Dessau Schlossplatz Rekonstruktion

Bürgerentscheid in Dessau-Roßlau für historische Fassaden scheitert an 432 fehlenden Stimmen – kommt nun der große Getec-Klotz?

Es ging bereits durch die Presse und die meisten Interessierten werden es mitbekommen haben: Der Kampf des jungen Dessauer Schlossplatz-Vereins um historische Fassaden und der durchgeführte Bürgerentscheid ist juristisch an 432 fehlenden Stimmen gescheitert. Es fehlten einfach die nötigen Wähler, die sich für ihre Stadt noch interessierten. Dennoch votierten 70% der Wähler, denen wir an dieser Stelle herzlich danken, für historische Fassaden- und das in der Bauhausstadt im Bauhausjahr!

Wenn jetzt nichts mehr weiter passiert, wird der Energiekonzern „Getec“ das Grundstück zum Schleuderpreis erwerben, sein Vorhaben verwirklichen und ins ehemals historische Zentrum Dessaus einen 0815-Plattenbau setzen, um dort ein „Bed&Breakfast“-Hotel unterzubringen. Den Entwurf für diesen Bau können wir hier mangels Bildrechten nicht zeigen, sie finden ihn aber z.B. auf der Facebookseite des Schlossplatzvereins.

Die Stadtväter, allen voran der OB Kuras, lassen sich für diese angebliche Meisterleistung feiern und tun so, als wenn Dessau nichts Besseres passieren könne. Alles sei besser als Stillstand, ist dort die Argumentation. Opposition gegen diese Pläne gibt es kaum, jedenfalls nicht von den Stadträten. Der interessierte Bürger aber fragt sich längst: Was ist da intern zwischen der Firma Getec und der Stadt bzw. dem OB noch alles passiert?

Stadtbild Deutschland e.V. hat den Dessauer Verein wo es ging unterstützt und wendet sich nun in einem offenen Brief an die Dessauer Stadträte. Ein Kompromiss wäre jetzt das richtige Signal, um den Frieden in der in dieser Frage reglrecht gespaltenen Stadt wiederherzustellen.

Offener Brief an die Stadträte Dessau-Roßlaus zum durchgeführten Bürgerentscheid

Sehr geehrte Stadträte und Stadträtinnen,

über 13000 Stimmen für einen historischen Schlossplatz – das ist eine eindeutige politische Aussage, auch wenn es juristisch nicht ganz ausreicht, den Stadtrat sowie die Verwaltung auch formal zum Handeln zu zwingen. Eine Wahlbeteiligung von 28% mit einem „weichen“ Thema wie Architektur, obwohl parallel keine Landtags- oder Kommunalwahlen stattfanden und das in einer Stadt, deren Wahlbeteiligung auch sonst nicht gerade durch die Decke rauscht, das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit im bundesdeutschen Durchschnitt. Dafür gebührt den engagierten Bürgern und all den Helfern herzlicher Dank und Anerkennung!

Mehr als 70% der Wähler sind für Ja zu historischen Fassaden, das ist mehr als nur eine Aussage, die den Schlossplatz betrifft. Es ist ein klares Votum gegen eine nichtssagende 0815-Architektur, die mit dem Etikett, „modern“, „Bauhaus“ oder schlimmstenfalls „billig“ und deshalb für ihre Stadt gerade gut genug zu sein, weiter den Leuten als das einzig Machbare verkauft wird. Diese Ja-Stimmen sind vor allem ein klares Votum für mehr städtebauliche und regionaltypische Qualität auch bei künftigen Projekten, denn auch Dessaus Baugeschichte fing nicht erst 1919 an.

Dabei hatte es der junge Schlossplatzverein von Anfang an schwer, bzw. sich oft auch selbst schwer gemacht. Von der Initiative bzw. dem Verein wurde Investorensuche und immer ein professionelles Bild nach außen verlangt, ganz so, als handele es sich bei ihnen um ein eigenes Unternehmen mit funktionierender PR-Abteilung und nicht um engagierte, einfache Bürger, die das alles nur mit Spenden und eigenen Mitteln in ihrer Freizeit auf die Beine gestellt haben. Zu viele Zweifel blieben bei interessierten Bürgern, ob das Projekt mit historischen Fassaden zu realisieren sei (obwohl dies andernorts kein Problem darstellt!), zu viele bis heute nicht geklärte Ungereimtheiten der Getec-Bewerbung sollten nicht offen angesprochen werden, um die Stimmung zum Oberbürgermeister nicht noch mehr zu vergiften.

Wären die Bürger noch professioneller aufgetreten, sähe das Ergebnis des 1. September sicher noch viel eindeutiger aus. Einen Grund für die Stadträte und den Oberbürgermeister, erleichtert zu sein, gibt es also nicht, wenn sie sich weiter als Vertretung ihrer Bürger sehen wollen!

Sie als Stadträte haben nun die endgültige Entscheidung zu fällen, ob und unter welchen Konditionen das Grundstück an Getec verkauft werden soll. Aber spätestens dann, wenn das Gebäude steht, wird die Tragweite Ihrer Entscheidung auch den bisher uninteressierten Bürgern sichtbar werden und diese werden sich fragen, wie Sie damals abgestimmt haben. Es liegt nun wieder in Ihrer Hand, die Bürger für oder gegen sich zu gewinnen.

Ein „Weiter so!“ darf es nach einem solchen Ergebnis nicht geben. Getec sollte dafür gewonnen werden, an seinem Entwurf nachzubessern, wobei natürlich Vertreter der Bürger einbezogen werden sollten. Ein simples Bekleben der Fassade mit alten Statuen, wie von Herrn Döhring in einem Gespräch Vertretern der Initiative bereits angeboten, genügt dafür nicht. Wenn über 70% der Menschen in Dessau-Roßlau, die sich dafür interessieren, gegen seinen Entwurf sind und keinen „Klotz“ am Schlossplatz wollen, sollte dieser dringend auch architektonisch verbessert werden, sonst besteht die ernste Gefahr, dass das kommende Hotel zum kommerziellen Misserfolg und Imageschaden wird – für Getec, den Oberbürgermeister sowie die Stadt Dessau-Roßlau.  

Ziel sollte jetzt ein Kompromiss sein, den man dann gemeinsam in der Öffentlichkeit als Erfolg präsentieren kann. Die Mehrheit der JA-Stimmen sind nicht gegen Getec als Investor in Dessau gerichtet, sie wünschen sich nur ein optisch lukrativeres Stadtbild, was auch dem Tourismus zuträglich wäre.

Viele Dessau-Roßlauer scheinen zu glauben, dass ihre Repräsentanten sich erneut der Meinung von Herrn Kuras fügen werden, dass es wie immer keine oder zu wenig Opposition von ihnen geben würde.

Sehr geehrte Stadträte, das Votum vom letzten Sonntag ist kein juristisches, aber ein politisch klares Mandat an Sie, zu handeln! Zur Unterstützung dafür stehen viele Dessau-Roßlauer Bürger und auch der Verein Stadtbild Deutschland ehrenamtlich bereit!

Mit freundlichen Grüßen

Stadtbild Deutschland e.V., Manuel Reiprich
Pressesprecher, Mitglied des Vorstandes

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