Halle-Neustadt (Galerie)

  • Sinnvoll wäre, die Scheiben-Hochhäuser zu sanieren und das zugepflasterte Umfelt zu entsiegeln und mit vielen Bäumen und Grün zu bepflanzen

    Das wird ja gerade gemacht, und an grüner Wiese und Bäumen mangelt es außerhalb des Zentrums wirklich nicht. Da würden mich eher die weiten leeren Flächen stören ...

    Zum nächsten Abschnitt zunächst zwei historische Aufnahmen:

    Einmal der frühere Delta Kindergarten: Haneu Bildarchiv

    Und einmal das gesamte Areal mit dem Block 10, dem "weißen Riesen" auf der rechten Seite: Haneu Bildarchiv

    Hier ist im Neuzustand schon eine gewisse Ästhetik erkennbar, auch wenn die weißen Fassaden sicherlich aufgrund der Umweltverschmutzung rasch nachdunkeln.

    Die Anordnung mit den flachen Bauten, den Grünanlagen daneben, Plattenbauten auf beiden Seite und sogar mit dem "Plasteblock" im Süden ergeben eines der wenigen gelungenen Ensembles, auch wenn die beiden kleineren Plattenbauten ziemlich generisch ausfallen und sich insgesamt 6x wiederholen.

    Der Kindergarten ließ sich leider nicht fotografieren, da er inzwischen in einem wohl wild aufgegangenen Wäldchen liegt - die Besonderheit liegt in der Dachkonstruktion, der doppelt gekrümmten Fertigteil-Schale von Herbert Müller, nicht zu verwechseln mit der Hyparschale.

    Dazu schreibt die Bauwelt:

    Der „Schalenbaumeister“ Ulrich Müther ist jedem ein Begriff. Aber Herbert Müller, „Schalenmüller“ genannt, der Erfinder der HP-Fertigteil-Schale? Seine wellenförmigen Betonstrukturen prägen viele Gesellschaftsbauten in Halle-Neustadt und zahllose Sporthallen in der ehemaligen DDR.

    (...)

    Für Halle-Neustadt, die ab 1964 errichtete „Chemiearbeiterstadt“, waren Müllers innovative Konstruktionen von Anfang an Teil der Planung. Um der Hallenser Bevölkerung einen Vorgeschmack auf die vielen mit diesem System angedachten Sonder- und Gesellschaftsbauten zu geben, stellte man auf dem Altstädter Obermarkt einen kleinen Ausstellungspavillon, eine kombinierte Schalen-Seilkonstruktion, auf. Weitere Musterbauten entstanden bald darauf in der Neustadt: eine dreischiffige Mehrzweckhalle (1966/67), bei der erstmals ein durchgehendes Lichtband zum Einsatz kam und im Wandbereich die Anwendung von halbzylinderförmigen Schalen getestet wurde, sowie eine stützenfreien Schwimmhalle (1968/69). Es folgten die „Delta“-Kindergärten, die Feuerwache und die Versorgungseinrichtungen von „Treff“ bis „Basar“. Daraus wurde ein universell einsetzbarer Schalenfertigteil-Baukasten entwickelt, das sogenannte Uni HP-System.

    Die Bauten zur Magistrale hin sind saniert:

    Hier der Block 10 mit einer Länge von 385 Metern, in nur 6 Monaten bis 1966 errichtet und mit drei Durchgängen versehen, damit der Platz nicht abgeriegelt wird.

    Einer der Durchgänge:

    Die flachen Bauten gibt es auch noch, sie werden genutzt:

    Allerdings ist die Ästhetik durch allerlei neue Fenster und Anbauten doch stark beeinträchtigt:

    Das südliche Ende von Block 10:

    Und der südlichste der drei Flachbauten:

    Blick nach Norden:

  • Vielen Dank. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich mit der Architektur der DDR bisher nur relativ wenig beschäftigt habe. Da denkt man ja erst einmal hauptsächlich an Plattenbau-Tristesse und dann allenfalls noch an den "Zuckerbäckerstil". Das sich die DDR aber durchaus auch anderweitig an Ästhetik versucht hat, zeigt der ehemalige Delta Kindergarten sehr schön. Vielleicht liegt es daran, dass die skulpturalen Bauten der DDR oftmals dann doch noch mal anders ausgefallen sind als die im Westen, dass ich mich damit bisher so wenig beschäftigt habe. Leider sind solche Bauten aber auch diesseits der ehemaligen Mauer eher ungeliebte Kinder. (Das Stadionbad hier in Hannover z. B. steht noch nicht einmal unter Denkmalschutz.) Bleibt zu hoffen, dass sich die Wahrnehmung solcher Bauten im Bewusstsein der Menschen irgendwann ändert.

  • Fairerweise muß man sagen, daß es in Halle-Neustadt praktisch der einzige anspruchsvolle Bau dieser Art ist, es scheint noch einen weiteren kleineren "Rundbau" mit demselben Dach zugeben, der Architekturführer zeigt ein Beispiel, aber ohne Ortsangabe.

    Wie beschrieben gab es in der DDR noch die bekanntere Hyparschale, z. B. in Magdeburg (klick) und fast identisch auch in Dresden, gleich am Blauen Wunder.

    Wahrscheinlich liegt der Reiz von Halle-Neustadt in der jeweils unterschiedlichen Methodik, die der Anordnung der Bauten zugrundeliegt, selbst der Architekturführer bringt aber nur ganz wenige Einzelbauten wie den Block 10 oder den Plasteblock, der als nächstes gezeigt wird, es scheint also fast nur wenig ansprechende Plattenbauten zu geben.

    Als Kuriosum ist mir noch aufgefallen, daß es nördlich des Zentrums ein doppeltes Y-Haus gibt, bei dem zwei Y-Kerne zusammengefügt wurden, daran wurde dann eine Standardplatte-P2 angefügt.

    Auch das war standardisiert, siehe Y-Haus: PDF

  • ....

    Der Kindergarten ließ sich leider nicht fotografieren, da er inzwischen in einem wohl wild aufgegangenen Wäldchen liegt - die Besonderheit liegt in der Dachkonstruktion, der doppelt gekrümmten Fertigteil-Schale von Herbert Müller,...

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    Man könnte mit dem Uralt-Spruch "Not macht erfinderisch" beginnen - aber das erwünschte Einsparpotential an Baustoffen bei voller Funktionalität der Konstruktion hätte auch "ohne Not" entwickelt werden können.

    Im Wiki-Artikel zur https://de.m.wikipedia.org/wiki/HP-Schale ist ein weiteres Foto des Kindergartens enthalten.

    Eine weitere Innovation war das ebenfalls republikweit genutzte https://de.m.wikipedia.org/wiki/VT-Falte Trapezdach. Einiges an Bauwerken mit diesen Dachformen ist NOCH erhalten.

  • Hier geht es darum, ob man bereits bestehende Gebäude verfallen lassen und abreißen sollte - oder es nicht besser wäre, diese zu sanieren. Die Mehrheit der Bürger hat sich in einer Befragung für die 2. Variante entschieden und so wurde endlich dem Verfall ein Ende gesetzt und das 1. Scheibenhochhaus saniert. Hinzu kommt, der Charakter von Halle-Neustadt war immer DDR-geprägt. Es ist eine DDR-Stadt. Hier mit den bekannten Schwächen zeitgenössischer Neubauten etwas verbessern zu wollen wird scheitern. Das sieht man schon am Shopping-Center, welches sich nicht in die Gegend einfügt. Deshalb ist der eingeschlagene Weg richtig und wird für eine große Zahl an Menschen einigermaßen bezahlbaren Wohnraum erhalten. Nun muss das nächste Scheibenhochhaus saniert werden, denn die Bewohner des sanierten Blocks wollen nicht jahrelang auf eine Ruine blicken müssen.

    In anderen Städten (Potsdam) ist es hingegen richtig, den Altstadt-Charakter einer deutlich älteren Stadt wieder sichtbar zu machen, was auch geschieht.

  • Nun muss das nächste Scheibenhochhaus saniert werden, denn die Bewohner des sanierten Blocks wollen nicht jahrelang auf eine Ruine blicken müssen.

    Die sanierte Scheibe A hat keine Bewohner. Das Gebäude wird von der Stadtverwaltung genutzt. Es war auch ursprünglich kein normales Wohnhaus. Die fünf Scheiben dienten als Wohnheime, sei es für Chemiearbeiter, sei es für Studenten. Scheibe A war bis 1998 ein Studentenwohnheim und stand dann leer. Die Sanierung wurde 2021 abgeschlossen. Ursprünglich waren die zwischen 1970 und 1975 errichteten Scheibenhochhäuser bräunlich. Der Eindruck wurde von rauen Betonelementen geprägt. Scheibe A hat sich im Detail also deutlich verändert. Dazu tragen auch wesentlich die Fensterflächen und Balkongestaltungen bei. Ich finde die Sanierung recht ansprechend. Das Gebäude sieht jetzt besser aus als das meiste, was heutzutage an Neubauten errichtet wird. Es ist ja oft festzustellen, dass man aus Bauten der Ostmoderne ganz schön was herausholen kann.

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    Halle (Saale), Nördliche Neustadt, Neustädter Passage, Scheibe A (Foto: Catatine, 20. Juni 2021, CC0)

    Mal ganz ehrlich: Will dort irgendeiner von Euch wirklich leben?

    Ich nicht. Halle-Neustadt gehört aber zu meinem Interessensgebiet. Deshalb beschäftige ich mich ernsthaft damit. Es ist schon sinnvoll, Halle-Neustadt als Wohnstandort zu erhalten. Nicht nur aus sozialen Gründen und weil die Infrastruktur nun einmal vorhanden ist. Der Westen Halles entwickelt sich recht stark. Nördlich der Neustadt gibt es den Weinberg-Campus mit Teilen der Martin-Luther-Universität, mehreren außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie einem Technologie- und Gründerzentrum. Auch das Universitätsklinikum an der Ernst-Grube-Straße gehört zu dem Cluster.. Am Südrand der Neustadt gibt es ein Gewerbegebiet. Halles Westen hat also durchaus Perspektive. Und man knüpft dann eben an die Bausubstanz aus der DDR-Zeit an. Diese ist ja auch kulturhistorisch von Interesse. Generell ist in Halle ein unverkrampfter Umgang mit dem DDR-Erbe zu beobachten.

  • Die sanierte Scheibe A hat keine Bewohner. Das Gebäude wird von der Stadtverwaltung genutzt.

    [...]

    Ich finde die Sanierung recht ansprechend. Das Gebäude sieht jetzt besser aus als das meiste, was heutzutage an Neubauten errichtet wird. Es ist ja oft festzustellen, dass man aus Bauten der Ostmoderne ganz schön was herausholen kann.

    Mir ergeht es auch so, dass dieses Hochhaus A durch die Sanierung eine gewisse Qualität erhalten hat. Es liegt woh an der ausschliesslichen Verwendung von Weiss, Anthrazit und beschichtetem Glas. Allerdings war mein erster Gedanke, dass das Hochhaus nur solange diese Ausstrahlung besitzt, als die Balkone noch nicht benutzt werden. Ein grosses Problem bei solchen Bauten ist doch die Unordnung mit den Balkonen - einmal mit einem Wintergarten verglast, dort eine Satellitenschüssel, dann ein greller Stoffbehang, dort eine Klimaanlage... natürlich Probleme, die auch bei einem kleinen Haus oder Denkmalobjekt bestehen, denn Sichtschutz ist überall gewünscht. Wenn hier ausnahmsweise mal eine Verwaltung drin sitzt, gibt es dieses Problem nicht und ich bin beruhigt. Auch wenn ich kein Glasfan bin, aber bei Balkonen leistet Milchglas oder dunkel gefärbtes Glas die besten Dienste.

  • Weiter nach Süden, wir haben jetzt die Zscherbener Straße erreicht, Kreuzung mit der Harzgeroder Straße (das ist die Straße, die an den Flachbauten entlangführt).

    Hier kommen erst einmal ein unsanierter und ein sanierter Plattenbau:

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    Und in Richtung Osten ein drastisch unsanierter und unbewohnter Bau:

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    Was ist jetzt aber das besondere am zweiten Bau, abgesehen von seinem sehr schlechten Zustand (sogar die Haustechnik wurde im Laufe der Jahre geklaut ...)?

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    Nun, es ist ein Unikat - weniger vom generellen Aufbau als von den verwendeten Materialien ... es ist der legendäre Block 683 von 1968, der sogenannte "Plasteblock".

    Quasi als Leistungsschau der produzierten Kunststoffe wurden die Betonplatten mit glasfaserverstärkten Polyesterplatten beschichtet und offensichtlich auch noch mit Polyesterstyrolschaum hinterlüftet.

    Das ganze gehört oder gehörte der Firma Monarchis in Neu-Ulm, die den Block 2014 einmottetete - er stand dieses Jahr für 800.000 Euro zum Verkauf.

    Siehe Nach 10 Jahren Leerstand: “Plasteblock” in der Zscherbener Straße wird versteigert – 800.000 Euro Mindestgebot und Halle-Neustadt: Plasteblock in Zscherbener Straße wird eingemottet.

    Aus letzterem Link:

    Quote

    So viel wie möglich Plaste wollte die DDR in diesem Block für den Wohnungsbau erproben. Später sollten die Wohnungen der Chemiearbeiterstadt mit den Produkten aus Schkopau in Serie ausgestattet werden. Doch Fenster aus Glakresit, Lichtkuppeln aus Polyester, Kunststoffplatten und –Schäume zur Wärmedämmung oder Türen aus PVC blieben eine einmalige Mode, ebenso wie das Bad mit Plastewanne und Plastewaschbecken. Einzig die Fassadenverkleidung aus Kunststoff hatte sich zu DDR-Zeiten an Neustädter Balkonen durchgesetzt.

    Und aus dem ersten Link:

    Quote

    Das 1968 errichtete Gebäude verfügt über 161 Wohnungen. Vor wenigen Jahren haben Diebe das Gebäude geplündert, unter anderem die Wasserinstallationen abgebaut. Damals war ein Schaden von 100.000 Euro entstanden.

    Und so werden mögliche Interessenten auch im Vorfeld der Versteigerung darauf hingewiesen: es sei “keine nutzbare Heizungs-, Sanitär- und Elektroinstallation vorhanden.”

    Mit weiteren Höhepunkten dieser Art kann ich jetzt nicht mehr aufwarten, es geht weiter in Richtung S-Bahn:

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    Eine Tendenz in Richtung kulinarischer Vielfalt ist unverkennbar:

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    Ansonsten eine Mischung aus saniert und verfallen:

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  • So, damit ist unser Rundgang schon fast am Ende angelangt - die S-Bahn verläuft vertieft, was auch die unterirdische Station im Zentrum ermöglicht ... die Station Zscherbener Straße ist natürlich nicht unterirdisch.

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    Die Bahnlinie verläuft in Nord-Süd-Richtung und führt weiter nach Nietleben am Rande der Plattenbauten.

    Dieses Gebäude sieht fast wie der Plasteblock aus, aber mit konventionellen Materialien gefertigt:

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    Weitere Klassiker:

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    Am Zollrain entlang geht es wieder zur Magistrale zurück:

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    Die Scheiben des Zentrums kommen wieder ins Bild:

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    Entlang der Magistrale erschienen mir die Plattenbauten besonders lang, durch Vergleichen auf dem Stadtplan stellte ich aber fest - nein, diese Bauform wiederholt sich auch auf der grünen Wiese häufig:

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    Geschafft - wir sind wieder an der Straßenbahn in Richtung Halle:

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    Streng genommen hatte dieser Strang natürlich nichts mit klassischer Architektur zu tun - aber da ich noch eine umfangreiche Galerie zu Halle bringen werde, konnte und wollte ich diesen wichtigen Teil der Stadt Halle auch nicht ganz aussparen.