Zu diesem Thema empfehle ich drei weitere Links, die uns Torsten Kopp hat zukommen lassen:
Zitat aus dem n-tv-Beitrag:
Das 1919 in Weimar gegründete Staatliche Bauhaus wäre nach Meinung des Weimarer Historikers Volkhard Knigge durchaus ‘diktaturfähig’ gewesen. “Es ist aus heutiger Sicht ‘unschuldig’ geblieben, weil es nicht ‘mitspielen’ durfte”, sagte der Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald in einem Gespräch. “Für die Nationalsozialisten war die Moderne jüdisch-bolschewistisch, kosmopolitisch und deshalb verfemt.” Italien unter Mussolini habe dagegen eine ganz andere Einstellung zum Futurismus gehabt, wie Modellstädte aus damaliger Zeit gezeugen. … Bauhaus-Meister wie Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinski und Walter Gropius seien nach Hitlers Machtübernahme davon ausgegangen, dass für die Moderne im NS-Deutschland durchaus Raum sei, sagte Knigge. “Und Bauhaus-Gründer Walter Gropius hat sich zur Machtübernahme Hitlers niemals geäußert, auch nicht später in England und den USA.”
Übrigens teilte die Gralshüter-Organisation des “modernen” Bauens in Deutschland, der BDA, durchaus diese Haltung, wie auf der Homepage des Verbands freimütig berichtet wird: BDA-Chronik
(Philoik.)
Herr Torsten Kopp aus Wiesbaden hat uns diesen Artikel aus der Schweizer “Weltwoche” übermittelt. Er sollte zur Pflichtlektüre jedes Zeitgenossen gehören, der über die Architektur des 20. Jahrhunderts kompetent zu urteilen beansprucht: Artikel Weltwoche
Es geht uns nicht darum, das Andenken eines namhaften Baumeisters anzuschwärzen, aber so wie schon in den Siebziger Jahren am Beispiel Albert Speers über “die politische Verführbarkeit des technizistischen Geistes” nachgedacht wurde (G. Hortleder, Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs), gebührt auch dem angeblichen Antipoden Albert Speers, Charles-Edouard Jeanneret, der sich Le Corbusier nannte, eine vorurteilsfreie Bewertung seiner Persönlichkeit – und dies umso mehr, als dieser L. C. mit seinen totalitären Charakterzügen seit Jahrzehnten als Kultfigur einer Moderne gilt, der ja totalitäre Bestrebungen gleichfalls nicht abzusprechen sind. Eine Kultfigur von ihrem Sockel zu holen, erweist sich umso mehr als aufklärerische Tat, wenn damit auch das ideologische Gespinnst beschädigt wird, das sich um diese Kultfigur gesponnen hat.
(Philoik.)
Die Nürnberger “Altstadtfreunde”, die unter ihrem Vorsitzenden, Herrn Karl-Heinz Enderle, gerade erst mit dem Pellerhof-Projekt den Schritt zu einer äußerst effizienten Rekonstruktions-Vereinigung getan haben, wagen sich schon wieder auf geistiges Neuland.
Seit Wiederaufbauzeiten zeigt der Ratssaal des Nürnberger Rathauses auf seiner Nordseite eine weißgetünchte Wand, wo bis zu seiner kriegsbedingten Zerstörung Albrecht Dürers größtes Wandgemälde, der “Triumphzug” zu sehen war. Z.Zt. wird im Rahmen einer Ausstellung der “Triumphzug” mittels erhaltener Farbdias auf die weiße Wand projiziert, und die Frage liegt natürlich nahe, ob sich das Gemälde nach Vorlage dieser Dias nicht rekonstruieren ließe.
Die Frage, ob zerstörte Wand– und Deckengemälde auf künstlerisch verantwortbare Weise zu rekonstruieren seien, stellte sich nach dem Krieg bei zahllosen deutschen Kirchen und Schlössern und wurde unterschiedlich beantwortet; zumal in späteren Jahren entschied man sich zunehmend für die Wiederherstellung der Ausmalung, der Wirkung des Raumkunstwerks im Sinne seines Schöpfers zuliebe. Der heutige Betrachter dürfte die Rekonstruktionsfälle gar nicht mehr als solche bemerken und bestätigt damit die Richtigkeit der denkmalpflegerischen Entscheidung.
In Nürnberg aber geht es nicht um die Wiederherstellung barocker Dekorationsmalerei, sondern um einen Dürer! Aus der Stadtverwaltung tönt es im Brustton der Überzeugung: “Einen Dürer kann niemand nachmalen.” Kann man das nicht oder darf man das nicht? Hatten nicht schon die alten Meister hinreichend talentierte Schüler, deren Malstudien zuweilen selbst vom Scharfblick heutiger Experten nicht zweifelsfrei als nicht-meisterlich auszumachen sind? Glaubt man allen Ernstes, Dürer hätte jedes Detail des Riesengemäldes von eigener Hand ausgepinselt? Und wie steht es um das Vermögen heutiger hochbegabter Kopisten und Fälscher? Ja, Kopisten und Fälscher! Eigentlich steht hier nicht das Können zur Frage an, sondern die moralische Bewertung der Kopie eines Kunstwerks. Wenn man bedenkt, wievielen Deutschen schon ein wiederaufgebautes Gebäude moralische Bauchschmerzen bereitet … Der Mut der “Altstadtfreunde” könnte einiges zurechtrücken.
Zur Information: ein Dürer im Rathaus
(Philoik.)
Über die provozierende Aussage eines BDA-Vertreters, Architektur müsse auch wehtun, sollten wir nicht so schnell hinweggehen. Zu viel steht auf dem Spiel. Über die Prämissen einer solchen These, über die unterschwelligen Grundüberzeugungen sollten wir ins Gespräch kommen, um durch Bewusstseinsarbeit das Heilende in der Architektur zu stärken.
M. E. lassen sich für diese Auffassung folgende Vorgaben formulieren:
1. Architektur ist eine Manifestation modernen Kunstwollens.
2. Die Moderne hat einen erzieherischen/ aufklärerischen/ emanzipatorischen Auftrag.
3. Dieser Auftrag findet in der Architektur seinen formalen Niederschlag im Abstraktionsstreben und in der Überwindung ornamentaler und gliedernder Gestaltung.
4. Die Überwindung ornamentaler und gliedernder Gestaltung ist Ausdruck von Bewusstseinsentwicklung und moralischer Reifung (siehe Adolf Loos “Ornament und Verbrechen”).
5. Das Verlangen der Bevölkerung nach visueller Fülle und traditionsbezogener Gestaltung ist Ausdruck von anti-aufklärerischer und anti-emanzipatorischer Fortschrittsverweigerung und darf von Architekten nicht ernstgenommen werden (daher: “Architektur muss auch wehtun”).
M. E. vollzieht sich in der Abfolge dieser fünf Grundüberzeugungen eine Steigerung vom Akzeptablen zum höchst Anfechtbaren. Die Gleichsetzung von Ornamentlosigkeit und moralischer Reife, die Loos postulierte, ist alles andere als stringent. Der Psychoanalytiker A. Mitscherlich nannte sie eine “überwertige Idee”.
Die Tatsache, dass sich diese Idee seit 60 Jahren mit dem Profitstreben der Bauwirtschaft vermengt hat, hat sie darüberhinaus korrumpiert und ihren moralischen Anspruch diskreditiert. Sie kann nicht (mehr) ernstgenommen werden.
Wie denken Sie darüber?
(Philoik.)
Was wir in zahllosen deutschen Städten beklagen, die weggebombte und abgeräumte Baugeschichte, das tritt uns auf einer bestimmten deutschen Insel erst recht mit brutaler Konsequenz entgegen. Da gibt es kein Wegsehen, kein Ausweichen in glimpflicher davongekommene Stadtteile, keinen Trost in heimeligen Bauerndörfern und Kulturlandschaften des Umlands.
Passend zur vorherrschenden sommerlichen Reisestimmung macht uns Herr Dr. Jan Heller auf die Insel Helgoland aufmerksam, auf der in den nächsten Jahren eine umfassende Erneuerung des in die Jahre gekommenen Baubestands ansteht. Bekanntlich wurde auf dieser Insel nach den Schrecknissen des Krieges eine komplette Ortschaft nach den Leitvorstellungen einfältigster 50er-Jahre-Moderne aufgebaut und bis heute konserviert. Nichts Historisches findet sich hier dokumentiert außer dem Zeitgeschmack der Fünfziger Jahre, so als ob die Insel erst in jenen Nachkriegsjahren besiedelt worden wäre. Ausgelöschte Geschichte, um nicht zu sagen: verfälschte Geschichte!
Herr Heller schreibt: “S.g.D.u.H., ich möchte sie aufmerksam machen auf einen Ort, der per Ensembleschutz gebaute Nachkriegsscheußlichkeit konserviert: Helgoland. Nichts ist von alter Inselherrlichkeit, nicht einmal ansatzweise, überlegt worden zu rekonstruieren. Bürgerhäuser aus viktorianischer Zeit, der Gouverneurssitz der Briten, alte Hafenspelunken, lediglich der alte Flakturm hat überlebt.
Ich habe mich höflich an die Stadtverwaltung gewendet, mit der Bitte, dass beim Inselumbau und geplanten Modernisierungen auch historische Rekonstruktionen in Betracht gezogen werden. Sie bedankten sich freundlich für meinen Vorschlag. Vielleicht lässt sich über die Website S.D. sanfter Druck ausüben, damit Helgoland nicht nur Landschaft pur bietet, sondern auch Architektur.
Positives Beispiel zu gelungenen Hafenumbauten der letzten Zeit bietet die Gosch-Initiative in List auf Sylt mit neuer Markt-Halle-Romantik. Das ist auch in Helgoland möglich, und nachdem der Verhinderer Botter nicht mehr im Bürgermeisteramt steht, auch nicht mehr unwahrscheinlich.”
Gehört es nicht zu den von der Denkmalpflege gehüteten Gemeinplätzen, dass möglichst alle Phasen einer Siedlngsentwicklung im Gebäudebestand dokumentiert sein sollten? Und wie enthusiastisch würden die Heerscharen von Touristen etwa auf rekonstruierte viktorianische Bauten ansprechen, welche von der britischen Epoche der Insel künden?
Mischen wir uns ein! Mehr dazu: Wikipedia-Artikel
(Philoik.)
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