Magdeburg: von der kleinteiligen Altstadt zur großformatigen Platte

Keine deutsche Großstadt hat durch den Wiederaufbau so sehr ihr Gesicht verloren wie Magdeburg. Vor dem Krieg war die großflächige Altstadt geprägt von zahlreichen Gassen und kleinteiliger Altstadtbebauung, Resten aus der Zeit von vor der Zerstörung durch Tilly 1631, Barockbebauung, vor allem am „Breiten Weg“, der Hauptverkehrsstraße sowie gründerzeitlicher Bebauung, in die sich vereinzelt ab den 20ern schon Bauhausstil hineinmischte. Ein bunter Mix eben, der gekrönt wurde von den zahlreichen Kirchen.

Am 16. Januar 1945 ging Magdeburg ein zweites Mal unter. Doch viele Hausbesitzer machten sich bereits in den ersten Nachkriegsjahren an den Wiederaufbau. Doch ab ca. 1950 entschloss sich die DDR-Führung, oft gegen den Willen vieler Magdeburger, einen anderen Weg zu gehen. Enteignung der Grundstücksbesitzer, Abriss der größten Teile der Altstadt, auch dort, wo der Wiederaufbau schon begonnen hatte oder abgeschlossen war und Neubebauung durch eine großflächige Plattenbaustruktur.

Wir laden Sie ein zu einem kleinen Stadtrundgang durch das alte Magdeburg und vergleichen jeweils dieselbe Stelle mit dem Magdeburg von heute.

Breiter Weg 12, das Pichelsche Haus. Eines der bekannteren Barockgebäude Magdeburgs. Um 1900 wurde es um ein Stockwerk erhöht. Ein Beispiel von vielen, das zeigt, dass in den deutschen Altstädten vor 1939 kaum noch etwas wirklich im Originalzustand war. Gebäude wurden und werden stets aktuellen Nutzungen angepasst, manchmal bleiben nur die Fassaden erhalten, das war so und das ist völlig normal. Auch die heute noch erhaltenen historischen Gebäude bestehen meist kaum noch aus Originalsubstanz.

Breiter Weg, Blick nach Norden, im Hintergrund die Türme von St.Katharinen. Wie andere Kirchen auch wurden deren Reste in den 60er Jahren abgerissen.

Wendet man den Blick von hier nach links, sieht man die Stelle, an der einst die Ulrichstraße in den Breiten Weg mündete. Sie ist heute komplett überbaut worden, obwohl die Fläche bis 1990 frei stand und eine Rekonstruktion hier überlegenswert gewesen wäre. Aber die Stadt suchte nach der Wende dringend schnelle Investoren, fand sie auch.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ein ähnliches Bild. Hier steht heute das Allee-Center, dessen Fläche ebenfalls bis 1990 frei stand. Genau an dieser Stelle stand das Haus zum güldenen Kreuz, Breiter Weg 30, ein gerne fotografiertes barockes Bürgerhaus. Immerhin das Portal wurde gerettet und steht heute am Breiten Weg 193. Die kleine Gasse, die in den breiten Weg einmündete, war die Judengasse. Hier wurde 1681 der Komponist Georg Philipp Telemann geboren.

Mitten im Allee-Center, beim „Heißen Wolf“. Genau an dieser Stelle mündete die Dreienbretzelstraße in die Tischlerbrücke, beide Straßen sind heute praktisch vergessen. Die Hand vor dem Kopf des heutigen Gastes im Vordergrund des Bildes scheint aber wohl eher der Müdigkeit als der Trauer um den Verlust dieser Straßen geschuldet zu sein.

Östlich des Allee-Centers, auf einer Freifläche, die sich nicht entscheiden kann, ob sie Grünfläche oder Garage für das Allee-Center werden wollte. Hier befand sich ein kleiner Durchgang, der ebenfalls heute vergessen ist: Der Zeisigbauer. Hier wären wir mitten im Gassengewirr der Altstadt des alten Magdeburgs.

Weiter nördlich, östlich der Johanniskirche nahe an der Elbe. Die Johannisbergstraße damals und heute.

Noch weiter nördlich, diesmal östlich der Katharinenkirche, deren Türme man auf dem historischen Bild im Hintergrund erkennen kann. Die Petersstraße damals und heute.

Weiter nördlich mündet die Steinernetischstraße in den Breiten Weg ein. Das war bereits der „Außenbezirk“ des alten Magdeburg, was man an der einfacheren Bebauung erkennen kann. Eine Ausnahme bildete das repräsentative, schmale Gebäude in der Mitte.

Der Universitätsplatz bildete den nördlichen Abschluss der Magdeburger Altstadt, hier befand man sich zu früheren Zeiten genau am Stadttor. Um 1900 wurde an dieser Stelle ein repräsentativer Platz völlig neu angelegt. Wie man deutlich sehen kann, hatten unsere Vorväter noch wesentlich mehr Ahnung von Stadtbaukunst.

Zum Glück hat sich auch in Magdeburg noch einiges erhalten, wenn auch eher am Rande der Stadt. Am Bekanntesten und Beliebtesten ist das am südlichen Altstadtrand gelegene Gründerzeitviertel um den Hasselbachplatz, das heute als eigentliches Kneipenzentrum Magdeburgs fungiert.

Magdeburg ist ein Beispiel dafür, wie Städtebau aussieht, der infolge des fast völligen Verlustes einer noch vorhandenen Altbausubstanz den Rahmen verloren hat, an dem er sich ausrichten kann. Hier kommt besonders erschwerend hinzu, dass durch die Enteignungen zu DDR-Zeiten auch die Besitzstruktur der Stadt völlig geändert wurde. Statt vieler kleiner Hausbesitzer und Vermieter sind es heute wenige kommunale Wohnungsunternehmen, die das Sagen haben und die naturgemäß eher großflächig und einheitlich bauen wollen. Hinzu kommt dann noch die Tendenz der Kommune, „schnelle“ Investoren zu suchen. Diese errichten dann aber fast immer nur Einkaufscenter, die von ihrer Ästhetik eher in Gewerbegebiete passen und – schlimmer noch – dem Einzelhandel auf der Straße die Kunden abziehen. Eine in Magdeburg dringend notwendige Rückkehr zur kleinteiligen Mischnutzung und Gassenstruktur ist momentan nicht vorgesehen. Stattdessen werden die freien Grundstücke zwischen den Platten mit sog. „Stadtvillen“ nachverdichtet, die jedoch völlig austauschbar und beliebig aussehen und aufgrund ihrer Mononutzung als Wohnunggebäude kein neues urbanes Leben schaffen.

In Kürze wollen wir hier zeigen, wie und an welchen Stellen Magdeburg beginnen könnte, einen anderen, anderswo bewährten Weg zu gehen.

Weitere Infos gibt es in der Facebookgruppe unseres Ortsverbandes Magdeburg:
„Stadtbild Magdeburg“, www.facebook.com/groups/1116057101824197/

Ortsverband Magdeburg
Christian Noah
E-Mail: christian.noah90@yahoo.de

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