Städte

Es mag Ausnahmen geben, im Osten Deutschlands, in Oberbayern, an den Küsten, aber generell ist das deutsche Dorf dabei, in einem Meer von Trivialitäten zu versinken, für das Stadtplaner den Begriff „Zwischenstadt“ bereithalten.

Ich nahm die Jahreshauptversammlung 2016 unseres Vereins zum Anlass, nach langer Zeit das Dorf meiner Kindheit wieder einmal zu besuchen, ein Dorf, das aufgrund von Eingemeindung und Verschmelzung mit anderen Dörfern weder Dorf geblieben noch Stadt geworden ist. Ich erwartete nicht viel, und so hielt sich mein Entsetzen in Grenzen. Genaues Hinsehen offenbarte, dass das Schlimmste nicht darin zu sehen ist, dass Dorfbäche seit langem verrohrt und durch Asphaltflächen ersetzt wurden, dass Bauernhäuser Wohngebäuden und Gewerbebauten weichen mussten, –  das Entsetzlichste ist das durchgängige Fehlen jedes Gespürs bei den Planern für den Charakter eines Dorfes, für dorftypische Raumbildungen, für dorftypische Bautypen, Architekturelemente und Materialien. Während es in Städten, großen und kleinen, immer die Chance gibt, dass eine Bürgerinitiative oder wenigstens ein Einzelkämpfer dafür eintritt, dass notwendige Veränderungen im öffentlichen Raum das stadttypische Gesamtbild nicht beschädigen, haben die Dörfer keine Chance gegenüber den gedankenlosen Einzelmaßnahmen, die ihre Seele zerstören. Da werden beliebige Einfamilienhäuser mit ausladenden Balkonen oder Terrassen an Dorfstraßen gesetzt, da werden Engstellen im Straßenverlauf durch Abriss und Schaffung von Asphalt- und Rasenflächen beseitigt, da werden Traditionsgasthöfe durch mehrstöckige Wohnblöcke mit Balkonbrüstungen aus Beton ersetzt. Keine Gestaltungsverordnung und kein Gestaltungsbeirat und schon gar kein baukulturell beschlagener Architekt oder Bauherr verhindert das Bauen als fortwährende Dorfzerstörung.

Vom Ausland wissen wir, dass der dortigen Dorfbewohnerschaft durchaus bewusst ist, was in ihre Dörfer passt und was nicht, und der deutsche Tourist ist des Lobes voll für solche Stimmigkeit. Warum aber sind ihm zuhause in Deutschland die Bauformen so egal wie irgendetwas? Darf unser Verein darauf hoffen, dass seine Bewusstseinsarbeit wenigstens in der nächsten Generation etwas verändern wird?

(Philoik.)

Ist es der genius loci der „Hauptstadt des deutschen Historismus“ (so – allerdings mit einem Fragezeichen versehen – wurde Leipzig im Jahr der Wiedervereinigung von dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Hocquél tituliert), der anscheinend bislang nur in dieser Stadt unspektakuläre, aber dennoch bemerkenswerte Überschreitungen der ungeschriebenen Gesetze deutscher Nachkriegsarchitektur erlaubt, Grenzüberschreitungen, von denen zu hoffen ist, dass sie heilend, lockernd, bereichernd auf die gesamte deutsche Baupraxis ausstrahlen werden?

Als im letzten Jahr in der Leipziger Kongresshalle der große Saal als Jugendstilsaal rekonstruiert wurde (eine Pioniertat im Umgang mit dem Jugendstil, der nur die frühere Rekonstruktion der Münchner Kammerspiele an die Seite zu stellen ist), erwies sich, dass dieser Geist des spielerischen Durchbrechens von Tabuschranken auch den Umgang mit der „Moderne“ erreicht hat. Eben diese Kongresshalle wurde durch zwei Neubauten ergänzt, den Telemannsaal und den Palmensaal (ein Restaurant), bei denen eine streng konstruktivistische Konzeption ins Ornamentale metamorphosiert. Inspiriert von den Fensterformen des älteren Weißen Saals, ersannen die sonst mit gängigen funktionalistischen Konzepten brillierenden Architekten des Büros HPP eine Struktur aus enggestellten Betonstreben an den Außenwänden, die sich nach oben hin schließlich verzweigen und durchdringen, so dass ein die Gebäude umschließender gotisierender Fries entsteht, ein Schmuckelement, das von außen wie von innen (durch die Verglasung hindurch) eine teils heitere, teils fast monumentale Anmutung bewirkt.

Eine weitere Grenzüberschreitung kündigt sich in der Innenstadt am Burgplatz an. Wenn hier Christoph Kohl, der Schwiegersohn und geistige Erbe des großen Rob Krier tatsächlich zum Zuge kommt, werden wir erstmals wieder eine Geschäftshausfront erleben, die nicht nur einen innerstädtischen Platz schließt, sondern diesem auch ein Gesicht zuwendet, eine die übrigen Fassaden übersteigende, reicher gestaltete und streng symmetrische Platzfront, die – man höre und staune – erstmals wieder durch Skulpturen geschmückt sein wird. Was in dem sogenannten „Katharinum“ in der Katharinenstraße (gleichfalls von Krier/Kohl) noch etwas experimentell wirkt, dürfte hier zur Reife geführt sein: eine Platzfassade unserer Zeit, die endlich wieder dem Stadtbürger zugewandt ist, ihn ernst nimmt, sein Daseinsgefühl bereichert und überhöht, ohne das Selbstdarstellungsbedürfnis des Bauherrn zu vernachlässigen. Drücken wir die Daumen, dass dieser Entwurf ohne Abstriche verwirklicht wird!

(Philoik.)

Links mit Fotos: hier und hier

Manch einem von uns stellen sich beim Betrachten der Riesenbaustelle am Berliner Schlossplatz Fragen über Fragen. Wann haben sich heutige Bauschaffende schon mal vor die Aufgabe gestellt gesehen, ein komplettes Barockschloss von den Dimensionen des untergegangenen Zentralbaus des alten Berlin zumindest in seiner äußeren Gestalt neu zu errichten? Wer es einrichten kann, hat am 27. März in Düsseldorf Gelegenheit, einen der maßgeblich mit dieser Aufgabe betrauten Fachleute zu hören. Hier die Einladung:

Vortrag Marco Rollert

(Philoik.)

Die Nachricht ist nicht mehr ganz frisch, das ernüchternde Faktum dafür umso gegenwärtiger. Ein Rekonstruktionsprojekt in der Freiburger Altstadt wird auf Eis gelegt, weil der Bauträger fürchtet, eine Realisierung könnte vor allem mediale Irritationen auslösen; denn der Bauherr ist die Katholische Kirche in Gestalt der Erzdiözese Freiburg, das wiederaufzubauende Gebäude indessen, das ursprünglich 1787 als aristokratisches Wohngebäude errichtete Andlausche Haus, würde eine z. Zt. von einem Parkplatz besetzte Baulücke gleich hinter dem Münster schließen und damit das Freiburger Stadtbild an entscheidender Stelle komplettieren.

Wie man auch zur Katholischen Kirche stehen mag – dass sie durch die Jahrhunderte hin gewaltige Geldmittel zur baulichen Repräsentation eingesetzt hat, verdient höchstes Lob. Solches Tun ist Bestandteil der Menschheitsgeschichte, der Kunstgeschichte wie auch der conditio humana und steht über allen gesellschaftskritischen und kirchenkritischen Positionen. Was wäre beispielsweise München ohne seine triumphalen Innenstadtkirchen (St. Michael, St. Peter usw.)?  Was wären Länder wie Italien oder Österreich ohne den ungeheuren Bestand an Sakralbauten des 13. bis 18. Jahrhunderts? Wenn sich nun die heutige Kirche wenigstens zum Wiederaufbau eines dem Stadtbild dienlichen Wohnhauses durchringt, will man darüber die Nase rümpfen?

Indessen – vielleicht dient eine weitere Verzögerung des Vorhabens doch eher einer Entwicklung, wie sie sich die Bürger wünschen. Denn „wie das Gebäude aussehen wird, hängt davon ab, ob und welche Teile im zweigeschossigen Keller gefunden werden“, heißt es. Jedenfalls wird man sich an den Häusern der Umgebung orientieren, „allerdings in der Architektursprache des Jahres 2013“. Verschiedene Entwürfe sollen diskutiert werden. Man wird also keinem Steinmetz zumuten, ein profiliertes Fenstergewände nachzuarbeiten oder Teile des Portals zu ergänzen.  Es ist demnach ohnehin noch einige Bewusstseinsarbeit zu leisten, bis eine ideologiefreie, lockere, an Bürgerwünschen orientierte Rekonstruktionspraxis auch den Südwesten Deutschlands erreicht.

Der Artikel in der „Badischen Zeitung“: Erzdiözese rekonstruiert für 4 Millionen ein historisches Bürgerhaus

(Philoik.)

Es waren nicht nur die kriegszerstörten deutschen Städte, in denen die Trümmerlandschaft zum willkommenen Vorwand geriet, eine jahrhundertealte Stadtbaukultur beiseite zu räumen. Auch nicht oder wenig Zerstörtes in Stadt und Land galt als hinderlich und überholt in einem Zeitalter veräußerlichter Komfortansprüche und ignoranter Gleichgültigkeit gegenüber der gebauten Historie. Ein jeder kann sich davon überzeugen, dass nach gut sechzig Jahren oftmals nur noch vage auszumachen ist, wie weit die unendliche Banalität deutscher Stadt- und Dorfbilder wirklich durch Kriegszerstörungen mitverursacht wurde. Automobilismus und expansive, aber reflexionsarme Bautätigkeit vernichteten in wenigen Jahren, was in Jahrhunderten gewachsen war. Mangel an Kenntnis und Wertschätzung tradierter Bauformen, das Bedürfnis, alle „Heimattümelei“ zu überwinden und sich modern/international darzustellen, schließlich die in Deutschland dahinschwindende Sensibilität für Architektur wirkten zusammen in einem in der Kulturgeschichte beispiellosen Zerstörungsprozess.

Wieder einmal ist eines Schriftstellers zu gedenken, der leistete, was wir von Feuilleton und Architekturkritik vergeblich erwarten, der uns die Dimension des Kulturverlusts ins Bewusstsein ruft, der im Gefolge von Nazi-Barbarei und 2. Weltkrieg Deutschland heimgesucht hat. Eins unserer Mitglieder machte uns auf den Nachruf auf den jüngst verstorbenen Schriftsteller Peter Kurzeck aufmerksam, den die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ veröffentlichte. Wandlung und Verlust waren zentrale in seinen Romanen bearbeitete Erfahrungen, und so thematisierte er auch den Untergang einer Kulturlandschaft im Zeichen von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder: “Zur Chronistenpflicht des Peter Kurzeck gehört auch das Allerfurchtbarste: Festzuhalten, was verschwindet, was vernichtet wird. In unserem allgemeinen Bewusstsein und in der offiziellen Geschichtsschreibung erscheinen die Fünfziger als Aufbaujahre. Dass der so genannte Aufbau und der Fortschritt der Wirtschaftswunderjahre allerdings nur durch Zerstörung möglich waren – das bekommen wir im Vorabend auf vielfache Weise vorgeführt: Die gewachsenen Dörfer werden geordnet und von Neubaugebieten eingekreist, die Bäche begradigt, die alten Witwenhäuschen abgerissen, die Straßen so geebnet, dass man überall „im vierten Gang durchfahren“ kann, eine Formulierung aus dem Roman Oktober und wer wir selbst sind, an die ich nun jedes Mal denken muss, wenn ich mit dem Auto über Land fahre. Was Vorabend erzählt, in immer neuen Anläufen und in immer detaillierter ausgemalten, scheinbar anekdotischen Wendungen, ist in Wahrheit ein Lebensthema: Die Zurichtung eines Landes in Mentalität und Landschaft hin zu einem nach funktionalen und merkantilen Gesichtspunkten straff durchorganisierten System. Eine Komplettneuerfindung binnen weniger Jahrzehnte.“

Der ganze Nachruf:

Nachruf Peter Kurzeck: Die ganze Zeit erzählen, immer

(Philoik.)

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