Einleitung

Stuttgart – das Fallbeispiel modernistischen Städtebaues

An Stuttgarts Wiederaufbau und seiner heutigen Situation lassen sich an einigen Beispielen besonders gut Charakteristika des Nachkriegsstädtebaues und auch Defizite des heutigen Städtebaues erläutern. Auch für Nicht-Stuttgarter ist daher diese Zusammenfassung lesenswert.

Damit wollen wir jedoch nicht behaupten, dass Stuttgart keine lebenswerte Stadt sei, im Gegenteil. Das Zentrum aber – und nur um das geht es hier – besitzt große Verbesserungsmöglichkeiten. Der Blick zurück in die Vergangenheit der Stuttgarter Altstadt vor ihrer Zerstörung kann Möglichkeiten zeigen, was die Stadtplanung in Zukunft besser machen könnte.

Stuttgart - Luftbild 1943
Stuttgarter Altstadt 1943 (Quelle: Marburger Index)

Luftbild der Stuttgarter Altstadt im Jahr 1943. In der Mitte der Marktplatz mit dem markanten  Historismus-Rathaus, in der oberen rechten Ecke altes und neues Schloss sowie der Schlossplatz. In die kleinteilige, dichtbebaute Altstadt hat bereits die Moderne in Form großformatiger Kaufhäuser und Verwaltungsgebäude Einzug gehalten. Insgesamt also ein gesunder Mix aus kleinteilig-historischer und großstädtischer Bebauung. Das interessante Video „Stuttgart – city of contrasts“ von 1934 zeigt das Vorkriegsstuttgart.

Ohne Nazidiktatur und Bombenkrieg wäre dieser bunte Mix aus Alt und Neu, aus Tradition, Regionalität und Moderne weiterentwickelt und in Teilen sicherlich bewahrt worden. Doch die schweren Luftangriffe auf Stuttgart, besonders die im Juli und September 1944, löschten 4500 Menschenleben und den größten Teil der historischen Innenstadt aus. An die Stelle einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des Innenstadtbildes war damit, wie in den meisten anderen Großstädten Deutschlands und Zentraleuropas auch, ein Bruch getreten, ein leerer Fleck, der neu gefüllt werden musste.

Stuttgart - Innenstadt 1945
Das zerstörte Zentrum 1945 (Quelle: Imperial War Museum, London)

Nach den großflächigen Zerstörungen stellte sich auch in Stuttgart die Frage, wie ein Wiederaufbau aussehen solle. Und wie in vielen Städten stand man auch am Neckar vor derselben Frage: traditioneller Wiederaufbau mit kleinteiliger Altstadt oder radikaler Bruch und Neubeginn mit breiten Straßen unter der Prämisse der autogerechten Stadt?

Interessante Links:

Eine neu gegründete Initiative Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger, die Stadtentwicklung voranzubringen: Aufbruch Stuttgart

Facebookseite mit sehr vielen interessanten historischen Bildern von Stuttgart

Facebookseite einer Initiative für die Rekonstruktion des Stuttgarter Marktplatzes

Wiederaufbau

Radikaler Bruch beim Wiederaufbau

Man entschied sich für Letzteres. Insbesondere auf Betreiben des neuen Oberbürgermeisters Arnulf Klett wurde beim Wiederaufbau auf historische Rekonstruktionen, vor allem am baukulturell bedeutsamen Stuttgarter Marktplatz, weitgehend verzichtet. Der Wiederaufbau erfolgte überwiegend nach modernistischen Idealen und der Charta von Athen mit funktionalen Trennungen nach Wohn-, Geschäfts- und Industriegebieten. Die Idee war, eine autogerechte Stadt zu schaffen.

Stuttgart - Königstraße
Königstraße mit Blick zum Schlossplatz – heutige Ansicht

Inzwischen wieder verkehrsberuhigt, war die verbreiterte Königstraße in der Nachkriegszeit eine wichtige Schneise für den Autoverkehr. Auf erhaltenswerte Bausubstanz wurde dabei allerdings keine Rücksicht genommen, ebenso wenig auf Regionaltypik beim Wiederaufbau. Deshalb prägen  vielerorts modernistische Zweckbauten das Straßenbild in Stuttgarts Zentrum.

Für die meisten Stuttgarter, erst recht die Nachgeborenen, ist es vermutlich schwer vorstellbar, dass ihre Innenstadt einmal richtig schmuck war. Erst der direkte Vergleich der heutigen Straßen mit denen vor 1944 zeigt, wie groß der kulturelle Verlust an Bautradition und altstädtischem Charme tatsächlich war.

Zunächst ein Blick aus der Münzstraße auf den Marktplatz und den markanten Rathausturm. Der Stammsitz von Breuninger befand sich, wie man sieht, schon vor dem Krieg an dieser Stelle, ansonsten aber hat sich das Straßenbild doch merklich gewandelt:

Stuttgart - Blick durch die Münzstraße auf das Rathaus
Blick durch die Münzstraße auf das Rathaus – damals und heute

Der Blick von Nordwesten aus der Turmstraße auf den Rathausturm zeigt vielleicht noch deutlicher die Banalität der heutigen Situation. Damals war die Turmstraße eine malerische, oft von Künstlern gezeichnete oder fotografierte Gasse, heute besitzt sie eher Hinterhofcharakter ohne jede Urbanität und Attraktivität:

Stuttgart - Blick durch die Turmstraße auf das Rathaus
Blick durch die Turmstraße auf das Rathaus – damals und heute

Es wurden bei der Umgestaltung auch wertvolle Gebäude und Straßenzüge abgerissen, die nicht oder kaum beschädigt waren. Im 150. Todesjahr von Friedrich Schiller wurden 1955 die letzten Reste seiner alma mater, der Hohen Karlsschule in der Nähe des Neuen Schlosses, abgetragen, um für die Verbreiterung der Bundesstraße 14 (Konrad-Adenauer-Straße) Platz zu schaffen. Die wiederaufbaufähige Ruine wurde 1955 abgerissen. Der Bruch Stuttgarts mit seiner Vergangenheit und sein Aufbruch in die Moderne sollte möglichst radikal vollzogen werden.

Stuttgart - Hohe Karlsschule
Die Hohe Karlsschule vor ihrer Zerstörung (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Esslingen)

Diese rigorose Baupolitik, die kaum Rücksicht auf gewachsene Strukturen nahm und den bewussten Bruch mit der eigenen Vergangenheit suchte, wurde bereits von Zeitgenossen scharf kritisiert. Doch wurden die Abrisse gegen die Proteste vieler Bürger durchgesetzt. Solche Proteste gab es auch in anderen Städten, sodass die These, der moderne Wiederaufbau Westdeutschlands habe damals ganz dem Zeitgeist entsprochen, zumindest relativiert werden muss.

Der Bruch städtebaulicher und architektonischer Tradition lag vielmehr ganz im Trend der damals tonangebenden Architekten und wurde in den folgenden Jahrzehnten an den Hochschulen fortgeführt. Von nun an galt es als verpönt, weil „historisierend“, wenn ein Architekt bei Neubauten Anleihen an architektonischen Stilen der Vergangenheit nahm. Dieser Bruch mit der Tradition wurde die folgenden Jahrzehnte eher stärker als schwächer, sodass die Architektursprache immer mehr reduziert wurde. Lässt man aber jedes schmückende Beiwerk an einem Haus weg, erhält man ganz zwangsläufig nur noch sterile, grobe Blöcke, Klötze oder „Schuhkartons“, wie solche austauschbaren Zweckbauten spöttisch heißen. Doch trotz des beißenden Spotts der Bevölkerung gegenüber diesem Stil wird er an vielen Hochschulen  unbeirrt weiter als der einzig „moderne“ gelehrt.  Abweichler und junge Architekten, die längst wieder andere Wege gehen wollen, haben es oft schwer, Fuß zu fassen, jedenfalls bei Wettbewerben der öffentlichen Hand. Denn ein Stadtplaner, der historisierend bauen will, riskiert noch immer, von seinen Fachkollegen als „Exot“ betrachtet zu werden. Darin liegt nach den Erfahrungen zahlreicher Architekten unseres Vereins der Hauptgrund, wieso sich die Baukultur in Deutschland derzeit nicht weiterentwickelt.

Schlossplatz

Der städtebauliche Bruch am Beispiel Schlossplatz

Der Stuttgarter Schlossplatz war vor dem Krieg ein harmonisches Gesamtensemble, dessen Gestalt nicht nur durch die Kriegseinwirkungen, sondern noch stärker durch den rigorosen Wiederaufbau maßgeblich umgestaltet wurde.

Stuttgart - Schlossplatz - Luftbild vor 1944
Der Schlossplatz vor seiner Zerstörung, Blick nach Norden, links im Vordergrund Kronprinzenpalais und Königsbau, die eine optisch harmonische Abrundung des Schlossplatzes bilden (Quelle: Marburger Bildindex)
Stuttgart - Ruine des Kronprinzenpalais 1952
Ruine des im Krieg stark beschädigten Kronprinzenpalais, Mitte fünfziger Jahre (Quelle: Harald-Reportagen)

1963 wurde die wiederaufbaufähige Ruine des Kronprinzenpalais gegen den Protest der Bevölkerung abgerissen, um Platz für eine Schnellstraße zu schaffen. Damit wurde jedoch der Platz seiner Geschlossenheit beraubt. Der lange geplante „Planiedurchbruch“ wurde Wirklichkeit. Eine Schnellstraße durchquert nun an dieser sensiblen Stelle die Innenstadt und an das Palais erinnert nur noch ein kleines Portal auf der Grünfläche neben der Straßenbahn.

Stuttgart - Kunstmuseum

Die Schnellstraße wurde später wieder unter die Erde verlegt und an die Stelle des Planiedurchbruchs kam 2005 ein Kunstmuseum. Auf eine harmonische Ensemblewirkung mit dem restlichen Platz wurde bewusst verzichtet und daher mal wieder ganz im Stil der nüchtern-rationalen Moderne gebaut. Keine Fassadengestaltung, keine Details, einfach nur ein Glaswürfel, der überall stehen könnte. So richtig überzeugen konnte dieses Ergebnis deshalb auch nur wenige und so bleibt die Vollendung des Wiederaufbaus des Schlossplatzes eine Aufgabe für die Zukunft.

Stuttgart - Schlossplatz

Das Schloss selbst wurde trotz weitgehender Zerstörung zwischen 1958 und 1964 wiederaufgebaut, zu einer Zeit, als Baden-Württemberg noch nicht unbedingt das Vorzeige-„Musterländle“ war. Entsprechend hoch ist trotz aller Abrisse, die Stuttgart erlitt, die Leistung zu bewerten, das Schloss wiederaufgebaut zu haben. Doch wirkt es in der heutigen Innenstadt etwas isoliert, da das gewachsene historische Umfeld weitgehend fehlt. Wäre Stuttgart den Weg Münchens gegangen, wo wesentlich mehr gerettet und instandgesetzt wurde, würde die Innenstadt heute wesentlich attraktiver wirken.

Marktplatz

Der städtebauliche Bruch am Beispiel Rathaus und Marktplatz

An Stuttgarts Marktplatz und Rathaus lassen sich exemplarisch typische Entwicklungen des deutschen Städtebaues und der Architekturtheorie nachvollziehen.

Stuttgart - Renaissancerathaus, um 1900 abgerissen
Das alte Renaissancerathaus (Quelle: Landesamt für Denkmalpflege Esslingen)

Dieses Foto aus der Zeit vor 1900 zeigt das alte Renaissancerathaus, das inzwischen für die Stadt zu klein geworden war. Um ein neues, modernen Nutzungsansprüchen einer Großstadt genügendes Rathaus zu bauen, entschloss man sich zum Abriss des alten Rathauses und des umgebenden Viertels. Ein durchaus normaler Vorgang zur damaligen Zeit, denn auch in anderen Städten entstanden zu dieser Zeit neue, größere Rathäuser. Entweder geschah dies mehr am Rande der Innenstadt, wie z.B. beim Leipziger Neuen Rathaus, oder an alter Stelle am Markt, wie hier in Stuttgart.

Stuttgart - das 1901-1905 erbaute Rathaus
Das 1901-1905 erbaute Rathaus – ein Beispiel für den Historismus

Im Stil der flämischen Spätgotik erbaut, sollte das von den Architekten Heinrich Jassoy und Johannes Vollmer geplante Gebäude den Ansprüchen an ein repräsentatives, großstädtisches Rathaus genügen. Das dafür historische Bausubstanz weichen musste, ist einerseits bedauerlich, andererseits bei der Weiterentwicklung einer Stadt gar nicht zu vermeiden. Im Unterschied zu heutigen modernen Neubauten wurde damals aber versucht,  historische Bautraditionen zu bewahren, indem man aus ihnen etwas Neues erschuf. Aus dem baulichen Erbe der Vergangenheit neue, viel größere Gebäude zusammen mixen, das war das Kennzeichen des „Historismus“.

Kritiker meinten später, dass die flämische Spätgotik doch gar nichts mit Stuttgart zu tun habe und dieser Bau daher ein Phantasiegebäude (heute würde man sagen: ein „Disneyland“) sei. Mit ähnlichen Argumenten ist später immer wieder gegen kaiserzeitlich-historistische Gebäude gewettert worden, da sie angeblich völlig beliebig von Baustilen der Vergangenheit abgekupfert und alles neu zusammengewürfelt hätten. Daher nennt man den Historismus auch „Eklektizismus“ (griechisch „eklektos“ = ausgewählt). Dass dabei aber sehr wohl qualitätvolle Bauten entstanden waren, wurde von späteren Architektengenerationen gerne übersehen.

Um sich von diesem Stil vermeintlicher historischer Beliebigkeit abzusetzen, setzten viele Nachkriegsarchitekten auf das totale Gegenteil, auf den radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Das hieß konkret: Keinerlei historisch anmutende Stilelemente, Verzicht auf Fassadenschmuck, auf Details, auf spezielle Fensterformen, alles nur noch einfach, klar, nüchtern und funktional. Der Stuttgarter Marktplatz und das Rathaus in seiner Nachkriegsgestalt stehen exemplarisch für dieses funktionale Denken, das bis heute die deutsche Architektenausbildung dominiert.

1956 wurde auf Betreiben von Arnulf Klett das nur teilzerstörte Rathaus umgebaut und die Schauseite zum Markt hin komplett „modern“ gestaltet. Seitdem präsentiert sich Stuttgarts Rathaus in dieser Gestalt:

Stuttgart - Rathaus heute

Beim restlichen Marktplatz ist eine ähnliche Entwicklung festzustellen. Hier die Nordecke vor ihrer Zerstörung in einer seltenen Farbaufnahme, im Hintergrund die Türme der Stiftskirche. Eine abwechslungsreiche Bebauung in einem für die Region typischen Stil prägte den Marktplatz.

Stuttgart - Martkplatz

Die Nachkriegsbebauung dagegen verzichtete auf regionale Anklänge und Wiederaufnahme typischer Stilelemente, sondern setzte auf Vereinfachung, Geradlinigkeit und Flachdach. Daher bietet der Stuttgarter Marktplatz heute ein eher nüchternes Bild.

Stuttgart - Marktplatz heute

Dieser Stil der Nüchternheit wird seit etlichen Jahrzehnten als der einzig „moderne“ Stil an deutschen Hochschulen gelehrt.  Die Reduzierung der Formensprache der modernen Architektur hat sich seitdem fortgesetzt und ist inzwischen an einem quasi toten Punkt angelangt, denn man kann nicht mehr weiter reduzieren, man muss neue Wege gehen. Die Hochschulen, die sich neuen Ideen öffnen, werden in der Lage sein, tatsächlich „modern“ im Sinne von „zukunftsfähig“ zu bauen.

In der Zwischenzeit begnügen sich die Städte damit, Großinvestoren  riesenhafte Spielräume für immer neue Einkaufscenter zu überlassen. Auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit kommt es dabei nicht an, sondern auf Erfolge in möglichst einer Legislaturperiode. Während irgendwo das eine  Einkaufscenter wegen zu geringer Besucherzahlen wieder schließen muss, eröffnet andernorts schon wieder das Nächste.

Einkaufsblöcke

Immer neue Einkaufsblöcke: „Milaneo“ und „Dorotheenquartier“

Stuttgart - Milaneo

Das Milaneo ist ein dreiteiliger Gebäudekomplex an der Heilbronner Straße, ca. einen Kilometer nördlich der Innenstadt. Hauptbestandteil ist ein Einkaufszentrum auf rund 43.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, das am 9. Oktober 2014 eröffnete, außerdem gibt es Mietwohnungen, Büros und ein Hotel. Es gilt als das größte Einkaufszentrum im Südwesten Deutschlands.

Auch nach Baubeginn und Fertigstellung wird das Projekt in der öffentlichen Diskussion kontrovers bewertet. Während die ECE als Projektbetreiber damit wirbt, das attraktive Einkaufszentrum ziehe Käufer aus dem Umland an, befürchten Einzelhändler in der Stuttgarter Innenstadt einen Verdrängungswettbewerb zu ihren Lasten. Die Stuttgarter Industrie- und Handelskammer sieht das Projekt ebenfalls kritisch.

Auch in städtebaulicher Hinsicht ist das Projekt umstritten. Auf der Immobilienmesse „Mipim“ in Cannes gewann das Projekt den Preis als „Best Futura Mega Project“. Der Journalist Erik Raidt hingegen kritisierte in einer Glosse das Konzept als gewöhnlich und provinziell und spottete über die Trostlosigkeit der Umgebung im entstehenden sogenannten Europaviertel.

Die Kontroverse zog sich quer durch die Stadtverwaltung: Während der Pressesprecher der Stadt, Andreas Scharf, und die Referentin für Wirtschaftsförderung, Ines Aufrecht, die „wichtigste Auszeichnung der Immobilienbranche“ feiern, vertrat Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Bündnis 90/Grüne) bereits in seinem Wahlkampf die Auffassung, dass solche Projekte die Stadt zerstören und vor allem den Effekt hätten, mehr Verkehr in die Stadt zu ziehen. In der Bürgerumfrage 2015 der Stadt Stuttgart gaben 41 Prozent der Befragten an, eine schlechte oder sehr schlechte Meinung von dem Einkaufszentrum zu haben.

Stuttgart - Dorotheenquartier
Quelle: www.dorotheen-quartier.de

Das Dorotheenquartier wurde 2014 von Breuninger als neues Einkaufscenter in zentralster Innenstadtlage eröffnet. Dieselbe futuristisch-großformatige Allerweltsbebauung, die es vielerorts zu beobachten gibt. Eine alternative, kleinteiligere Bebauung mit Anklängen an das traditionelle Stuttgart wurde offenbar nicht in Erwägung gezogen. Immerhin konnte durch Intervention der Stadträte eine zu große Dimensionierung vermieden werden. Ob dem Quartier Erfolg beschieden sein wird, wer weiß?

Fazit

Fazit: Wie kann Stuttgarts Innenstadt an Attraktivität gewinnen?

Großflächige Einkaufscenter wie das Dorotheenquartier oder das Milaneo haben zwar klangvolle, beeindruckende Namen, sind in ihrer Architektursprache aber beliebig und könnten daher in ihrer Isoliertheit auch auf der grünen Wiese vor der Stadt entstehen.  Eine lebenswerte Altstadt, die als attraktiv empfunden wird, lebt von harmonischer Architektur, die sich einfügt, aber nicht von aneinander gereihten Einkaufstempeln.

Wo könnte man in Stuttgart anfangen, einen alternativen Weg zu gehen?

Viele Bürger fänden es gut, wenn der Stuttgarter Marktplatz in seinem ursprünglichen  Erscheinungsbild geblieben wäre. Eine Facebook-Initiative wirbt dafür, den Marktplatz möglichst originalgetreu zu rekonstruieren.

Was wie Phantasterei klingen mag, ist in anderen Städten, z.B. Hildesheim, längst Realität geworden. Stadtbild Deutschland unterstützt solche Ideen, da ein rekonstruierter Marktplatz ein Stück regionale Identität zurück in Stuttgarts Zentrum bringen würde. Damit er aber keine bloße Kulisse bleibt, müsste damit auch ein langfristiger städtebaulicher Umbau der Marktplatzumgebung verknüpft werden. Ein Umbau hin zu den Prinzipien der typischen „europäischen Stadt“.

Was bedeutet das konkret? Das bedeutet, bei der Planung neuer Stadtquartiere Grundregeln zu beachten, die typisch für europäische Städte sind. Das sind Grundregeln, nach denen attraktive Innenstädte fast immer funktionieren und durch deren Befolgung langfristig ein attraktiveres Stadtbild gewonnen werden kann: Blockrandbauweise, Fußgängerzonen, Kleinteiligkeit, abwechslungsreiche Architektur, Mischnutzung aus Wohnen und Gewerbe, in der Fläche verteilt.

Kleinteiligkeit, damit ist gemeint, Grundstücke im innenstadtnahen Bereich, in dem man Leben auf den Straßen haben will, eben nicht en bloc an den nächsten Großinvestor zu verscherbeln, sondern einzelne Parzellen zu bilden und diese an verschiedene kleinere Investoren zu veräußern. Eine solche Kleinteiligkeit schafft mehr Abwechslung im Straßenbild und ermöglicht es, zusätzliche, interessante Straßen und Gassen zu bilden, die mehr Abwechslung für die Passanten bedeuten.

Es erfordert den Mut der Stadträte und des Oberbürgermeisters, in Zukunft diesen Weg zu gehen, denn er ist komplizierter und Erfolge stellen sich nicht zwangsläufig binnen einer Legislaturperiode ein. Lieber etwas länger warten und nicht den erstbesten Investor nehmen. Abnehmer findet man für die Grundstücke auf alle Fälle, da Innenstadtlagen in Großstädten immer begehrt sind, nur die Einnahmen für die Stadt sind bei einem solchen Verfahren möglicherweise geringer. Der langfristige Nutzen wird diese Nachteile jedoch bei weitem überwiegen.

Den Nutzen kann man überall dort sehen, wo Innenstadt wirklich funktioniert, wo die Gassen belebt sind und die Leute nicht gleich ins nächste Center rennen: Heidelberg, München, Münster, Erfurt, Potsdam, Prag, Rom. Überall dort sind diese beschriebenen Prinzipien anzutreffen.

Das neue Gründungsviertel in Lübeck oder das im Bau befindliche DomRömer-Viertel in Frankfurt am Main sind exzellente Beispiele, wie durch Zusammenarbeit von Stadtverwaltung, Investoren und Bürgern mitten in der Altstadt lebenswerte, individuelle neue Viertel entstehen.

Daran sollte sich auch Stuttgart ein Beispiel nehmen!