Der Verlust an Baukultur, den Nürnberg gegen Ende des 2. Weltkrieges erlitten hat, kann nur als ungeheuerlich bezeichnet werden. Eine riesige Altstadt, die aus zahllosen Fachwerkhäusern bestand, dazwischen immer wieder auch reiche Patrizierhäuser aus Stein, eine gewachsene, hochverdichtete Struktur voller jahrhundertealter Stadtkultur und Geschichte, sinnlos ausgelöscht, wie so viele andere europäische Städte.

Das historische Luftbild der Umgebung der Tucherstraße, wo die reichsten Bürgerhäuser standen, kann nur einen unvollständigen Eindruck vermitteln, wie hoch der Verlust gewesen ist. 90 % der Nürnberger Altstadt waren bei Kriegsende zerstört, der Angriff vom 2. Januar 1945 richtete dabei den meisten Schaden an und pulverisierte große Teile der Innenstadt geradezu.
Doch Nürnbergs Altstadt wurde, ganz im Gegensatz zu Frankfurt am Main oder Kassel, weitgehend auf dem historischen Stadtgrundriss und mit einer vielerorts traditionellen Bauweise wiederaufgebaut. Das kommt dem Stadtbild bis heute sehr zugute und schafft vielerorts eine angenehme Atmosphäre. Gleichwohl zeigt der direkte Vorher-Nachher-Vergleich einiger markanter Punkte, wieviel Schönheit und gewachsene Geschichte hier verlorenging.

Wir beginnen mit der Freifläche, auf der früher das Bratwurstglöcklein stand:

Das Bratwurstglöcklein wäre ein geeigneter Kandidat für eine Rekonstruktion, bisherige Vorstöße der „Altstadtfreunde Nürnberg“ scheiterten aber an den Mietern der umgebenden Lokale, die eine Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit fürchteten.

Das Grolandhaus an der heutigen Tetzelgasse/ Ecke Paniersplatz war eines der am häufigsten gemalten oder fotografierten Nürnberger Fachwerkhäuser, wohl, weil es solch einen markanten Eckpunkt setzte. Zwar ist das Grundstück bis heute frei geblieben, aber aufgrund der direkten Nachbarbebauung würde eine Rekonstruktion am Originalstandort derzeit wenig Sinn machen.

Die Martin-Treu-Straße, ehemals Dötschmannplatz ist eine eher versteckte Ecke der Altstadt, in die sich kaum ein Tourist verirrt. Wozu auch, außer einem teils unterirdischen Parkhaus gibt es dort wenig zu sehen. Vor dem Krieg bot sich an dieser Stelle dagegen ein malerisches Bild.
Dennoch erkennt man auch auf dem aktuellen Foto im Hintergrund mittig sehr gut, wie sehr beim Wiederaufbau stellenweise auf die Erhaltung des regionalen Stadtbildes geachtet wurde: Dachgiebel, Mittelrisalit, Dachgauben und Kreuzfenster gliedern eine Fassade und lassen sie angenehm wirken. Wenn Stadtplaner bei heutigen Neubauten auf solche Qualitäten verstärkt achten würden, wäre bereits sehr viel erreicht. Technisch und finanziell machbar ist es auf jeden Fall.
Leider nahm in Nürnberg nach Einschätzung der Altstadtfreunde die Qualität der Nachkriegsbebauung in den späten fünfziger Jahren eher ab als zu, was sich bei den umliegenden Gebäuden schon andeutet. Indiz dafür, dass wirtschaftlicher Erfolg (Wirtschaftswunder der Bundesrepublik) nicht gleichbedeutend bessere Baukultur bedeutet.

Diese Fotomontage aus aktuellem und historischem Zustand des Dötschmannplatzes von einem der Mitglieder des Stadtbild-Forums vermittelt einen guten Eindruck davon, wie punktuelle Rekonstruktionen an markanten Punkten den Eindruck einer Straße oder eines Platzes verbessern könnten. Dies zeigt sich auch bei folgendem Bild, wo ebenfalls ein einst sehr markantes Gebäude im Zentrum steht:

Blick vom Obstmarkt auf das „Stadtgartenamt“ aus dem 16. Jahrhundert, dessen Mauern 1945 teils erhalten blieben, aber dennoch abgerissen wurden. Die Tucherstraße, die hier entlanglief, konnte die reichsten Bürgerhäuser Nürnbergs vorweisen.

Der Paniersplatz mit Blick auf die Kaiserstallungen, die trotz völliger Zerstörung als eines der ersten Gebäude in den frühen fünfziger Jahren rekonstruiert wurden, zeigt erneut die vielerorts gelungene Nachkriegsbebauung.

Diese Fotomontage eines Forenmitglieds fügt in das aktuelle Bild allerdings das Toplerhaus ein, das hier bis 1945 stand. Das Foto zeigt nicht nur, welcher kunsthistorische Verlust das Toplerhaus bedeutet, sondern auch, welchen Gewinn für eine Rekonstruktion für den Paniersplatz bedeuten würde.

Berühmt war die Nürnberger Altstadt aber gar nicht so sehr wegen reicher Fassaden, sondern vor allem aufgrund ihrer reich ausgestatteten Innenhöfe, wie etwa den Plobenhof …

… oder den Innenhof Tucherstraße 21:

Es gab über 20 solcher kunsthistorisch bedeutenden Innenhöfe. Kein Einziger blieb erhalten, kein Einziger wurde nach dem Krieg rekonstruiert. Obwohl sich die Stadt Nürnberg bemühte, die wichtigsten Sakralbauten zu retten, nahm man von den wertvollen Profanbauten nur sehr wenige in die Liste der wiederherzustellenden „Leitbauten“ auf. Ein schwerer kultureller Fehler!

Das Projekt „Pellerhaus“

Diesen Fehler wollen die Nürnberger „Altstadtfreunde“ wieder rückgängig machen. Das 1602 von Jakob Wolff d. Ä. für den Kaufmann Martin Peller erbaute sog. Pellerhaus am Egidienplatz zählte bis zu seiner Zerstörung 1945 zu den berühmtesten Renaissancebauwerken in Deutschland. Der Keller, der Treppenturm sowie Reste des Innenhofes und der Eingangshalle blieben jedoch erhalten.
Obwohl die denkmalpflegerischen Vorgaben der Stadt Nürnberg im Falle von nur teilzerstörten Baudenkmälern eigentlich deren Rekonstruktion forderten, wich der Stadtrat 1957 von diesen Vorgaben ab und kombinierte die erhaltenen Reste mit einem Neubau, über dessen Qualität man trefflich streiten kann.
Seit 2008 wird im Innenhof dieses Neubaus der Renaissance-Innenhof des Originalpellerhauses rekonstruiert, finanziert ausschließlich durch Spendengelder und das Engagement der Nürnberger Altstadtfreunde.

Karl-Heinz Enderle, der Vorsitzende der Altstadtfreunde, schlug vor einiger Zeit vor, dass man auch die Fassade des Originalpellerhauses rekonstruieren müsse, damit Hof und Fassade endlich wieder als einheitliches Kunstwerk zu erleben sind.

Hier ein direkter Vergleich aus 50er-Jahre-Fassade (links) und Originalfassade (rechts):

Nun schlägt Enderle heftiger Widerstand seitens der Denkmalschützer entgegen, die den 50er-Jahre- Bau für viel Geld sanieren und erhalten wollen. Die Altstadtfreunde dagegen wollen die Originalfassade aus Spendenmitteln finanzieren, was das Stadtsäckel Nürnbergs erheblich entlasten würde. Auch der „Bund deutscher Architekten“ (BDA) ist natürlich gegen wie immer gegen Rekonstruktionen, egal, wie viel Erfolg sie anderswo längst haben. Leider besitzt auch die gegenwärtige Stadtverwaltung wenig Erfahrung mit dem Nutzen von Rekonstruktionen und scheint sich mit dem erreichten Zustand begnügen zu wollen. Vielleicht gibt es keinen besseren Beweis für die Nachhaltigkeit des kulturellen Verlustes, den Nürnberg erlitten hat, wie der jetzige Widerstand mancher Experten gegen die Idee einer Rekonstruktion. Sie haben das Gefühl für die großartige Vergangenheit ihrer Stadt verloren und sind scheinbar unfähig oder unwillig, deren Baukultur neu zu erwecken. Dabei zeigen doch Städte wie Hildesheim, Frankfurt am Main, Dresden, Warschau oder Danzig seit vielen Jahren, wie nützlich Rekonstruktionen für das Stadtbild sind und dass sie Bautradition und Baukultur zurückbringen können. Denn nicht die Originalsubstanz eines Gebäudes ist entscheidend, sondern die Echtheit des dahinter stehenden Entwurfs.
In Nürnberg sträubt man sich weiter gegen diese Erkenntnis, obwohl Rekonstruktionen anderswo längst Normalität sind. In Hildesheim steht das Knochenhaueramtshaus seit 1989 wieder da, wo es einst stand und niemand käme auf die Idee, es wieder abzureißen, sondern es ist zum neuen, alten Symbol der Stadt geworden. Auch das Pellerhaus könnte wieder zu einem Symbol Nürnbergs werden und dessen Ruf in der Welt bereichern.

Stadtbild Deutschland unterstützt daher die Idee der Rekonstruktion des Pellerhauses und hat sich im Januar 2017 in einem offenen Brief an die Stadträte und den Oberbürgermeister gewandt.

Offener Brief Fassadenrekonstruktion Pellerhaus

Homepage der Nürnberger Altstadtfreunde:
www.altstadtfreunde-nuernberg.de/

Wir bitten alle Mitglieder von Stadtbild Deutschland und alle sonstigen Interessierten aus dem Raum Nürnberg, die Altstadtfreunde bei ihrer Arbeit zu unterstützen!

Weiterhin freuen wir uns über textliche Ergänzungen und weitere Fotos engagierter Nürnberger, um diese kurze Informationsseite zu ergänzen und stets auf dem Laufenden zu halten. Auch bietet unser Vereinsforum viele zusätzliche Informationen.

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