdigen Zuständen litt, umfassend saniert worden. Für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie man sicher glaubte. Es kam bekanntlich anders.

Frankfurter Altstadt im Juni 1945
Altstadt im Juni 1945

Nach der Zerstörung der Frankfurter Altstadt 1944-45 stand der Wiederaufbau ganz im Sinne einer aufgelockerten, modernistischen Bebauung, die nur noch wenig Rücksicht auf gewachsene Stadtgrundrisse legte und den weitgehenden Bruch mit der Vergangenheit anstrebte, wie das in vielen anderen Städten auch geschah. Dabei wurde auch in Frankfurt, ähnlich wie in der DDR, Privatbesitz enteignet, um ambitionierte Bauvorhaben zu ermöglichen und vielerorts noch erhaltene und wiederaufbaufähige historische Bausubstanz abzutragen. Die nachfolgenden Fotos einiger Straßen und Plätze vermitteln einen knappen Eindruck des städtebaulichen Verlustes, den Frankfurt erlitten hat:

Fünffingerplätzchen
Fünffingerplätzchen – damals und heute

Das ehemalige „Fünffingerplätzchen“ war ein beliebtes Fotomotiv. Es war ein winziger Platz östlich des Römerbergs, an dieser Stelle befindet sich heute die Schirn-Kunsthalle.

Goethestraße und Rathenauplatz
Rathenauplatz, Blick in die Goethestraße hinein

Deutlich auf dem historischen Bild erkennbar ist der gute Zustand des beschädigten Kopfbaues, den man durchaus hätte retten können. Aber der Zeitgeist stand leider an sehr vielen Stellen auf Abriss und besonders für solche Gebäude im Stil des Historismus, dem man das beliebige Zusammenwürfeln historischer Bauformen vorwarf, hatte man nach dem Krieg wenig übrig. Aus diesem Grund wurde in vielen Städten gerade die kaiserzeitliche, erhaltene Bebauung gnadenlos abgerissen, obwohl sie, da aus Stein gebaut, vielerorts die Feuerstürme des Bombenkrieges noch am Besten überstanden hatte.

Luthereck
Luthereck – damals und heute

Das „Luthereck“. Die zerstörte historische Bebauung wurde durch konventionelle Nachkriegswohnblocks ersetzt. Zwar brauchte man nach dem Krieg bekanntlich dringend Wohnraum, die Individualität der Altstadt aber ist dadurch völlig verloren gegangen.

Salzhaus
Salzhaus – heute und 1896

Das historische „Salzhaus“ am Römer,  hier in einer seltenen Fotochrom-Farbaufnahme von 1896, ebenfalls ein schmerzhafter Verlust an Stadtidentität. An dieser behutsamen Stelle waren die Nachkriegsarchitekten glücklicherweise um einen behutsamen Wiederaufbau bemüht, der hohen künstlerischen Ansprüchen genügen sollte. Das Ergebnis ist städtebaulich überzeugend und das neue Salzhaus mit seiner markanten Fassade nun selbst ein Teil der Frankfurter Geschichte und Identität geworden. Hier kann man sehen, wie damals noch versucht wurde, an die Tradition des Ortes anzuknüpfen und diese neu zu interpretieren. Dass dies moderner Architektur heutzutage ebenfalls gelingen soll und Architektur sich besser in Seele und Geschichte eines Ortes einfügen muss, ist eine unserer zentralen Vereinsforderungen und Ziele.

Rossmarkt
Rossmarkt – damals und heute

Rossmarkt. Hier kann man sich allerdings darüber streiten, ob die historische Bebauung, hätte sie den Krieg überstanden, den neuen Anforderungen an die Finanzmetropole Frankfurt gewachsen gewesen wäre. Vielleicht hätte man sie auch ohne Kriegseinwirkungen irgendwann beseitigt, weil sie dem ökonomischen Fortschritt im Wege gestanden hätte.

Weitere Informationen

Für weitere Informationen sind Sie herzlich eingeladen, unser Diskussionsforum zu besuchen. Dort finden Sie zahlreiche Beiträge über Frankfurt am Main und andere Städte. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften, Anregungen und vielleicht auch eigene Fotos.

Ortsverband Frankfurt / Main, Thomas Petzinna, E-Mail: Thomasinffm@gmx.de

Wir bitten außerdem alle stadtbildinteressierten Frankfurter, diese Initiativen zu unterstützen:

Bürgerinitiative Pro Altstadt, die sich für das DomRömer-Projekt engagiert

Architektenbüro von Georg Zastrau

Initiative für den Wiederaufbau des Schauspielhauses

DomRömer-Projekt

Das DomRömer-Projekt – die Rückkehr eines Teils der Frankfurter Altstadt

Der überdimensionierte Waschbetonbau des Technischen Rathauses wurde Anfang der 1970er Jahre in den Kernbereich der Frankfurter Altstadt gestellt, dafür mussten damals noch einige erhaltene Gebäude in der Braubachstraße abgerissen werden. Gegen den Bau gab es schon damals Proteste, da er an solch eine sensible Stelle gesetzt wurde. Ein typisches Beispiel für den „Brutalismus“ vieler Stadtplaner der damaligen Zeit, die den bewussten Bruch mit der Vergangenheit und Tradition zelebrieren wollten.

Das Technische Rathaus wurde 2010 abgerissen. Die Fläche sollte neu bebaut werden, doch der „Siegerentwurf“ (KSP Engel Zimmermann) des Architekturwettbewerbs zeigte wieder einmal, dass auch diese Architektenjury mehr auf großflächige, eintönig-modernistische Architektur setzte als auf Urbanität:

Dieser Siegerentwurf konnte niemanden so richtig überzeugen. Öffentlicher Druck der Bürger brachte dann den Stein ins Rollen: Im September 2007 kam es zu einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung. Dieser sah eine historisierende, kleinteilige Bebauung mit einer möglichst genauen Wiederherstellung des historischen Straßennetzes wie vor dem Zweiten Weltkrieg vor. Es entsteht ein rund 7.000 m² großes Areal mit neuen Altstadtbauten. Dieses befindet sich zwischen dem Römerberg im Westen und dem Domplatz im Osten (danach oft als Dom-Römer-Projekt bezeichnet), begrenzt durch die Braubachstraße im Norden und die Schirn Kunsthalle im Süden. Die Grundsteinlegung erfolgte Ende Januar 2012.

Der neu entstehende Hühnermarkt

Goldene Waage

Visualisierung zum aktuellen DomRömer-Projekt, hier im Bild: Die Rekonstruktion der „Goldenen Waage“, daneben ein modernes Füllgebäude. Leider war eine komplette Rekonstruktion des Viertels politisch nicht durchsetzbar. Das lag nicht etwa an fehlenden Investoren, sondern an Widerständen seitens einiger Teile der Architektenschaft. Diese wenden sich oft aus Prinzip gegen Rekonstruktionen, denen sie Unechtheit vorwerfen.

Ende 2017 sollen alle Häuser fertiggestellt sein,  2018  das Altstadtviertel dann mit einem mehrtägigen Fest eröffnet werden. 35 neue Gebäude entstehen, darunter immerhin 15 Rekonstruktionen. Dass es nicht mehr werden, ist ein Kompromiss zwischen Rekonstruktionsbefürwortern und moderner Architektenschaft. Es entsteht also eine Art Mischviertel. Hauptsache aber ist, dass eine kleinteilige, humane Altstadtstruktur in die Frankfurter City zurückkehrt. So sieht anspruchsvolle Stadtreparatur aus: Das Reparieren städtebaulicher Fehler der Nachkriegszeit und die Schaffung einer lebenswerten,urbanen Innenstadt für die Bürger!

Video zum Projekt

Westlicher Römerberg

Der westliche Römerberg –  Reanimation Altstadt 2.0

Die westliche Seite des Römerberges fristet eine Art Hinterhofdasein. Dorthin verirrt sich kein Tourist und die Mehrzahl der dort befindlichen öffentlichen Gebäude können kaum dazu beitragen, den Stadtraum zu beleben.

westlicher Römerberg
Der westliche Römerberg – eine Hinterhof- und Parkfläche, die nicht zum Verweilen einlädt – hier bleibt wertvolle Innenstadtfläche praktisch ungenutzt

Der Architekt Georg Zastrau schlug deshalb 2015 vor, dass man doch auch dieses marginalisierte Gelände neu und kleinteilig gestalten könnte. Die folgende Visualisierung soll seine Idee veranschaulichen, die er „Reanimation Altstadt 2.0“ taufte:

Neugestaltung westlicher Römerberg von Zastrau
Stadtreparaturpläne für den westlichen Römer von Georg Zastrau: Eine kleinteilige Bebauung, durch die zusätzliche Gassen für Fußgänger geschaffen werden können, die ein abwechslungsreiches, lebendiges Stadtzentrum ermöglichen
Schauspielhaus

Das Schauspielhaus

Das Rekonstruktionsfieber scheint die Frankfurter Bürger gepackt zu haben. Das Schauspielhaus, ein Jugendstilbau von 1902, hatte den Krieg beschädigt, aber wiederaufbaufähig überstanden. Dennoch wurde es bis auf wenige noch heute erhaltene Teile abgerissen und ein modernistischer Neubau darauf gesetzt. Eine Bürgerinitiative strebt nun an, das sanierungsbedürftige Schauspielhaus abzureißen, um das Jugendstilhaus von 1902 zu rekonstruieren. Die Sanierungskosten werden auf bis zu 800 Mio. Euro geschätzt, daher könnte eine Rekonstruktion am Ende sogar für die Stadt die günstigere Lösung werden, auch wenn das Vorhaben derzeit noch keine Sympathie im Stadtrat hat und versucht wird, das Thema totzuschweigen. Aber das war beim DomRömer-Projekt am Anfang genauso.

Das Frankfurter Schauspielhaus in seiner Jugendstilgestalt von 1902, im teilzerstörten Zustand nach dem Krieg und in seinem heutigen Zustand. Erste modernistische Neu- und Umbauideen existieren auch schon. Aber wie das DomRömer-Projekt zeigt, müssen diese ja nicht das letzte Wort behalten, vor allem nicht, wenn sie so langweilig daherkommen wie dieser hier.

Stadtbild Deutschland unterstützt die Idee, das Jugendstil/Historismus-Schauspielhaus möglichst originalgetreu zu rekonstruieren und hat sich mit einem offenen Brief an die Stadträte gewandt.

Schauspielhaus früher
Schauspielhaus früher
Schauspielhaus nach 1945
Schauspielhaus nach 1945
Schauspielhaus heute
Schauspielhaus heute
Schauspielhaus geplanter Neubau
Schauspielhaus geplanter Neubau