Städtebau

Liebe Freunde,

der Regionalverband Südbaden lädt gemeinsam mit Vistatour Freiburg zu dem Vortrag „Abgerissenes Freiburg: Perspektiven heute & Früher“ ein. Wir wollen dabei die Perspektiven dieser Stadt kennenlernen, wie sie waren, ehe die Kahlschlagsanierungen der Nachkriegszeit nachhaltige Veränderungen erwirkten.

Es trägt vor: Joachim Scheck. Der Eintritt ist frei!

Ort: Gemeindesaal der Christuskirche Freiburg (Maienstraße 2) in Freiburg i. Br.
Datum: 12. April, Uhrzeit: 19 Uhr

Vielleicht sehen wir uns ja!

Beste Grüße,
Lars

Manch einer von uns mag sich dem Wahn hingegeben haben, mit den Pionierleistungen eines rekonstruierenden Stadtbaus in Dresden, Frankfurt/M. und Potsdam würde ein Damm brechen und landauf landab würden nun Lokalpolitiker, Journalisten und selbst Architekten in neuer Unbefangenheit darüber nachsinnen, wie deutsche Städte ihr weithin erbärmliches Erscheinungsbild durch Wiedergewinnung historischer Strukturen aufwerten können, um im Kontext des so viel beschworenen Europa eine halbwegs erträgliche Figur abzugeben.

Aber so weit sind wir noch lange nicht. Im Bereich der Baukultur lassen deutsche Kulturwächter gerne Europa Europa sein, und seine „Werte“, in diesem Falle die baukulturellen, werden mit Achselzucken übergangen. Was zählt, ist die nationale Geschichte der Wiederaufbauzeit mit ihrer so typisch deutschen Notdurftarchitektur, die es unbedingt für alle Zeiten zu bewahren gilt. Überall in deutschen Städten, wo die in Beton gegossene Bescheidenheit und Selbstverleugnung jener Jahre allmählich das bautechnische und ästhetische Verfallsdatum überschritten hat, beschwören Architekten, Denkmalpfleger und Feuilletonisten den einzigartigen dokumentarischen Wert jener gebauten Zeugen eines Geschichtsmoments der wiedererstandenen Demokratie und verteidigen sie verbissen gegenüber allen Bestrebungen, die Baugeschichte nach internationalen Qualitätsmaßstäben fortzuschreiben.

Dieser Geist des Konservierens einer kurzen und im gesamtgeschichtlichen Kontext so belanglosen wie glanzlosen Phase der Baugeschichte macht z.Zt. wieder einmal in Nürnberg von sich reden,  wo bekanntlich nach einigen Wiederaufbauleistungen der Nachkriegszeit die Schäbigkeit der Trivialmoderne als zeitgemäße adäquate Fortschreibung des kriegszerstörten Nürnberg gewertet wurde und wird.  Da beißt keine Maus einen Faden ab. Da können die Nürnberger Altstadtfreunde mit unglaublichem finanziellen und ideellen Einsatz den Innenhof des berühmten Pellerhauses wiederhergestellt haben; ihr Vorschlag, auch die Straßenfassade dieses Baudenkmals in den Originalzustand zu versetzen, wird von den tonangebenden Kreisen dieser Stadt rüde abgeschmettert. Bezeichnend ist auch die Äußerung des BDA-Vorsitzenden Andreas Emminger, das heutige (in den fünfziger Jahren neugestaltete und denkmalgeschützte) Pellerhaus komme „auf erstaunlich gelassene Weise mit der Potemkinschen Steintapete des Innenhofs zurecht“

Ein halbes Jahrtausend bestand die wohl großartigste Altstadt Deutschlands;  andere Städte konnten ihr kostbares Erscheinungsbild vielleicht dreihundert Jahre bewahren bis zur Vernichtung im Zweiten Weltkrieg, manche vorbildlich gestalteten Stadtteile  bestanden nicht länger als vierzig Jahre, ehe der Absturz in die architektonische Nichtigkeit erfolgte, aus der bis heute keine Auferstehung sich abzeichnet. Wie aber werden sich die nächsten Jahrhunderte für die deutschen Städte gestalten? Eine Konservierung der Nachkriegs-Trivialmoderne auf unabsehbare Zeit hinaus ist unvorstellbar, ebenso unvorstellbar aber ist eine Überformung nach dem Modell Dubai. Es gibt für deutsche Städte nur die Option der behutsamen Wiederannäherung an die Stadtbauidee,  aus der ihre Ursprungsgestalt erwachsen ist. Das werden auch die Nürnberger Baugewaltigen irgendwann begriffen haben, und wenn dazu noch ein Generationswechsel vonnöten ist. Die von Dresden, Frankfurt und Potsdam vorgegebene Richtung ist in der Tat alternativlos, Schritt für Schritt wird sie das Baugeschehen revolutionieren, und auch das Verfahren des Rekonstruierens wird sich zunehmend als unumgänglich erweisen.

(Philoik.)

Ist es der genius loci der „Hauptstadt des deutschen Historismus“ (so – allerdings mit einem Fragezeichen versehen – wurde Leipzig im Jahr der Wiedervereinigung von dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Hocquél tituliert), der anscheinend bislang nur in dieser Stadt unspektakuläre, aber dennoch bemerkenswerte Überschreitungen der ungeschriebenen Gesetze deutscher Nachkriegsarchitektur erlaubt, Grenzüberschreitungen, von denen zu hoffen ist, dass sie heilend, lockernd, bereichernd auf die gesamte deutsche Baupraxis ausstrahlen werden?

Als im letzten Jahr in der Leipziger Kongresshalle der große Saal als Jugendstilsaal rekonstruiert wurde (eine Pioniertat im Umgang mit dem Jugendstil, der nur die frühere Rekonstruktion der Münchner Kammerspiele an die Seite zu stellen ist), erwies sich, dass dieser Geist des spielerischen Durchbrechens von Tabuschranken auch den Umgang mit der „Moderne“ erreicht hat. Eben diese Kongresshalle wurde durch zwei Neubauten ergänzt, den Telemannsaal und den Palmensaal (ein Restaurant), bei denen eine streng konstruktivistische Konzeption ins Ornamentale metamorphosiert. Inspiriert von den Fensterformen des älteren Weißen Saals, ersannen die sonst mit gängigen funktionalistischen Konzepten brillierenden Architekten des Büros HPP eine Struktur aus enggestellten Betonstreben an den Außenwänden, die sich nach oben hin schließlich verzweigen und durchdringen, so dass ein die Gebäude umschließender gotisierender Fries entsteht, ein Schmuckelement, das von außen wie von innen (durch die Verglasung hindurch) eine teils heitere, teils fast monumentale Anmutung bewirkt.

Eine weitere Grenzüberschreitung kündigt sich in der Innenstadt am Burgplatz an. Wenn hier Christoph Kohl, der Schwiegersohn und geistige Erbe des großen Rob Krier tatsächlich zum Zuge kommt, werden wir erstmals wieder eine Geschäftshausfront erleben, die nicht nur einen innerstädtischen Platz schließt, sondern diesem auch ein Gesicht zuwendet, eine die übrigen Fassaden übersteigende, reicher gestaltete und streng symmetrische Platzfront, die – man höre und staune – erstmals wieder durch Skulpturen geschmückt sein wird. Was in dem sogenannten „Katharinum“ in der Katharinenstraße (gleichfalls von Krier/Kohl) noch etwas experimentell wirkt, dürfte hier zur Reife geführt sein: eine Platzfassade unserer Zeit, die endlich wieder dem Stadtbürger zugewandt ist, ihn ernst nimmt, sein Daseinsgefühl bereichert und überhöht, ohne das Selbstdarstellungsbedürfnis des Bauherrn zu vernachlässigen. Drücken wir die Daumen, dass dieser Entwurf ohne Abstriche verwirklicht wird!

(Philoik.)

Links mit Fotos: hier und hier

Dass das Architektonische in Deutschland seit 70 Jahren als quantité négligeable, als eine zu vernachlässigende Größe im zivilisatorischen Prozess gehandelt wird, ist hinreichend bekannt. Dass es aber niemanden kümmert und dass selbst die Standesvertretung der Architekten darüber hinwegdöst, wenn sogar die deutsche Regierung uns immer aufs Neue eine solche Einschätzung unter die Nase reibt, das kann einen schon ins Grübeln bringen. Das jüngst verabschiedete „Klimaschutzpaket“ der Bundesregierung unterstreicht wieder einmal die Zielsetzung, landauf landab möglichst jedes Gebäude in einen Dämmmantel zu hüllen, um so die anvisierten Eckdaten für eine bundesweite Energieeinnsparung auf Biegen und Brechen zu erreichen.

Kein Wort darüber, dass diese Vorgabe, würde sie auch nur annähernd in die Tat umgesetzt, die Vernichtung der gesamten Baukultur unserer Nation bedeuten würde. Aber, so beeilt man sich zu versichern, denkmalgeschützte Baudenkmäler wären natürlich ausgenommen. Aha -die Denkmalschützer würden also darüber befinden, was als Architektur zu bewahren ist, und was für die Verwurstung durch das dämmende Gewerbe preisgegeben werden darf. So wie man beim deutschen Wiederaufbau nach dem Kriege hier und da „Traditionsinseln“ bewahrt hat, würden also künftig „Architekturinseln“ davon künden, dass dieses Volk einmal eine respektable Baukultur hervorgebracht hat. Architektur würde endgültig zu einem musealen Phänomen, das auf Sonntagsspaziergängen zu besichtigen ist.

Natürlich wird es dazu nicht kommen, weil sich die Bürgerschaft als klüger erweist als die Regierung und die kritische Journalistenschaft seit langen mit informativen Artikeln gegen den Dämmwahnsinn anschreibt. Manch einer mag sich auch mit dem Gedanken beruhigen, dass – abgesehen von den in Wahrheit desaströsen ökologischen Auswirkungen dieser Dämmpolitik – einem Großteil des tristen deutschen Alltags-Baubestands eine Auffrischung mit Styropor und Neuputz zumindest nicht schaden würde. Aber es geht nicht um ein solches Abwägen. Es geht um die Frage, was die Entwurfsarbeit des Architekten überhaupt noch zählt, wenn sie massenhaft durch einen Federstrich der Regierung zu einer Arbeit für den Reißwolf entwertet wird, wenn – anders als das Ringen um funktionale, konstruktive, ökologische Aspekte – architektonisches Bemühen im Bewusstsein von Politikern und Bevölkerung einfach nicht vorkommt. Dass die Regierung sich wieder einmal in ihrer Lobby-Hörigkeit selbst vorführt, überrascht wenig, dass aber sogar Architektenverbände stillhalten, wenn das Ansehen des Architektenberufs mit Füßen getreten wird, ist schwer zu begreifen.

(Philoik.)

Vielleicht ist es ja naiv, von einer Diskussionsrunde, wie sie der Sender SWR 2 jeden Spätnachmittag unter dem Titel „Forum“ ausstrahlt, erhellende Einsichten oder gar umsetzbare Ergebnisse zu erwarten. Es handelt sich um Unterhaltung auf hohem Niveau, um den Austausch von Fachleuten in gewählter Diktion, genussvoll kredenzt nicht weniger für die Diskutanten selbst als für die Hörer.

Am gestrigen Freitag ging es um das Thema „Platz da! Wem gehört die Stadt“, und neben dem Architekten und Stadtplaner Prof. Dr. Wulf Daseking, dem Stadtforscher und Planer Julian Petrin, und der Moderatorin Ursula Nusser war auch der uns wohlbekannte Dr. Dankwart Guratzsch am Gespräch beteiligt. Besprochen wurde die rasante Umwandlung der Innenstädte und der intakten urbanen Zentren zu Hochburgen des Kommerzes, aber auch der wachsende Drang der Bevölkerung in eben jene innerstädtischen Quartiere, die noch eine Generation früher zu verslumen drohten und zum Abriss vorgesehen waren, und vor allem die stetige Verteuerung des innerstädtischen Grunds, die es unmöglich macht, fortan  in den Innenstädten für weite Bevölkerungskreise bezahlbaren Wohnraum vorzuhalten.

Einzig Dankwart Guratzsch verstand es, den Ursachen dieses Problemkomplexes auf den Grund zu gehen und einen Weg zur Lösung zu weisen. Er verwies auf das heutzutage von der Bevölkerung empfundene Attraktivitätsgefälle zwischen den erhaltenen gründerzeitlichen Quartieren wie Berlin-Prenzlauer Berg, Hamburg-Ottensen und vielen anderen einerseits und den großflächigen suburbanen Siedlungsbereichen, die seit dem 2. WK entstanden sind, andererseits, er verwies auf die „Abstimmung mit dem Möbelwagen“ und die durch wachsende Nachfrage, aber nicht vermehrbares Angebot an gründerzeitlich geprägten Stadtquartieren bedingtem Wertsteigerungen innerstädtischer Grundstücke. Er machte deutlich, dass man nur dadurch den Druck von den gründerzeitlichen Stadtvierteln nehmen könne, dass man anstrebt, in vergleichbarer Qualität und nach dem Prinzip von Blockstrukturen und dem Bauen auf der Parzelle Stadterweiterung nach den Vorgaben der traditionellen europäischen Stadt zu betreiben. In Deutschland aber begreife man das nicht. Abgesehen von zaghaften Versuchen in diese Richtung wie Freiburg-Rieselfeld und zwei/drei anderen Vorstößen geschehe in Deutschland nichts dergleichen.

Niemand nahm die Gedanken von Guratzsch auf, es war den Diskutanten wichtiger, nur ja kein Randphänomen auszulassen bis hin zur Flüchtlingsfrage. Man genoss den Wettstreit im wohlklingenden abwägenden Formulieren. Was kümmert uns die Baukultur, wir haben Gesprächskultur!

(Philoik.)

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