Hildesheim – das „Nürnberg des Nordens“

Hildesheim, mit ca. 100 000 Einwohnern die „kleinste Großstadt Niedersachsens“, wie sie sich selbst gerne nennt, 30 km südlich von Hannover gelegen. Wegen ihrer sehr prachtvollen Fachwerkbauten, die teilweise eine enorme Größe erreichten, wurde Hildesheim auch das „Nürnberg des Nordens“ genannt.

In der Stadt selbst gab es 1945 keine besonderen Industrieanlagen, die einen Angriff gerechtfertigt hätten. Am nördlichen Stadtrand gab es einen Ausbildungsstätte der Luftwaffe, nördlich des Stadtzentrums einen Güterbahnhof. Am 22. März 1945, 14.15 Uhr wurde dieser Güterbahnhof zum kriegswichtigen Ziel der Royal Air Force und die gesamte historische Altstadt südlich davon gleich mit.
17 Tage vor dem Einmarsch der US-Truppen wurde damit auch Hildesheims Altstadt nahezu restlos zerstört, ca. 1500 Menschen verloren dabei ihr Leben. Da von den Fachwerkhäusern, anders als bei Steinbauten, nahezu nichts den Stadtbrand überstand, war es hier leichter als anderswo, „tabula rasa“ zu machen und die Stadt völlig neu zu planen und aufzubauen. Obwohl der Hildesheimer Wiederaufbau zu den Besseren in Deutschland gezählt werden muss, ist auch hier – wie z.B. in Nürnberg – der Fehler begangen worden, keines der charakteristischen Fachwerkhäuser zu rekonstruieren.

Obwohl viele Hildesheimer dafür kämpften, lehnte die Stadtverwaltung auch einen Wiederaufbau ihres Knochenhaueramtshauses zunächst ab. Erst in den achtziger Jahren hatte eine erneute Bürgerinitiative Erfolg, sodass sich Hildesheims Marktplatz wieder in etwa so präsentiert, wie er mal war. Freilich nur als „Traditionsinsel“, denn die restliche Innenstadt ist praktisch vollständig ein Nachkriegsprodukt.

Hildesheims Marktplatz mit dem markanten und identitätsstiftenden Knochenhaueramtshaus (1529-1945, rekonstruiert 1989).

Waren anfangs sehr viele gegen die Rekonstruktion, ist der Marktplatz aus dem Hildesheimer Stadtbild und v.a. dem Stadtmarketing gar nicht mehr wegzudenken.
Der restliche Teil dieser einst wunderschönen Stadt aber ist vergessen und im Stadtbild erinnert auch keine Informationstafel mehr daran. Selbst in dem neu erbauten Informationscenter am Markt wollte man von der Idee, an das vergessene Hildesheim mit Fotos zu erinnern, auf Nachfrage unseres Vereins hin nichts wissen.
Bis jetzt! Denn wir laden Sie zu einem Streifzug durch Hildesheim ein, zum Hildesheim von einst und jetzt!

Borchersches Haus „an der Lilie“. Lilie, so heißt der große Platz östlich des Rathauses, also nur ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt. Mit ca. 25 Metern ebenso groß wie das Knochenhaueramtshaus, ist sein Standort bis heute unbebaut geblieben.

Das Borchersche Haus war v.a. für seinen Erker bekannt, der im Volksmund „Hexenerker“ genannt wurde, da die Frau, die unter dem Dach des Erkers abgebildet war, die Leute an eine Hexe erinnerte. Unter den Fenstern erkennt man gut die für Hildesheim typischen „Windbrettmotive“, die an zahlreichen Häusern zum Schmuck angebracht waren und die oftmals religiös-allegorische oder einfach witzige Motive beinhalteten.

Elberfelder Hof, Osterstraße 52. Es gibt nicht besonders viele Fotos des Elberfelder Hofes in guter Qualität, aber imposant muss er gewesen sein, der im 16. Jahrhundert erbaute Gasthof. Zwar versuchte die Nachkriegsbebauung in Hildesheim an vielen Stellen die alten Proportionen wieder aufzunehmen, doch gelingt es den nackten, schlichten 60er- Jahre Fassaden nicht, an ihr Vorbild anzuknüpfen.

Osterstraße 7, das sog. „Altdeutsche Haus“.
Richtung Norden,nur eine Gehminute vom Borcherschen Haus entfernt, begegnet uns dieses Kleinod niedersächsischer Fachwerkbaukunst. Das Altdeutsche Haus war eines der Hildesheimer Charakterbauten, v.a. sein dreifacher Dreieckserker war europaweit einmalig. Auch dieses Haus war mit den für Hildesheim typischen Windbrettmotiven geschmückt, die sich v.a. mit dem Thema „Tod“ und „Vergänglichkeit“ beschäftigten. Auch dieses Haus fiel dem Stadtbrand am 22. März 1945 zum Opfer. Das Gelände wurde erst in den 60er Jahren neu bebaut, wie man sehen kann, nicht zum ästhetischen Vorteil.

Überquert man westlich des Marktplatzes den Hohen Weg, gelangt man auf den Andreasplatz, der wohl ebenfalls zu den ehemals schönsten Plätzen Niedersachsens gezählt werden kann.
Dort befanden sich das „Pfeilerhaus“ und der „umgestülpte Zuckerhut“. Letzterer wurde dank der Privatinitiative des 2015 verstorbenen Hildesheimer Architekten Dr. Heinz Geyer 2010 rekonstruiert. Das Pfeilerhaus hätte Herr Geyer ebenfalls gerne rekonstruiert, aber leider steht das Nachkriegsgebäude, wie der gesamte nördliche Andreasplatz, inzwischen unter Denkmalschutz.

Der westliche Andreasplatz. Das Trinitiatishospital.
Zuletzt wurde es, man mag es kaum glauben, als Eisengießerei genutzt, aber das Äußere des Gebäudes blieb bis 1945 erhalten.

Der westliche Andreasplatz, einige Meter weiter. Das Eckgebäude, das hier bis 1945 stand, muss wohl auch zu den besonders schmerzlichen Verlusten Hildesheims gezählt werden.

Das Rolandspital an der Kardinal-Bertram Straße, Ecke Eckemekerstraße. Zuletzt als Altenheim für mittellose Männer genutzt (angeblich ein dunkler, verrufener Ort), ist es dennoch ein Charakterbau gewesen, den es so wohl kaum ein zweites Mal in Deutschland gab. Fast wirkt das Spital so, als wolle es gleich nach links wegkippen. Heute befindet sich an seiner Stelle der Straßenbelag der rechten Fahrspur.

Eckemekerstraße/ Alter Markt.
Blickt man nach links und geht ein paar Schritte über die Straße, gelangt man an die heutige Hauptschule Alter Markt. Vor 1945 bot sich stattdessen dieses Bild.

Schuhstraße.
Die Schuhstraße ist heute eine wichtige Ost-West-Durchgangsstraße für die Hildesheimer, die zur Rush-Hour oft verstopft ist. Vor 1945 bot sie ein wesentlich malerisches Bild. Um den Verkehr zu bewältigen, gab es bereits in den 20ern Pläne, südlich Hildesheims eine Umgehungsstraße zu errichten. Der 22.März 1945 erübrigte dann solche Überlegungen.

Schuhstraße/ Ecke Altpetristraße: die Blankenburg.
Fast derselbe Ort, nur ein paar Meter weiter östlich, steht man an einem der wenigen Hochhäuser Hildesheims. An diesem Standort befand sich auch vor 1945 ein markanter Bau, das Kaufhaus „Blankenburg“. Hier wird besonders deutlich, was Hildesheim nicht nur an Fachwerk, sondern auch an Historismusbauten verloren hat.

Der Platz vor dem Dom, Kreuzstraße Ecke Hückedahl. Hier zu sehen ist das Landessozialgericht.
Was aber auf dem Platz vor dem Gebäude einst stand, ist heute weitgehend vergessen: Der Goldene Engel.

Der Gasthof zum Goldenen Engel war eines der größten Fachwerkgebäude der Welt. Leider sind offenbar keine Baupläne erhalten geblieben, sodass das Innere des Gebäudes nur anhand von Zeitzeugenberichten rekonstruiert werden kann. Unten befand sich der Gasthof, im hinteren Teil des Gebäudes eine Treppe, in der 1. Etage ein großer Saal, 2. und 3. Etage die Fremdenzimmer, darüber wohnte die Familie des Gasthofbesitzers. Zuletzt hatte dieses Privileg die Hildesheimer Familie Balliel. Die Fotomontage zeigt den Gasthof, wie er theoretisch heute aussehen würde.

Direkt daneben, auf der anderen Seite der Straße, die Domschenke. Deren Kellergewölbe, der sogenannte „Remter“, ist noch bis heute erhalten geblieben.

Was kann in Hildesheims Stadtbild verbessert werden?

Sicherlich sind einzelne Rekonstruktionen wünschenswert, aber im Moment illusorisch. Zu unbekannt sind die Hildesheimer Charakterbauten geworden, zu teuer wäre tatsächlich ihre Rekonstruktion, zu knapp die öffentlichen Kassen Hildesheims, zu gering das Wachstum der Stadt, um potente Investoren dafür anzulocken und wohl auch zu gering das momentane Interesse der Bevölkerung.
Andererseits war auch der Standort des Knochenhaueramtshauses in den 70er Jahren vielen Hildesheimer nicht mehr bekannt. Heute weiß es wieder jeder, wo es steht. Gebäude, Symbole, Identitäten können zurückkehren, auch wenn sie zeitweise vergessen sind. Vielleicht wird es in Zukunft dafür die nötigen gesellschaftlichen und politischen Mehrheiten geben. Wir von Stadtbild Deutschland werden entschieden dafür kämpfen!

Aber an die Tradition der Hildesheimer Windbrettmotive könnte man schon heute anknüpfen. Eine städtische Gestaltungssatzung, die bei Neubauten die Verwendung von Windbrettmotiven im traditionellen oder zeitgenössischen Stil fördert, könnte das Stadtbild langfristig sehr zum Positiven hin verändern und diese regionale Tradition neu interpretieren.

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