Leseempfehlungen

dürfte sich als eine herausragende geistige Zukunftsaufgabe erweisen. Noch sind wir gewohnt, der Abfolge architektonischer Moden nicht mehr Bedeutung zuzumessen als den Launen des Wetters oder den Willkürlichkeiten der Haute Couture. Sie helfen uns, mit einiger Treffsicherheit das Entstehungsjahr eines Gebäudes zu bestimmen, mehr nicht. Alle die rational und funktional nicht erklärbaren Gestaltungsdiktate, wie sie das Bauen der letzten Jahrzehnte aufgeblasen hat, sind angeblich über uns gekommen wie die unergründlichen Einfälle eines architektonischen Weltgeistes – aber eigentlich eher eines Nationalgeistes, denn so international, wie die Bauschaffenden es gerne hätten, sind diese Entwicklungen keineswegs. Ja, das Nationalspezifische sucht sich unter der Oberfläche gleichgültigen Nicht-Hinsehen-Wollens zur Geltung zu bringen und lässt uns ahnen, dass auch in der Architektur nichts von ungefähr kommt.

An dieser Stelle ist auf eine neu erschienene vorbildliche Untersuchung hinzuweisen, die ein höchst eigentümliches Stück Architekturentwicklung unter die Lupe nimmt: die vollverfliesten Häuser der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wie sie vor allem die westdeutschen Wiederaufbaustädte (Köln, Kassel, Pforzheim usw.) bis zum heutigen Tag charakterisieren. Die Veröffentlichung trägt den Titel:

„Bauformen des Gewissens. Über Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur“ von Markus Krajewski mit Fotografien von Christian Werner, Stuttgart 2016, Alfred-Kröner-Verlag

Kaum ein Aspekt wird übergangen. Nicht nur der erste durchschlagende Erfolg eines der Akteure der westdeutschen Lobbykratie, nämlich der Fliesenlobby, wird gewürdigt, nicht nur der Absturz in eine typisch deutsche Geschmacklosigkeit, die bedingt ist durch konsequenten Verzicht auf Unterscheidungen, wird reflektiert, vor allem geht der Autor dem Verdrängungsverlangen einer Generation nach, welche die deutsche Katastrophe knapp überlebt hatte und im Abwaschbaren, klinisch Sauberen, Funktionalen und scheinbar Objektiven eine Hilfe sah, sich von der Geschichte reinzuwaschen. Das folgende Zitat fasst die Beobachtungen des Autors treffend zusammen (S. 116 f.):

„Die gekachelte Häuserfassade kombiniert demnach mindestens zwei Funktionsbündel in idealer Weise: die medialen Funktionen des Rasters einerseits, also seine auferlegte Schweigsamkeit, die Verweigerung, Geschichten zu erzählen bei gleichzeitiger schamhafter Verdrängung des Vergangenen, und die kathartischen Leistungen der Kachel andererseits, also ihre Fähigkeit zur automatisierten Selbstreinigung, um auf diese Weise als ein doppelt imprägnierender Schutzpanzer für die Bewohner zu wirken. Vielleicht aber verbirgt sich hinter den verkachelten Fassaden mit ihrer Selbstreinigungs-funktion … noch etwas mehr als nur eine Melange aus Scham, selbstgewählter Isolation, ‚williger Selbst-Einkastelung‘, abweisender Geste und dem schweigsamen Wunsch, in homogener Gleichförmigkeit des Seriellen, Stein an Stein, Fenster an Fenster, Wohnung an Wohnung, Haus an Haus aufzugehen und auto-kathartisch, allein durch das Vergehen der Zeit das Gewissen selbsttätig reingewaschen zu bekommen. …Vielleicht liegt in der Rasteritis einer Grauen Architektur, in dcn ‚Trümmern zweiter Ordnung‘, die ziemlich unmittelbar aus dem mörtelroten bis feldgauen Gefechtsstaub eines tausendjährigen Reichs von 12 Jahren Dauer erwachsen sind, vielleicht liegt in den abgründigen Aussagen der externalisierten Badezimmer einer der tieferen Gründe für die anhaltende, die zeitlose Geschmacklosigkeit, die das Bauen in Westdeutschland bis heute prägt. “

(Philoik.)

Zu Weihnachten ist es üblich, das freudenstiftende Sich-Schenken der Gottheit durch menschliche Schenkakte zu begleiten. Mitglieder von STADTBILD DEUTSCHLAND und APH-Foristen haben ja zum Fest Freudestiftendes besonders nötig, da ihr Alltagsgeschäft darin besteht, in den grässlich entstellten deutschen Städten sich weiterer Vernichtung entgegenzustemmen und, wo immer es geht, für Heilung des Stadtbilds zu kämpfen.

Dieses Jahr aber kann der Vereinsvorstand etwas besonders Herzerwärmendes für den Gabentisch empfehlen. Es handelt sich um das neuerschienene Buch von Pablo de la Riestra und Elmar Arnhold mit dem Titel DAS UNZERSTÖRTE ERBE DEUTSCHLANDS:  

Das Buch präsentiert mit zahlreichen Fotos, erläuternden Texten und einem jeder Stadt zugeordneten Luftbild 50 unzerstörte deutsche Städte, von Großstädten wie Erfurt bis zu kleinen Mittelstädten wie Bad Münstereifel, die in ihrer Geschichtstiefe und ihrem visuellen Reichtum den Eindruck vermitteln, dass sich die deutsche Stadtkultur noch immer respektabel darstellt. Natürlich präsentieren diese 50 Städte bei weitem nicht den gesamten Schatz wohlerhaltener deutscher Stadtbilder (ein Tatbestand, der weitere Freude generieren kann), aber die bekanntesten und bedeutendsten sind zum größten Teil hier erfasst.

Weitere Informationen und einen knapp gehaltenen Eindruck vermittelt diese Seite:

Das unzerstörte Erbe Deutschlands

 

Am 27. 5. 2013 haben wir in diesem Blog auf die abgeschlossene Dissertation unseres Vorstandsmitglieds Philipp Maaß über das Thema Rekonstruktion hingewiesen. Was damals noch nicht einsehbar war, hat sich mittlerweile zu einem respektablen Buch gemausert mit dem Titel „Die moderne Rekonstruktion“.

Der Titel ist ganz schön provozierend; denn das Adjektiv „modern“, nach wie vor im allgemeinen Sprachgebrauch positiv besetzt, wird von der Architektenschaft gehütet wie ein Allerheiligstes, der Alleinvertretungsanspruch auf dieses Epitheton wird verbissen verteidigt, ebenso seine Gleichsetzung mit einer abstrahierenden, auf Kargheit eingeschworenen Bauauffassung. Keiner in der Gefolgschaft dieser dezidiert „modern“ bauenden Entwerfer steht bei der Frage still, wie dieses Adjektiv, das aus dem lateinischen „modo“ („eben erst“) entstanden ist und für das Neue, Aktuelle steht, hundert Jahre lang und auch für alle weiteren Zeitalter in seinem semantischen Gehalt bewahrt werden kann.

Philipp Maaß verweist vor allem an den beispielhaften Vorgängen in Dresden, Potsdam und Frankfurt auf die aktuelle, pluralistische Entfaltung städtebaulicher Leitbilder hin, in denen der Begriff der Modernität unter den Erwartungen der Bevölkerung ganz neue Manifestationen hervorbringt bis hin zu rekonstruierten Einzelbauwerken und Stadtstrukturen. Denn natürlich muss der Begriff des Zeitgemäßen und Aktuellen auf den Vorstellungen der zeitgenössischen Bevölkerung basieren, nicht auf den Wertungen eines angeblichen Expertentums, das sich in seiner geistigen Unbeweglichkeit, ohne dessen gewahr zu werden, längst als Schutztrupp eines neuen Historismus verschanzt hat.

Hier die Daten zu dem empfehlenswerten Buch:

Die moderne Rekonstruktion

… und kann bestellt werden:

Titel „Neue Stadtbaukultur“, Herausgeber: Harald Streck,  ISBN 978-3-7347-4760-1, 100 Seiten, Ladenpreis 29,99 €, E-Book-Ladenpreis 11,99 €, Aktionspreis (gültig 8 Wochen) 8,99 €.

Das Jahrbuch enthält einen ausführlichen Artikel über die Wiederaufbaugeschichte des Dresdner Schlosses, einen Bericht über eine von S.D. organisierte Studienfahrt in die Niederlande, eine Fotogalerie über innerstädtische Neubauten in München, einen Aufsatz mit dem Titel „Die Architekturmoderne und das Ausdrucksstreben“ und zwei Artikel, die sich dem in Hamburg entstandenen „ersten Passivhaus-Neubau im Stil der Gründerzeit“ widmen, mit bahnbrechend formulierten Vorgaben des Bauherrn.

Mitglieder von S.D., die den Verein jährlich mit wenigstens 50 € unterstützen, bekommen die Jahrbücher kostenlos zugeschickt.

So lautet der Titel eines Aufsatzbands, der im vergangenen Monat als Teil der „Schriftenreihe Stadtbild Deutschland e.V.“ erschienen ist. Die Beiträge nehmen Bezug auf die geschichtsentleerte städtebauliche Situation der meisten größeren Städte in Deutschland und gehen der Frage nach, warum, aufs ganze gesehen, in den deutschen Nachkriegsstädten nur verschwindend wenige Vorkriegsbauten sowie gewachsene Straßen- und Platzbilder wiederhergestellt wurden. Zu der Frage des Rekonstruierens von Bauwerken wird auf die derzeit gültigen Prinzipien der Denkmalpflege eingegangen, und diese werden auch mit denjenigen der Gartendenkmalpflege konfrontiert. Breiten Raum nimmt die Untersuchung des Geschichtsbegriffs ein, der den polemischen, von der Rekonstruktionsgegnerschaft bevorzugten Schlagwörtern wie „Geschichtsfälschung“, „Lüge“ usw. zugrundeliegt. Ferner geht es um den Begriff der Authentizität, der von der heutigen Denkmalpflege ausschließlich mit der materialen Substanz verknüpft, von der wissenschaftlich ausgerichteten Kulturgeschichte jedoch viel differenzierter gefasst wird. Es wird schließlich auch die Frage erörtert, was gute Architektur ausmacht, sei sie von historischer oder moderner Gestalt, und es wird der Selbstbestrafungsreflex reflektiert, der solche dem deutschen Volk vorzuenthalten suchte.

Der Band ist über den Buchhandel und Internetbuchhandel erhältlich:

                                 Titel:  Die Rekonstruktion von Bauwerken
                                 Herausgeber:  Harald Streck
                                 ISBN  9783735737212
                                 Ladenpreis  23,90 €
                                 E-book  18,99

(Philoik.)

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