Frankfurt am Main – ein aktuelles Vorbild in Sachen „Stadtreparatur“

Bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1944 besaß Frankfurt eine der bedeutendsten Fachwerkaltstädte Deutschlands. Insbesondere das Gebiet im Kernbereich zwischen Kaiserdom und dem Rathaus/ Römer erhielt sich in seinen Verläufen und Ausmaßen nahezu vollständig aus dem Spätmittelalter heraus. Ab 1920 war das Areal umfassend saniert worden.

Nach der Zerstörung der Frankfurter Altstadt 1944 stand der Wiederaufbau ganz im Sinne einer aufgelockerten, modernistischen Bebauung, die nur noch wenig Rücksicht auf gewachsene Stadtgrundrisse legte und den weitgehenden Bruch mit der Vergangenheit anstrebte. Dabei wurde auch in Frankfurt, ähnlich wie in der DDR, Privatbesitz enteignet, um ambitionierte Bauvorhaben zu ermöglichen und vielerorts noch erhaltene und rekonstruktionsfähige Bausubstanz abzutragen. Die nachfolgenden Fotos vermitteln einen Eindruck des städtebaulichen Verlustes, den Frankfurt erlitten hat:

Braubachstraße/ Ecke Domstraße

das ehemalige „Fünffingerplätzchen“ war ein beliebtes Fotomotiv. Es war ein winziger Platz östlich des Römerbergs, an dieser Stelle befindet sich heute die Schirn-Kunsthalle.

Immer noch das „Fünffingerplätzchen“, diesmal eine andere Blickrichtung.

Blick in die Goethestraße hinein. Deutlich auf dem historischen Bild erkennbar ist der gute Zustand des beschädigten Kopfbaues zur heutigen Börsenstraße hin, den man durchaus hätte retten können. Aber der Zeitgeist stand leider an sehr vielen Stellen auf Abriss.

Das „Luthereck“

Rossmarkt. Hier könnte man sich allerdings darüber streiten, ob die historische Bebauung den neuen Anforderungen an die Finanzmetropole Frankfurt gewachsen gewesen wäre, oder ob man sie auch ohne Kriegseinwirkungen irgendwann beseitigt hätte, weil sie dem Fortschritt im Wege gestanden hätte.

Das DomRömer-Projekt – die Rückkehr eines Teils der Frankfurter Altstadt

Der überdimensionierte Waschbetonbau des Technischen Rathauses wurde Anfang der 1970er Jahre in den Kernbereich der Frankfurter Altstadt gestellt, dafür mussten damals noch einige erhaltene Gebäude in der Braubachstraße abgerissen werden. Gegen den Bau gab es schon damals Proteste, da er an solch eine sensible Stelle gesetzt wurde. Ein typisches Beispiel für den „Brutalismus“ vieler Stadtplaner der damaligen Zeit, die den bewussten Bruch mit der Vergangenheit und Tradition zelebrieren wollten.
Das Technische Rathaus wurde 2010 abgerissen. Die Fläche sollte neu bebaut werden, doch der „Siegerentwurf“ (KSP Engel Zimmermann) des Architekturwettbewerbs zeigte wieder einmal, dass auch diese Architektenjury mehr auf großflächige, eintönig-modernistische Architektur setzte als auf Urbanität:

Dieser Siegerentwurf konnte niemanden so richtig überzeugen. Öffentlicher Druck der Bürger setzte dann den Stein ins Rollen: Im September 2007 kam es zu einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung. Dieser sah eine historisierende, kleinteilige Bebauung mit einer möglichst genauen Wiederherstellung des historischen Straßennetzes wie vor dem Zweiten Weltkrieg vor. Es entsteht ein rund 7.000 m² großes Areal mit neuen Altstadtbauten. Dieses befindet sich zwischen dem Römerberg im Westen und dem Domplatz im Osten (danach oft als Dom-Römer-Areal bezeichnet), begrenzt durch die Braubachstraße im Norden und die Schirn Kunsthalle im Süden. Die Grundsteinlegung erfolgte Ende Januar 2012.

Visualisierung zum aktuellen DomRömer-Projekt, hier im Bild: Die Rekonstruktion der „Goldenen Waage“, daneben ein modernes Füllgebäude. Leider war eine komplette Rekonstruktion politisch nicht durchsetzbar. Das lag nicht an fehlenden Investoren, sondern an Widerständen seitens einiger Teile der Architektenschaft.


Der neu entstehende Hühnermarkt
Ende 2017 sollen alle Häuser fertiggestellt sein, im Jahr 2018 soll das Altstadtviertel dann mit einem mehrtägigen Fest eröffnet werden. 35 neue Gebäude entstehen, darunter immerhin 15 Rekonstruktionen. Dass es nicht mehr werden, ist ein Kompromiss zwischen Rekonstruktionsbefürwortern und moderner Architektenschaft. Es entsteht also eine Art Mischviertel, aber Hauptsache ist, dass eine kleinteilige, humane Altstadtstruktur in die Frankfurter City zurückkehrt. So sieht anspruchsvolle Stadtreparatur aus: Das Reparieren städtebaulicher Fehler der Nachkriegszeit und die Schaffung einer lebenswerten Innenstadt für die Bürger!
Das Beispiel DomRömer macht Schule!

Bald ein DomRömer 2.0?

So schlug der Architekt Georg Zastrau 2015 vor, dass man doch auch das relativ ungenutzte Gelände der westlichen Römerseite neu und kleinteilig gestalten könnte. Die folgende Visualisierung soll sein Projekt, das er „Reanimation Altstadt 2.0“ taufte, veranschaulichen:

Stadtreparaturpläne für den westlichen Römer von Georg Zastrau.

Das Rekonstruktionsfieber scheint die Frankfurter Bürger gepackt zu haben. Das Schauspielhaus, ein Jugendstilbau von 1902, hatte den Krieg beschädigt, aber wiederaufbaufähig überstanden. Dennoch wurde es bis auf wenige noch heute erhaltene Teile abgerissen und ein modernistischer Neubau darauf gesetzt. Eine Bürgerinitiative des Frankfurters Jürgen Aha strebt nun an, das sanierungsbedürftige Schauspielhaus abzureißen, um das Jugendstilhaus von 1902 zu rekonstruieren. Die Sanierungskosten werden auf bis zu 300 Mio. Euro geschätzt, daher könnte eine Rekonstruktion am Ende sogar für die Stadt die günstigere Lösung werden, auch wenn das Vorhaben derzeit noch keine Symphatie im Stadtrat hat. Aber das war beim DomRömer-Projekt am Anfang genauso.

Das Frankfurter Schauspielhaus in seiner Jugendstilgestalt von 1902 und heute

Stadtbild Deutschland unterstützt diese aktuellen Vorhaben und hat sich mit einem offenen Brief an die Stadträte gewandt.
Download offener Brief zum Schauspielhaus Frankfurt

Wir bitten alle stadtbildinteressierten Frankfurter, diese Initiativen zu unterstützen:

Link zur Homepage der Bürgerinitiative „Pro Altstadt“, die sich für das DomRömer-Projekt engagiert:
www.pro-altstadt-frankfurt.de/

Homepage des Büros von Georg Zastrau:
www.fs-architekten.de/buero/team/index.de.html

Initiative für den Wiederaufbau des Schauspielhauses:
www.frankfurterschauspielhaus.de/

Für weitere Informationen sind Sie herzlich eingeladen, unser Diskussionsforum zu besuchen. Dort finden Sie zahlreiche Beiträge über Frankfurt am Main und andere Städte. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften, Anregungen und vielleicht auch eigene Fotos.

Ortsverband Frankfurt/Main

Thomas Petzinna
E-Mail: Thomasinffm@gmx.de

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