Einleitung

Zerstörung und Wiederaufbau

Hildesheim, 30 km südlich von Hannover, mit ca. 100 000 Einwohnern die kleinste Großstadt Niedersachsens. Wegen ihrer prachtvollen Fachwerkbauten wurde Hildesheim einst das „Nürnberg des Nordens“ genannt. In der Stadt selbst gab es 1945 keine besonderen Industrieanlagen, die einen Angriff gerechtfertigt hätten. Am nördlichen Stadtrand gab es einen Ausbildungsstätte der Luftwaffe, nördlich des Stadtzentrums einen Güterbahnhof. Am 22. März 1945, 14.15 Uhr wurde dieser Güterbahnhof zum kriegswichtigen Ziel der Royal Air Force und die gesamte historische Altstadt südlich davon gleich mit. Nur zwei Wochen vor dem Einmarsch der US-Truppen in die Stadt wurde damit eine der kulturhistorisch wertvollsten und architektonisch schönsten deutschen Altstädte nahezu restlos zerstört, ca. 1500 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Da von den Fachwerkhäusern, anders als bei Steinbauten, nahezu nichts den Stadtbrand überstand, war es hier leichter als anderswo, „tabula rasa“ zu machen und die Stadt völlig neu zu planen und aufzubauen. Obwohl der Hildesheimer Wiederaufbau nicht zu den Schlechtesten in Deutschland gezählt werden muss, ist damals der Fehler begangen worden, keines der charakteristischen Fachwerkhäuser zu rekonstruieren.

Marktplatz

Marktplatz und Knochenhaueramtshaus

Obwohl viele Hildesheimer dafür kämpften, lehnte die Stadtverwaltung auch einen Wiederaufbau ihres Knochenhaueramtshauses zunächst ab. An seiner Stelle entstand das „Hotel Rose“, das bis in die 80er Jahre den Marktplatz prägte.

Hotel Rose
Das „Hotel Rose“ wurde nach dem Krieg an der Stelle des Knochenhaueramtshauses errichtet

Erst dann hatte eine erneute Bürgerinitiative Erfolg, das „Rose“ wurde abgerissen und der Marktplatz rekonstruiert, sodass sich Hildesheims Herz in etwa wieder so präsentiert, wie er mal war. Freilich nur als „Traditionsinsel“, denn die restliche Innenstadt ist praktisch vollständig ein Nachkriegsprodukt. Beim Wiederaufbau des Marktplatzes half übrigens ein juristischer Trick des damaligen Kulturministers Johann Tönjes-Cassens: Er erklärte das zerstörte Marktplatzensemble zum wiederherzustellenden Denkmal und bekam deshalb Mittel des Denkmalschutzes bewilligt.

Marktplatz und Knochenhaueramtshaus
Hildesheims Marktplatz mit dem markanten und identitätsstiftenden Knochenhaueramtshaus (1529-1945, rekonstruiert 1989)

Waren anfangs sehr viele gegen die Rekonstruktion, ist der Marktplatz aus dem Hildesheimer Stadtbild und v.a. dem Stadtmarketing gar nicht mehr wegzudenken.

Der restliche Teil dieser einst wunderschönen Stadt ist jedoch vergessen und im Stadtbild erinnert auch keine Informationstafel mehr daran. Selbst in dem neu erbauten Informationscenter am Markt wollte man von der Idee,  mit Fotos an das vergessene Hildesheim  zu erinnern, auf Nachfrage unseres Vereins hin nichts wissen. Man begnügte sich dort scheinbar damit, den ohnehin vor der Haustür befindlichen Marktplatz mit Fotos zu bewerben. Vollkommen unverständlich, wieso die Stadt ihr Potential nicht besser nutzt. Zum Glück nahm sich die „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ des Themas an und veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Fotos von einst und jetzt.

Stadtrundgang

Hildesheim damals und heute – der „peitschende Schreck“

Dass Hildesheim zerstört worden ist, habe ich bis heute nicht begriffen. Als ich es zum letzten Male vor dem Kriegsende im Jahre 1944 besuchte, war es gänzlich unversehrt. Als ich im Spätherbst 1945 wiederkam, war das Eigentliche nicht mehr da, der Stadtkern war niedergelegt, war geschleift wie einst Karthago nach dem Dritten Punischen Kriege. Noch heute, wenn ich den Bahnhof verlasse, um die Stadt zu betreten, ist das Unterbewusstsein auf eine tausendjährige Herrlichkeit gefasst, und jedesmal befällt mich derselbe peitschende Schreck…“

Hans Egon Holthusen, Schriftsteller (1913-1997)

Borchersches Haus und Hexenerker

Borchersches Haus
Borchersches Haus „an der Lilie“

Lilie, so heißt der große Platz östlich des Rathauses, also nur ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt. Mit ca. 25 Metern ebenso groß wie das Knochenhaueramtshaus, ist sein Standort bis heute unbebaut geblieben.

Borchersches Haus Hexenerker Windbretter
Hexenerker am Borchersches Haus

Das Borchersche Haus war v.a. für seinen Erker bekannt, der im Volksmund „Hexenerker“ genannt wurde, da die Frau, die unter dem Dach des Erkers abgebildet war, die Leute an eine Hexe erinnerte. Unter den Fenstern erkennt man gut die für Hildesheim typischen „Windbrettmotive“, die an zahlreichen Häusern zum Schmuck angebracht waren und die oftmals religiös-allegorische oder einfach witzige Motive beinhalteten.

Osterstraße: Elberfelder Hof und Altdeutsches Haus

Elberfelder Hof
Elberfelder Hof, Osterstraße 52

Es gibt nicht besonders viele Fotos des Elberfelder Hofes in guter Qualität, aber imposant muss er gewesen sein, der im 16. Jahrhundert erbaute Gasthof. Zwar versuchte die Nachkriegsbebauung in Hildesheim an vielen Stellen die alten Proportionen wieder aufzunehmen, doch gelingt es den nackten, schlichten 60er- Jahre Fassaden nicht, an ihr Vorbild anzuknüpfen.

Altdeutsches Haus
Altdeutsches Haus, Osterstraße 7

Richtung Norden, nur eine Gehminute vom Borcherschen Haus entfernt, begegnet uns dieses Kleinod niedersächsischer Fachwerkbaukunst. Das Altdeutsche Haus war eines der Hildesheimer Charakterbauten, v.a. sein dreifacher Dreieckserker war europaweit einmalig. Auch dieses Haus war mit den für Hildesheim typischen Windbrettmotiven geschmückt, die sich v.a. mit dem Thema „Tod“ und „Vergänglichkeit“ beschäftigten. Auch dieses Haus fiel dem Stadtbrand am 22. März 1945 zum Opfer. Das Gelände wurde erst in den 60er Jahren neu bebaut, wie man sehen kann, nicht zum ästhetischen Vorteil.

Der Andreasplatz

Pfeilerhaus und Zuckerhut
Pfeilerhaus und Zuckerhut

Überquert man westlich des Marktplatzes den Hohen Weg, gelangt man auf den Andreasplatz, der wohl ebenfalls zu den ehemals schönsten Plätzen Niedersachsens gezählt werden kann. Dort befanden sich das „Pfeilerhaus“ und der „umgestülpte Zuckerhut“. Letzterer wurde dank der Privatinitiative des 2015 verstorbenen Hildesheimer Architekten Dr. Heinz Geyer 2010 rekonstruiert. Das Pfeilerhaus hätte Herr Geyer ebenfalls gerne rekonstruiert, aber leider steht das Nachkriegsgebäude, wie der gesamte nördliche Andreasplatz, inzwischen unter Denkmalschutz.

Trinitatishospital
Trinitatishospital

Das Trinitiatishospital am westlichen Andreasplatz wurde zuletzt, man mag es kaum glauben, als Eisengießerei genutzt, aber das Äußere des Gebäudes blieb bis 1945 erhalten.

Eckgebäude am westlichen Andreasplatz
Eckgebäude am westlichen Andreasplatz

Der westliche Andreasplatz, einige Meter weiter. Das Eckgebäude, das hier bis 1945 stand, muss wohl auch zu den besonders schmerzlichen Verlusten Hildesheims gezählt werden.

Das Rolandspital

Rolandspital
Rolandspital

Das Rolandspital an der Kardinal-Bertram Straße, Ecke Eckemekerstraße. Zuletzt als Altenheim für mittellose Männer genutzt (angeblich ein dunkler, verrufener Ort), ist es dennoch ein Charakterbau gewesen, den es so wohl kaum ein zweites Mal in Deutschland gab. Fast wirkt das Spital so, als wolle es gleich nach links wegkippen. Heute befindet sich an seiner Stelle der Straßenbelag der rechten Fahrspur.                       

Eckemekerstraße / Alter Markt

Eckemekerstraße
Eckemekerstraße

Blickt man nach links und geht ein paar Schritte über die Straße, gelangt man an die heutige Hauptschule Alter Markt. Vor 1945 bot sich stattdessen dieses malerische Bild. Für alle Hildesheimer, die gerade mit den Straßennamen durcheinanderkommen: Damals war dieser Straßenzug, der heute „Alter Markt“ hieß, eine westliche Verlängerung der Eckemekerstraße.

Schuhstraße

Schuhstraße
Schuhstraße

Die Schuhstraße ist heute eine wichtige Ost-West-Durchgangsstraße für die Hildesheimer, die zur Rush-Hour oft verstopft ist. Vor 1945 bot sie ein wesentlich malerisches Bild. Um den Verkehr zu bewältigen, gab es bereits in den 20ern Pläne, südlich Hildesheims eine Umgehungsstraße zu errichten. Der 22.März 1945 erübrigte dann solche Überlegungen.

Blankenburg
Blankenburg

Fast derselbe Ort, nur ein paar Meter weiter östlich, steht man an einem der wenigen Hochhäuser Hildesheims. An diesem Standort befand sich auch vor 1945 ein markanter Bau, das Kaufhaus „Blankenburg“. Hier wird besonders deutlich, was Hildesheim nicht nur an Fachwerk, sondern auch an Historismusbauten verloren hat.

Goldener Engel und Domschänke

Goldener Engel heute
Der Platz vor dem Dom: Kreuzstraße, Ecke Hückedahl – hier zu sehen ist das Landessozialgericht

Was aber auf dem Platz vor dem Gebäude einst stand, ist heute weitgehend vergessen: Der Goldene Engel.

Goldener Engel
Goldener Engel

Der Gasthof zum Goldenen Engel war eines der größten Fachwerkgebäude der Welt. Leider sind offenbar keine Baupläne erhalten geblieben, sodass das Innere des Gebäudes nur anhand von Zeitzeugenberichten rekonstruiert werden kann. Unten befand sich der Gasthof, im hinteren Teil des Gebäudes eine Treppe, in der 1. Etage ein großer Saal, 2. und 3. Etage die Fremdenzimmer, darüber wohnte die Familie des Gasthofbesitzers. Zuletzt hatte dieses Privileg die Hildesheimer Familie Balliel.

Goldener Engel und Domschänke
Goldener Engel und Domschänke

Direkt daneben, auf der anderen Seite der Straße, die Domschänke. Deren Kellergewölbe, der sog. „Remter“, ist noch bis heute erhalten geblieben.

Stadtbild

Was kann Hildesheims Stadtbild verbessert werden?

Arnekengalerie
Die Arnekengalerie – Hoffnungsträger für eine Belebung der Innenstadt, konnte die Erwartungen nicht erfüllen

Um Hildesheim zu etwas Besonderem zu machen, kann die Lösung nicht darin bestehen, gescheiterte Erfolgsrezepte anderer Städte zu kopieren. Große Einkaufscenter ziehen dem Einzelhandel in der Innenstadt Kundschaft ab und tragen daher wenig dazu bei, das Zentrum wirklich zu beleben. Die Arnekengalerie, die mit großen Erwartungen angekündigt und eröffnet wurde, hat seit ihrem Bestehen mit Auslastungsproblemen zu kämpfen. Auch städtebaulich ist dieser Stil keine Bereicherung und lässt sich in jeder größeren Stadt finden.

Welche Optionen gibt es unserer Meinung nach, Hildesheims Zentrum aus städtebaulich-ästhetischer Sicht aufzuwerten?

Rekonstruktionen?

Hildesheims Altstadt war geprägt von kunsthistorisch bedeutsamsten Fachwerkbauten. So etwas in heutiger Zeit, bei heutigen Handwerkskosten, zu rekonstruieren, ist alles andere als leicht und wäre auch nur an vereinzelten Punkten sinnvoll. Ein geeignetes Objekt für Hildesheim wäre das Borchersche Haus. Die folgende Fotomontage zeigt, wie ein wieder aufgebautes Borchersches Haus auf der „Lilie“, dem großen Platz hinter dem Rathaus, wirken würde.

Borchersches Haus (Fotomontage)
Borchersches Haus (Fotomontage)

Vielleicht sind einzelne Rekonstruktionen wünschenswert, aber im Moment illusorisch. Zu unbekannt sind die Hildesheimer Charakterbauten geworden, zu teuer wäre tatsächlich ihre Rekonstruktion, zu knapp die öffentlichen Kassen Hildesheims, zu gering das Wachstum der Stadt, um potente Investoren dafür anzulocken und wohl auch zu gering das momentane Interesse der Bevölkerung.

Andererseits war auch der Standort des Knochenhaueramtshauses in den 70er Jahren vielen Hildesheimer nicht mehr bekannt. Heute weiß wieder jeder, wo es steht. Gebäude, Symbole, Identitäten können zurückkehren, auch wenn sie zeitweise vergessen sind. Vielleicht wird es in Zukunft dafür die nötigen gesellschaftlichen und politischen Mehrheiten geben. Wir von Stadtbild Deutschland werden entschieden dafür kämpfen!

Mehr Vielfalt im Stadtbild durch Windbrettbilder

Neubau Almsstraße 48
Almsstraße 48 – doch nackte Fassaden müssen nicht sein!

Doch schon in der Gegenwart ließen sich bedeutende Veränderungen auf den Weg bringen. Dieses Gebäude in der Almsstraße 48 an der Jakobikirche steht symptomatisch für das beliebige Einerlei der aktuellen deutschen Architektur, das auch vor Hildesheim nicht Halt macht. Gesichtslos, langweilig, austauschbar! Doch schon mit verhältnismäßig geringem Aufwand  ließe sich regionaltypische Ästhetik ins Stadtbild bringen.

Die Tradition der Hildesheimer Hauswandbilder, in Fachkreisen „Windbrettmotive“ genannt, ist dafür ein unserer Meinung nach geeignetes Mittel. Hildesheim wurde wegen seiner vielen künstlerisch gestalteten Windbretter unter den Fenstern einst auch die „Stadt der Bilder“ genannt. Die Windbrettmotive an  alten Häusern erzählten oft, so würde man es heute beschreiben, eine regelrechte Comicgeschichte.

Beim Wiederaufbau des Knochenhaueramtshauses 1989 interpretierte man diese regionale Tradition neu. Für die Nordseite des Hauses, für die keine Fotos der originalen Windbrettmotive überliefert waren, erschuf man einfach neue im Stil der Zeit und mit für dieses Gebäude thematisch passenden Motiven.

Das Ergebnis ist mehr als gelungen. Diese Windbretter regen zum Nachdenken an und machen deutlich, dass dieses Haus eben wirklich eine Rekonstruktion ist und kein Original. Da kann niemand mehr von „Disneyland“ oder „Fälschung“ sprechen, es ist vielmehr an manchen Stellen eine Neuinterpretation.

modernes Windbrett am Knochenhaueramtshaus
Modernes Windbretter an der Nordseite des Knochenhaueramtshauses – Krieg  eindrucksvoll in Szene gesetzt.
modernes Windbrett am Knochenhaueramtshaus
Moderne Windbretter an der Nordseite des Knochenhaueramtshauses – Vergänglichkeit

Wieso sollte man diese Tradition nicht wieder aufgreifen? Eine städtische Gestaltungssatzung, die bei Neubauten die Verwendung von Windbrettmotiven im traditionellen oder zeitgenössischen Stil fördert, könnte das Stadtbild langfristig verändern und ihm mehr Individualität verleihen. Das könnte den Tourismus beleben und das lokale Kunsthandwerk fördern. Hildesheim könnte so wieder eine Stadt der Bilder werden!

modernes Balkenkopfmotiv
Modernes Balkenkopfmotiv

Das man Balkenköpfe auch mit heutigen Motiven humorvoll schmücken kann, zeigt dieser Balkenkopf am Knochenhaueramtshaus, für den offensichtlich unser verstorbener Altkanzler Helmut Kohl Pate gestanden hat.