Dresden – die wiedergeborene Altstadt im Mini-Format

Dresdens Stadtbild war einst v.a. durch ausgedehnte gründerzeitliche Viertel und eine barocke Alt- und Neustadt geprägt. 1945 gingen bis auf Reste der Neustadt die gesamte Altstadt und große Teile der gründerzeitlichen Bebauung unter. Wie bei kaum einer anderen deutschen Stadt wurde durch den nachfolgenden Wiederaufbau die Stadtstruktur umgeformt. Wiederaufbaufähige Fassaden und Kirchenreste wurden gesprengt und abgeräumt, Plattenbau mit großen Freiflächen dazwischen traten an die Stelle der früheren Blockrandbebauung.

Nach der Wende hat Dresden viel geschafft. Dank des Engagements zahlreicher Dresdner und der enormen Spendenbereitschaft vieler Bürger wurde die Frauenkirche bis 2005 rekonstruiert.
Überlegungen, auch den umgebenden Neumarkt (seit 1945 weitgehend Brachfläche) originalgetreu zu bebauen, wurden bereits zu DDR-Zeiten angestellt, scheiterten aber damals noch an der konkreten Realisierung.
Erst nach 1990 standen die Mittel zur Verfügung, das Projekt Neumarkt anzugehen. Es ist maßgeblich dem Engagement des Bürgervereins „Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden“ (GHND) zu verdanken, dass auch der Platz um die Frauenkirche zu großen Teilen sehr vorbildlich rekonstruiert wurde. Damit verfügt Dresden jetzt in seinem Zentrum wieder über so etwas wie eine „Mini-Altstadt“, die zahlreiche Touristen anlockt. „Mini“ deswegen, weil dieser Neumarkt nur ca. 3 % der zerstörten Stadträume ausmacht.

Dresden innere Altstadt. Luftbild. Im Zentrum die Frauenkirche und der rekonstruierte Neumarkt.

Doch außerhalb dieser Mini-Altstadt sieht es ganz anders aus!
Wo sich einst, wie in der Johannstadt, in Blockrandbebauung Gründerzeitviertel kilometerweit zogen, herrscht bis heute 60er und 70er Jahre Plattenbebauung vor. Dazwischen sind oft immer noch erhebliche Freiflächen übrig, die völlig ungenutzt bleiben und den Stadtraum zerschneiden. Konkret und salopp gesprochen: 200 Meter östlich der Frauenkirche endet die Altstadt ganz abrupt und man fühlt sich in eine Vorort-Plattenbausiedlung versetzt. Das ist das Erbe der DDR-Zeit, in der oft die Mittel für mehr Qualität nicht vorhanden waren.

Sanierte Plattenbauten in der Johannstadt.

Aber was wurde seitdem seitens der Stadt geplant und gebaut?
In den Freiflächen dazwischen wurden in den letzten Jahren neue Wohn-oder Bürogebäude errichtet, die meist so wirken, wie einem Vorort-Gewerbegebiet entnommen.

Schubertstraße in der Johannstadt.

Am westlichen Ende von Dresdens touristischem Zentrum sieht es ähnlich trist aus. Bereits neben dem Zwinger und dem rekonstruierten Taschenbergpalais beginnt der „Bruch“ im Stadtbild. In den 90ern wurde dort der sogenannte „Advanta-Riegel“ (mitte) errichtet, in den 2000er Jahren kam der „Wilsdruffer Kubus“ (so benannt nach seinem Aussehen und seiner Lage an der Wilsdruffer Straße) hinzu (rechts). Hier stoßen besonders krass vergangene und heutige Baukultur aufeinander.

Direkt am Eingang des Zwingers: Der Advanta-Riegel(mitte), rechts daneben der 2007 errichtete „Wilsdruffer Kubus“.

100 Meter vom Zwinger entfernt: Bürogebäude in der Annenstraße direkt neben der barocken Annenkirche.

Neubauten an der Freiberger Straße. Überall der ewiggleiche Würfelstil.

Dass es auch in Dresden anders geht, zeigt dieser Neubau in Striesen.

Insgesamt kann man zwei städtebauliche Grundfehler erkennen, die nach 1990 begangen wurden. Auffallend sind einerseits die fast immer würfelförmigen Gebäude, die nun nüchtern und schmucklos das Bild von Dresdens Altstadt über Jahrzehnte prägen werden.

Die Frauenkirche wird angewürfelt. Karikatur des 14-jährigen Dresdner Schülers Yunis Abohani.

Auffallend ist weiterhin, wie großformatig diese Gebäude gebaut wurden. Sie „erschlagen“ den Passanten eher, als dass sie anheimelnd und symphatisch wirken. Sie sehen oft wie Industrieanlagen aus, die eigentlich an den Stadtrand gehörten, sich aber irgendwie massenweise in die Altstadt verirrt haben.

Dresdens Centrum-Galerie in der südlichen Altstadt.

Immer wieder gerät diese Art zu bauen deshalb in Dresden in die Kritik. Dennoch wird seitens des Stadtplanungsamtes seit etlichen Jahren unbeirrt daran festgehalten. Der daran vorbeischlendernde Tourist oder der täglich damit konfrontierte Dresdner sieht darin vielleicht eine Sparmaßnahme des Investors, der so nüchtern baut, um Geld zu sparen und dem die Stadt dann ausgeliefert sei. Also alles eine Frage des Geldes, keine Chance für die Stadt, etwas zu ändern?

Nun führt an dem Bedarf an modernen Einkaufsmöglichkeiten in einer Innenstadt kein Weg vorbei. Aber das hätte man auch anders lösen können. Beispielsweise hätte man auf den noch vorhandenen Freiflächen (die es 1990 noch reichlich gab) die alte Gassenstruktur wiederherstellen können. Besonders wäre das bei der Altmarkt-Galerie geboten gewesen, die auf dem Boden des ältesten Teils Dresdens errichtet wurde.

Doch in Wahrheit gibt es immer wieder Investoren, die bereit wären, bei Neubauten mehr Fassadenschmuck oder auch interessantere Dachformen zuzulassen und von der eckigen Bauweise abzuweichen. Ein solcher Mehraufwand beim Bauen ist in Wahrheit nicht wesentlich teurer als das Bauen von „Würfeln“. Man kann im Schnitt mit 1, max. 2 % Mehrkosten rechnen. Für den Investor grundsätzlich kein Problem, der ökonomisch denkt und weiß, dass symphatische Stadtviertel auch mehr Nutzer anlocken. Wäre es wirklich zu teuer gewesen, qualitätvoll zu bauen, wieso fand man dann aber für den Neumarkt genügend Investoren?

„Ach du meine Güte!“. Karikatur unseres Vereinsmitglieds Marius Dörfling. Die „Allegorie der Güte“ist eine Statue auf dem Turm des Dresdner Rathauses. Das Foto der Güte, die auf die zerstörte Stadt blickt, zählt zu den bekanntesten des 2. Weltkrieges.

Nein, es liegt nicht am Geld, sondern an einer falschen Grundannahme, wie die Stadt sich entwickeln soll. Im Dresdner Stadtplanungsamt setzt man weiterhin auf das veraltete Bauen im Geiste der sog. „Moderne: Stahl und Glas, kühle Fassaden, einfache würfelartige Formen – was anderes geht nicht, was anderes sei ja nicht „modern“, bloß keine Anklänge an die barocke Pracht von Zwinger, Hofkirche und Neumarkt, die so viele Touristen anlockt. Es ist für den einfachen Bürger oft schwer, es sich vorzustellen, aber so kühl und seelenlos denken tatsächlich viele Stadtplaner, die derzeit in deutschen Städten das Sagen haben. Es ist hauptsächlich eine Frage der herrschenden Bauideologie, die sich seit dem Bauhaus seit ca. 100 Jahren nicht mehr weiterentwickelt, sondern nur noch auf immer stärkere Reduzierung des Baukörpers auf seine Funktion setzt, selbst dann, wenn der Bauherr eigentlich gerne mit mehr Vielfalt bauen würde. Darin sehen wir von Stadtbild Deutschland das entscheidende Problem des Städtebaues, dem es nicht mehr gelingt, attraktive Stadträume zu schaffen. Gegen dieses Problem versuchen wir, langfristig anzugehen!

Eine Dresdner Bürgerinitiative „Stadtbild Dresden“ (die nicht mit unserem Verein in Zusammenhang steht) benennt dafür klar die Schuldigen: Es seien einige Mitarbeiter des Stadtplanungsamtes, darunter Stefan Szuggat, Anja Heckmann und Dr. Barbara Engel, die federführend für all diese Entwürfe und – man muss es so sagen – Fehlplanungen sind. Tatsächlich liegt in den Händen eines Stadtplanungsamtes eine erhebliche Gestaltungsmacht, die zu durchschauen einem Stadtrat, der ja meist nur fachlicher „Laie“ ist, oft schwerfällt. In jedem Fall appellieren wir an alle Dresdner, sich für mehr qualitätvolle Architektur einzusetzen! Insbesondere bitten wir die Stadträte und den Oberbürgermeister, der eigenen Verwaltung sehr viel energischer auf die Finger zu schauen und denjenigen Investoren, die qualitativ hochwertiger und vielseitiger bauen wollen, den Vorzug zu geben! Dies ist leider in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen.

Das Potential Dresdens liegt in einer Reurbanisierung der Innenstadtgebiete, in die sich bisher kein Tourist verirrt: Pirnaischer Platz, Ferdinandplatz, Georgplatz, um nur die wichtigsten mit dem größten Potential zu nennen. Diese Plätze sind Durchgangsbereiche, ungenutzte Freiflächen, die den Stadtraum zerschneiden. Jedenfalls dürfte sich wohl kaum einer der Straßenkünstler vom Neu-oder Altmarkt auf den Pirnaischen Platz oder den Georgplatz verirren.

Pirnaischer Platz heute und dieselbe Blickrichtung in den zwanziger Jahren.

Georgplatz heute.

Was heißt Reurbanisierung?

Es bedeutet, für noch vorhandene Brachflächen eine kleinteilige, individuelle Bebauung mit mehr gestalterischer Vielfalt zu fordern. Keine Rekonstruktion der alten Stadt, aber eine Neuinterpretation und Weiterentwicklung. Dies hätte schon vor 25 Jahren in einer rechtsverbindlichen Gestaltungssatzung gefordert werden müssen, wie das in Potsdam kurz nach der Wende geschah. Unsere These: Wäre Dresden diesen Weg gegangen, dann könnten heute wesentlich größere Flächen als nur der Neumarkt wieder im alten und neuen Glanz erstrahlen.

Möglichkeiten gibt es noch einige, vor allem am Ferdinandplatz, der bis heute als große Freifläche zum Parken Verwendung findet. Ein Parkhaus könnte diese Funktion genausogut übernehmen und hier den Bau eines gemischten Wohn- und Geschäftsviertels ermöglichen.

Ferdinandplatz heute. Eine Parkfläche.

Unser Entwurf einer Neubebauung des Ferdinandplatzes südlich des Dresdner Rathauses, der bis heute eine große Brachfläche ist. Keine Rekonstruktion, aber eine behutsame Neuinterpretation des Vorkriegszustandes. Das Stadtplanungsamt möchte an diese Stelle zwei weitere großformatige Gebäude errichten.

Entwurf des Dresdner Architekturstudenten Fabian Jäkel für eine angemessene Neubebauung des Rathenauplatzes.

Noch immer ist es möglich, Teile von Dresdens Altstadt urbaner und städtischer zu gestalten. Man muss verhindern, dass weitere Klötze und Kisten entstehen und stattdessen kleinteiliger und vielseitiger bauen. Dafür wäre aber ein völliges Umdenken und eine teilweise Neubesetzung leitender Stellen im Stadtplanungsamt notwendig, denn nach wie vor wird dort unbeirrt an den Plänen festgehalten. Und so entstehen weitere graue, nüchterne Zweckbauten, die Dresdens Zentrum nicht angemessen sind, z.B. das „Haus Merkur“ oder die Schwimmhalle in der Freiberger Straße.

Zum Download: Offener Brief von Stadtbild Deutschland e.V. an die Dresdner Stadträte:

Verbaut sich Dresden seine Zukunft – Offener Brief an die Dresdner Politik

Ein Link zu einer Dresdner Bürgerinitiative, die sich sehr für das Stadtbild engagiert:
StadtbilDD

Link zur Homepage der „Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden“:
Gesellschaft Historischer Neumarkt

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