Ich bin zum Teil an der Nahe aufgewachsen, dort wohnte früher meine Großmutter. Landschaftlich lag dieser Bereich der Nahe an einem Naturschutzgebiet mit viel Raum für Auenwälder. Mit großem Abstand gab es allerdings einen Damm, der entlang der Nahe Anfang der 1930er gebaut wurde. Spannend war die alte Mühle, die ich noch mit Aquarell festhielt, bevor sie abgerissen wurde. Dazu gab es auch eine dramatische Geschichte von einem Müllergesellen, der den Müllermeister erschlug und in die in die Fremdenlegion floh. An der Mordstelle stand auch ein Kreuz. Noch faszinierender war dieser Fluss, ein wirkliches Mysterium, man konnte von den Bäumen ins Wasser springen, an den Kiesbetten Picknick machen, sich auf Bäumen verstecken, also ein Indiana Jones-Paradies für Kinder. Besonders gefreut hat es mich, als ein anderes Nahekind weit entfernt meine Flaschenpost fand. Wir hatten sogar längere Zeit eine echte Brieffeundschaft. Und die Vögel!!! man muss es erlebt haben, wenn kreischende Wildgänse im Tieflug über einen hinwegfliegen. Im Winter gab es auch mal gefährliche Momente, das gebe ich zu. Ich bewunder meine Eltern, wie absolut sorglos sie immer waren.
Das natürliche Hochwasser in einer Auenlandschaft, - also wenn die Nahe mit Wasser anschwoll - war ein absolutes Highlight. Damit möchte ich kein Hochwasseropfer verunglimpfen oder verhöhnen. Der Damm wurde dann gebraucht, die Nahe verbreiterte sich extrem. Doch niemand ist gestorben oder wurde von den Fluten mitgerissen. Diese Verwandlung war bizarr und ein geräuschvolles Naturschauspiel. Danach entdeckte man tausend Dinge, was in den Ästen hing,...etc
Zurück zu Bayern: In den letzten Jahren stand es in dem Raum nach Rain am Lech zu ziehen. Mit dem Fahrrad fuhr ich kreuz quer durch die Gegend. Erst fand ich es ganz nett, an der Donau ab der Lechmündung entlang zuradeln. Auf längere Sicht wurde es eintönig. Man konnte deutlich das Betonfundament der Donau sehen. Der Lech interessierte mich gar nicht. Ich nahm ihn als langweiligen Kanal wahr, der von Stauseen unterbrochen wurde. Die Stauseen werden zwar als Vogelstätten ausgewiesen, sie haben aber mit der Flora und Fauna, wie ich sie von der Nahe kannte, nichts zu tun. Störend fand ich auch immer das lärmende Wasserkraftwerk.
Erst als ich mich mit dem dreißigjährigen Krieg und Tilly beschäftigte, wurde ich hellhörig, da man den Lech als "wild" beschrieb. "Einen wilden Gesellen, den man nicht zu Nahe treten durfte" Ab da dämmerte mir das ökologische Desaster.
Deswegen interessierte mich diese Ausstellung, die ich letztes Wochenende in Augsburg besichtigte:
Ein Wildfluss zum Cyborg
Ausgedehnte Auwäler und weite Moorlandschaften säumten die Uferbereiche des Lechs nördlich von Augsburg, als dieser noch ein weitgehend unberührter Wildfluss war. Diese Feuchtgebiete beherbergten eine Vielzahl verschiedener Amphibienarten, unter anderem den Laubfrosch, der heute am Lech sehr selten geworden ist.
QuoteEindringlich zeichnet Jens Soentgen nach, dass sich der Lech von einem Wilfluss in einen "Cyborg", ein Mischwesen zwischen Fluss und künstlich gesteuertem Kraftwerk verwandelt hat. Er wird wie ein Kraftwerk "gefahren", seine Wassermenge bestimmt sich durch den Strompreis auf der Leipziger Strombörse. Die Natur ist von der Technik völlig überformt, der Ingenieur triumphiert, der Fluss verschwindet. Der Lech steht damit für viele vergleichbare Flussregime und gigantische Staudammprojekte in aller Welt (..)
Die Ähnlichkeiten der Argumentationen und der verheerenden Folgen für die Natur werden im internationalen Vergleich sichtbar. (...)
Die künstliche Natur der Stauseen, des Forggensees, des Mandichosees, des Kuhsees bei Augsburg, erscheint in der privaten Fotografie wie in der Tourismuswerbung als natürliche Natur, sie wird zur Naherholung genutzt und wie selbstverständlich, als immer schon dagewesen angenommen. Dies ermöglicht einen nachdenklichen Blick auf das Naturverständnis und auf unsere Möglichkeiten, grundlegenden Naturwandel über Generationen hinweg überhaupt wahrzunehmen: Manchen in der heutigen jungen Generation erscheint der gestaute und verstümmelte Lech ebenso als Teil ihrer Kindheitsparadiese wie früheren Generationen der ungebändigte, reißende Wildfluss










