Den Kulturverlust im deutschen Bauwesen seit 1945 zu beklagen, ist in unseren Kreisen längst zum Gemeinplatz geworden. Weniger gängig ist der Hinweis auf die Rolle, welche die frühere Deutsche Bundesbahn, die heutige Deutsche Bahn AG in diesem kulturellen Zerfallsprozess spielt. Zwar konnten in den großen deutschen Städten erstaunlich viele Bahnhofsbauten durch Krieg und Wirtschaftswunderjahre hindurch einigermaßen robust ihre Gestalt bewahren, umso verheerender ist der Befund in der „Fläche“, in der Provinz.

Wie viele Bahnhofsgebäude, die einstmals mit viel Gespür für regionale Traditionen in die Landschaft gesetzt worden waren, wurden in der Nachkriegszeit abgerissen und durch funktionale Gebilde in konsequenter Nicht-Architektur ersetzt, zumeist durch einstöckige Kisten mit Standard-Flachdach, die in kürzester Zeit verwahrlosten und zur Zielscheibe wandalistischer Akte verkamen!

Wie viele stählerne Bahnsteighallen, „Kathedralen“ neuzeitlicher Verkehrskultur, wurden aufgrund von Kriegsbeschädigungen, aber auch ohne solche aus Kostengründen beseitigt und durch funktionale Einheits-Bahnsteigdächer ersetzt! Eines der erschütterndsten Beispiele war die diesbezügliche Amputation des wunderbaren Badischen Bahnhofs von Karl Moser in Basel in den siebziger Jahren, der die Schweizer Denkmalschützer schließlich widerwillig zustimmten.

Wie viele palastartige Empfangshallen, Restaurants und Wartesäle wurden nach Kriegsbeschädigungen, aber auch im Zuge diverser „Modernisierungs“-Wellen preisgegeben und durch kommerzorientierte Allerweltseinbauten ersetzt! Wer noch einen Nachgeschmack der Noblesse erleben will, mit dem das Fin de siègle die Bahnreisenden verwöhnte, muss ins Ausland gehen; in Deutschland, zumindest im ehemaligen Westen, konnten solche Raumkunstwerke nicht überdauern.

Schon kam die Hoffnung auf, mit derart barbarischen Eingriffen bei Bahnhofsbauten würde es nun in Deutschland ein Ende haben und die Entscheidungsträger der Bahn hätten endlich begriffen, wie sehr das Ansehen des Unternehmens auch von einem verantwortlichen Umgang mit hochwertiger Bausubstanz abhängt. Da kommt uns die Nachricht auf den Tisch, die Deutsche Bahn plane eine weitere Verstümmelung eines bedeutenden Bahnhofskomplexes. Der Oldenburger Hauptbahnhof, ein Meisterwerk des späten Jugendstils aus dem Jahr 1915 nach einem Entwurf von Friedrich Mettegang, soll aus Kostengründen seine Bahnsteighallen verlieren (übrigens die einzigen in ganz Niedersachsen!). Sie sind in die Jahre gekommen und müssten kostenaufwendig saniert werden. Während die Deutsche Bahn im Falle von Wiesbaden einen ähnlichen Sanierungsaufwand gerade abgeschlossen hat, möchte sie sich im Falle von Oldenburg dieses ersparen und die Bahnsteighallen durch Einheits-Bahnsteigdächer ersetzen.

Denkmalpflege und Stadtverwaltung sind alarmiert, und noch scheint keine Entscheidung gefallen zu sein. Alles hängt davon ab, ob aus der Öffentlichkeit hinreichender Druck aufgebaut wird, das Baudenkmal in seiner Gänze zu erhalten. Helfen auch wir dabei mit!

Die Presseberichte:

Bahn will historische Bahnhalle in Oldenburg abreißen

Die Stadt kämpft mit gebundenen Händen

 (Philoik.)

 

Eine Antwort auf Zerfallende Baukultur – das Beispiel deutscher Bahnhöfe

  • Booni sagt:

    Man sollte meinen, die verbliebenen historischen Bahnsteighallen würden allein aufgrund ihrer Seltenheit gut behütet werden. Aber vor nicht allzulanger Zeit musste die Mainzer Halle aus den 1920er-Jahren weichen, die etwas jüngere Halle in Duisburg wird auch abgerissen. Ich wünsche den Oldenburgern viel Erfolg beim Erhalt ihrer Halle. Ich persönlich freue mich immer, unter solchen Hallen Ein-, Aus- und Umzusteigen. Gerade in Frankfurt und Köln ist die Atmosphäre etwas ganz besonderes.

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