Einleitung

Hann. Münden – wie aus einer anderen Zeit

Hann. Münden
Blick auf die Altstadt von Hann. Münden von der Tillyschanze aus gesehen

Hann Münden, 20 Kilometer nordöstlich von Kassel, 25 000 Einwohner, hatte Glück! Es blieb wegen seiner geringen Größe von Zerstörungen im 2. Weltkrieg weitgehend verschont, aber auch die Flächenabrisse der Nachkriegszeit machten einen Bogen um die Stadt, sodass sie bis heute über einen weitgehend geschlossenen Altstadtkern verfügt. Wer wissen will, wie Hildesheim, Braunschweig oder Kassel heute aussehen könnten, hätte es keinen Krieg gegeben, der sollte nach Hann. Münden fahren und sich die Stadt (sowie einige andere interessante Städtchen drumherum) anschauen.

Gasse in Hann. Münden
Die Gassen der Altstadt – dichtbebautes Fachwerk

Die Erhaltung und Sanierung der Mündener Altstadt erfordert viel bürgerschaftliches Engagement. Die Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt eG und der Förderverein Mündener Altstadt leisten in dieser Hinsicht wichtige und bedeutsame Arbeit.

Burgstraße 28

Ein Haus aus dem Jahr 1443

1443 – das ist das dendrochronologisch festgestellte Alter des Holzes dieses Fachwerkhauses in der Burgstraße 28. Damit ist das Haus eines der Ältesten der Stadt und sein Holz sogar älter als Christoph Columbus. Man wird nur selten noch ältere Bausubstanz in Deutschland finden. Das Haus ist also beim besten Willen das, was man als „original erhalten“ bezeichnen würde, weil es nie zerstört wurde.

Schaut man jedoch ins Innere, merkt man schnell, wie original erhalten alte Häuser in Wahrheit noch sind. Tatsächlich ist nur noch das Holz des Grundgerüstes teilweise original, das gesamte Innenleben des Hauses dagegen wurde immer wieder umgestaltet und neuen Nutzungsbedingungen angepasst. Die letzte Umgestaltung ist nur wenige Jahre her. Auch die Balken waren nicht mehr aus eigener Kraft tragend und mussten durch Stahlstreben zusätzlich verstärkt werden. Auch im Flur sind nur noch die dunkel gestrichenen Balken alt, alles andere ist historisierend erneuert worden.

Dieses Umgestalten alter Häuser ist ein völlig normaler Prozess und er lässt sich auch an anderen Stellen Hann. Mündens feststellen. Dieses Portal stammt aus dem Jahr 1621 und schmückt das Haus bis heute, schaut man jedoch in den Eingang hinein, sieht man wie anderswo auch moderne Treppe und Treppenhaus. Nicht anders ist es beim berühmten Rathaus im wenige Kilometer entfernten Melsungen, einem der größten Fachwerkhäuser Deutschlands. Außen sieht alles original aus, doch schon im Erdgeschoss sieht man, dass drinnen modernisiert wurde.

Burgstr. 28 - Hann. Münden
Burgstr. 28 – Fassade
Hann. Münden - Spätrenaissance-Portal von 1621
Spätrenaissance-Portal von 1621
Fazit

Disneyland vs. Originalgebäude – kann man das unterscheiden?

„Rekonstruktionen sind Disneyland, sind nicht echt, sind nur Fassade“

Solche Phrasen werden seit Jahrzehnten von Gegnern von Rekonstruktionen verbreitet. Sieht man sich aber die unzerstörten und damit vermeintlich original erhaltenen Baudenkmäler an, stellt man meist schnell fest, dass bis auf die Fassade auch dort nur noch wenig original erhalten geblieben ist. Das ist keineswegs beklagenswert, im Gegenteil. Es zeigt, dass diese Gebäude immer in Benutzung blieben und daher auch immer neuen Nutzungsbedingungen angepasst wurden. Erhalten blieb meist nur die äußere Hülle, aber auch die ist immer wieder umgestaltet worden.

Das ist schon vor 100 Jahren übliche Praxis gewesen, als man ganze Straßenzüge von Altstädten entkernte und hinter die jahrhundertealten Fassaden moderne Kaufhäuser errichtete. Auch das Palais Barberini in Potsdam ist nur eine neue Fassade vor zwei älteren Häusern gewesen.

Was lässt sich daraus schlussfolgern?

Eine Rekonstruktion unterscheidet sich von einem original erhaltenen Altstadthaus nur durch das Alter des in ihrer Fassade verwendeten Baumaterials. Das kann, muss aber nicht, in originalen Häusern tatsächlich sehr alt sein. Wenn es also nur auf das Alter von ein paar kaum noch sichtbaren Holzbalken ankommt, ob Architekten von „Disneyland“ sprechen oder von Originalgebäude, dann ist dieser Unterschied nicht mehr sachlich-rational zu ziehen.

Es lässt sich die These aufstellen: Architektur war schon immer vor allem Fassadenarbeit, war schon immer Disneyland! Hinter den Fassaden verbarg sich oft etwas ganz Anderes.

Wenn wir Stadtbaukunst wieder als Kunst begreifen, als etwas, bei dem es auf die Schaffung angenehmer Stadträume ankommt, dann muss man eher die Frage stellen: Was können sich heutige, moderne Architekten an Städten wie Hann Münden oder Melsungen abgucken, um auch in heutiger Zeit eine ähnliche Ästhetik zu erreichen?