Nürnberg - der Wiederaufbau

  • Ich verstehe einfach nicht, warum ich euch alle hier so unnötig aufregt und das Leben schwer macht. Die zerbombten deutschen Städte können allesamt nicht mehr als "historische Altstädte" durchgehen. Auch München nicht. Man muss das einfach mal akzeptieren und sich damit abfinden.

    Auch das von mir sehr geschätzte Warschau ist letztlich eine kleine, sehr gut gemachte Altstadt (nicht immer historisch völlig wahrheitsgetreu, aber das steht auf einem anderen Blatt), umgeben von einer gigantischen Neubauwüste ohne erkennbare Stadtplanung. Da sehen die meisten Dresdner Vororte besser aus.

  • buarque Danke, du beschreibst ausführlich und anschaulich, was ich auch bereits angesprochen habe. Anscheinend wollen manche das aber irgendwie nicht zur Kenntnis nehmen. Sei's drum. Ich bin auch nicht begeistert von der Wiederaufbau-Architektur in Nürnberg, aber dort finde ich doch immerhin das vor, was ich unter einem Gesamtorganismus Stadt verstehe, im Gegensatz zu weiten Teilen Dresdens. Ich habe nichts gegen diese Stadt, ich weiß um ihre Bedeutung und um das Geleistete mit Frauenkirche und Neumarkt. Ich verdamme nur die "Stadtplanung" der DDR, mit der großräumig alle Spuren der Vorkriegszeit ausradiert wurden und nichts als städtebauliche Ödnis geschaffen wurde. Ebenso wie auch in Magdeburg oder der historischen Mitte Berlins.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Hier gibt es im Grunde zwei unterschiedliche Vorstellungen von Wiederaufbau: einen strukturellen Wiederaufbau und einen Wiederaufbau des historischen Stadtbildes. In diesem Punkt gebe ich Buarque recht: Nürnbergs Innenstadt besitzt eine gewisse Struktur. Betrachtet man sie jedoch als historisches und traditionelles Stadtbild, verfehlt der Nürnberger Wiederaufbau dieses Ziel deutlich.

    Im südlichen Dresden fehlen sowohl Struktur als auch Stadtbild. Ehrlich gesagt empfinde ich das dortige offene Feld dennoch als deutlich angenehmer als die südlichen Nürnberger Vorstadtzonen.

    Ich habe eine Zeit lang in St. Johannis in Nürnberg gewohnt und finde, dass die Gründerzeitviertel dort im Vergleich zu anderen deutschen Städten eher schwach als stark ausgeprägt sind. Hat die Äußere Neustadt in Dresden etwa keine Struktur?

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    Auch die gründerzeitlichen Villenvororte Dresdens sucht man in Nürnberg weitgehend vergeblich.

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    Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um ein „Dresden versus Nürnberg“, sondern um die grundsätzliche Feststellung, dass die Nürnberger Altstadt weder war noch ist ein Goldstandard für den Wiederaufbau eines historischen Stadtbildes.

    Gleichzeitig muss man anerkennen, dass das Fehlen von Struktur und Wiederaufbau in manchen Dresdner Vierteln die Nürnberger Altstadt – rein stadtbildlich – nicht automatisch kohärenter erscheinen lässt. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Anspruch eines rekonstruierten historischen Stadtbildes in Nürnberg klar verfehlt wurde.

  • Auch das von mir sehr geschätzte warschau ist letztlich eine kleine, sehr gut gemachte Altstadt (nicht immer historisch völlig wahrheitsgetreu, aber das stehr auf einem anderen Blatt) , umgeben von einer gigantischen Neubauwüste ohne erkennbare Stadtplanung. Da sehen die meisten Dresdner Vororte besser aus.

    Na ja, da würde ich gern widersprechen - zum einen gibt es ja noch den Königsweg, der mindestens rechts und links eine historisch wirkende Häuserzeile aufweist, mit Krakauer Vorstadt, Neuer Welt usw. Historisch wahrheitsgetreu ist aber kaum etwas, die Neue Welt ist eine komplette Neuerfindung, und auch sonst wurde eine idealisierte und optimierte Version gebaut, die bezüglich der Altstadt schon vor dem Krieg geplant und (schleppend) umgesetzt wurde.

    Beispiel Krakauer Vorstadt:

    Das Original wirkte sehr unruhig, die Bebauung war uneinheitlich:

    380024.jpg

    Die Nachkriegsversion aus einem Guß:

    altstadtwarschau.jpg

    Viel schönere Fassaden, fast einheitliche Höhen, stilistisch viel einheitlicher.

    Wahrscheinlich würde eine erhaltene Altstadt eher dem heutigen Nachbau entsprechen als dem Original.

    Ich zitiere mal:

    (…) who debated and drafted plans that combined a usable Polish past with what Stefan Starzyński's 1936 exhibition called "the Warsaw of the Future". General distaste for preceding historicist eclecticism among Europe's interwar preservationists and architects took on a strongly national quality in Poland. With the reestablishment of the Polish state, a "tendency toward idealization of what had taken place politically and also architecturally in Warsaw until the 1830s" prompted demolition of monuments attributed as "Russian" (notably the enormous 1912 Alexander Nevsky cathedral on Saxon Square) and the recrafting of Warsaw's old town into an imagined premodern Polish appearance.

    The fourth chapter demonstrates strong continuity in both planners and their ideas during and immediately after Nazi occupation. Allured by his interwar dreams, Zachwatowicz praised the ruins of 1945 for their "enormous possibilities" whose "results could be extremely fruitful" (117). For Zachwatowicz and his colleagues, unparalleled destruction opened a singular chance to realize their most radical historicizing plans from the 1930s.

    Ansonsten wurde außerhalb der Altstadt bis in die späten 70er, als dem System das Geld ausging, sehr aufwendig geplant und gebaut, zuerst im Stil des Sozialistischen Realismus (Beispiele: viele Ministerien im Warschauer Süden, MDM-Viertel, Latawiec, die repräsentativen Wohnviertel westlich der Marszałkowska, Neue Welt Ost und West usw. usw.) danach kam die Moderne zum Zug (Marszałkowska-Ostwand, ambitionierte Hochhausplanung entlang der nördlichen Marszałkowska usw., von der allerdings nur 3 Hochhäuser gebaut werden konnten, und in der unmittelbaren Nachkriegszeit z. B. das inzwischen wunderbar instandgesetzte ehemalige Zentrale Kaufhaus CDT von 1951).

    Ich glaube, das wertvolle an Warschau ist nicht die Altstadt, sondern daß man mit modernen Mitteln im Zentrum eine richtige Stadt mit Straßen und Plätzen geschaffen hat, nicht einfach eine leere Fläche mit der Prager Straße darin wie in Dresden.

    What you teach people to do is admirable, but what you teach them to believe is foolish.

    Mongkut

  • Es kommt immer darauf an, wie man sich vorbereitet. Das halte ich für elementar, um Enttäuschungen vorzubeugen. Ich hatte eine große Liste für Nürnberg, lief durch kunstfeindliche Wüsteneien und Depressionen fördernde Architekturensembles und fand dennoch an vielen Ecken das, was ich von einer Altstadt erwarte. Zumindest aus „fotografischer Sicht“ (ja ja, ich weiß, erlebtes Altstadtflair und schöne Bilder sind etwas anderes, aber ich kombiniere eben beides). Der Nürnberger Neuaufbau wird natürlich verklärt, es ist Unsinn, wie es glaube ich das Denkmalamt tat, von geschlossenen Räumen und einer Überfülle an Historischem zu fabulieren. Das ist ein Argument, um den Willen zu künftigen Rekonstruktionen in den Ruch der Wahnideen und der verzerrten Wahrnehmung zu bringen. Nach dem Motto: „Wer rekonstruieren möchte, sieht die Realität der Nürnberger Altstadt nicht und hat womöglich Probleme, die er in diese wunderbare Altstadt projiziert“. Es ist selbstverständlich nicht so, dass Nürnberg eine geschlossene Altstadt vorweist, aber es gibt partiell dennoch schöne und fast geschlossene Orte. Man sollte trotz aller Trauer nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und zu einer „ist alles Müll“-Haltung übergehen. Wer sich vorbereitet, wird am Ende auch belohnt.

  • Genau - sich vorher einlesen und vielleicht die Stadt sogar in Luftaufnahmen/mit Google Earth vorher ansehen ist wichtig. Dadurch fand ich erst den Zugang zu Magdeburg oder Halle (in Halle ist zwar viel erhalten, aber ich erwartete viel mehr).

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    Mongkut

  • Genau - sich vorher einlesen und vielleicht die Stadt sogar in Luftaufnahmen/mit Google Earth vorher ansehen ist wichtig. Dadurch fand ich erst den Zugang zu Magdeburg oder Halle (in Halle ist zwar viel erhalten, aber ich erwartete viel mehr).

    Ich finde, man sieht eine Stadt anders, wenn man wirklich mitten in ihr wohnt. Am Ende erkennt man die Stadt so, wie sie tatsächlich ist – vom billigen Dönerladen bis zu Pimkie in der Breiten Gasse.

  • Genau - sich vorher einlesen und vielleicht die Stadt sogar in Luftaufnahmen/mit Google Earth vorher ansehen ist wichtig. Dadurch fand ich erst den Zugang zu Magdeburg oder Halle (in Halle ist zwar viel erhalten, aber ich erwartete viel mehr).

    Das klappt bei Nürnberg allerdings nicht. Ich kenne keine Stadt, die bei Google von oben so eine geschlossene, historisch aussehende Dachlandschaft aufweist, aber in der Realität viele hässliche Nachkriegsfassaden bereit hält.

  • Meine ersten Eindrücke von Nürnberg waren auch eher negativ, das war so Mitte/Ende der 80er, als noch nicht Neues Museum und gediegene Gastronomie den Auftakt zur Stadt vom Bahnhof aus bildeten, sondern so eine Art dubioses Rotlichtviertel. Dazu noch das Komm-Jugendzentrum und ein ziemlich unangenehmes Publikum unterirdisch beim Gang vom Bahnhof in die Innenstadt (gibt es heute in Ansätzen auch noch, dank Polizei aber viel besser geworden).

    Vieles war auch deutlich schmuddeliger als heute (ist mir ähnlich in Mannheim aufgefallen, was heute tatsächlich wesentlich angenehmer wirkt als damals). Ich habe mir dann einen Architekturführer zu Nürnberg gekauft, mich damit beschäftigt und sehe Nürnberg inzwischen viel positiver. Aber natürlich sind viele Ecken weiterhin zum Abgewöhnen, vor allem Kornmarkt und südwestliche und östliche "Altstadt", da bringen die Putzfassaden und Dächer dann auch nichts mehr.

    Ich kenne keine Stadt, die bei Google von oben so eine geschlossene, historisch aussehende Dachlandschaft aufweist, aber in der Realität viele hässliche Nachkriegsfassaden bereit hält.

    Sicherlich Würzburg, aber generell finde ich den Würzburger Wiederaufbau hochwertiger, auch speziell bei den neu gestalteten 50er-Jahre-Bauten.

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    Mongkut

  • Ich kenne keine Stadt, die bei Google von oben so eine geschlossene, historisch aussehende Dachlandschaft aufweist, aber in der Realität viele hässliche Nachkriegsfassaden bereit hält.

    Ich werde aus dieser Stadt nicht schlau. Ganz genauso ist es. Die Dachlandschaft scheint oft das gelungenste zu sein; aber eine Stadt besteht nicht aus Draufsicht. Kann es sein, daß man sich in seiner West-BRD, die ja annähernd alle alten Kulturstädte hinter den eisernen Vorhang verloren hatte, möglichst schnell und mit geringem Aufwand sein Idealbild, mittelalterlich gefärbt, zusammengeschustert hat? Anders kann man sich diese stadtspezifische Zwischenwelt nicht rationell erklären.

  • Meine ersten Eindrücke von Nürnberg waren auch eher negativ, das war so Mitte/Ende der 80er, als noch nicht Neues Museum und gediegene Gastronomie den Auftakt zur Stadt vom Bahnhof aus bildeten, sondern so eine Art dubioses Rotlichtviertel. Dazu noch das Komm-Jugendzentrum und ein ziemlich unangenehmes Publikum unterirdisch beim Gang vom Bahnhof in die Innenstadt (gibt es heute in Ansätzen auch noch, dank Polizei aber viel besser geworden).

    Vieles war auch deutlich schmuddeliger als heute (ist mir ähnlich in Mannheim aufgefallen, was heute tatsächlich wesentlich angenehmer wirkt als damals). Ich habe mir dann einen Architekturführer zu Nürnberg gekauft, mich damit beschäftigt und sehe Nürnberg inzwischen viel positiver. Aber natürlich sind viele Ecken weiterhin zum Abgewöhnen, vor allem Kornmarkt und südwestliche und östliche "Altstadt", da bringen die Putzfassaden und Dächer dann auch nichts mehr.

    Ich kenne keine Stadt, die bei Google von oben so eine geschlossene, historisch aussehende Dachlandschaft aufweist, aber in der Realität viele hässliche Nachkriegsfassaden bereit hält.

    Sicherlich Würzburg, aber generell finde ich den Würzburger Wiederaufbau hochwertiger, auch speziell bei den neu gestalteten 50er-Jahre-Bauten.

    Danke für diese Gedanken. Nach Nürnberg habe ich in Freiburg, Konstanz und Oldenburg gelebt. Und auch wenn Youngworth hier nicht mehr schreibt: Freiburg stellt Nürnberg als Wohnstadt klar in den Schatten. Auch wenn mich die Kaiser-Joseph-Straße nicht besonders begeistert – so sehr wie Youngworth vielleicht –, kann ich gut damit leben.

    Als ich nach Nürnberg zurückkam, empfand ich die Stadt deutlich weniger schön als viele andere deutsche Städte.

    Übrigens: Was den DDR-Wiederaufbau betrifft, finde ich, dass die Lange Straße in Rostock durchaus ihren eigenen Reiz hat.

  • ^

    Ich glaube das hat eher etwas mit dem Nimbus der "Stadt der Reichsparteitage" zu tun, diesen unrühmlichen Titel, den die Stadt durchaus stolz über 12 Jahre lang trug. Man fühlte sich schuldig, v.a. während der laufenden Nürnberger Prozesse, und deshalb musste ein Wiederaufbau her, der keine Rekonstruktion sein durfte. Einzelne Bauwerke davon waren ausgenommen, die Kirchen selbstverständlich, aber schon bei der Stadtmauer stritt man sich. Da gab es Vorschläge und Entwürfe, die ganze Altstadt als Mahnmal stehen zu lassen, wie die Frauenkirche in Dresden. Oder sie als hypermoderne Utopie neu zu bauen, wie in vielen DDR-Innenstädten geschehen. Es setzten sich aber "Traditionalisten", die Bürgerschaft und nicht zuletzt sicherlich auch Eigentumsüberlegungen durch, die Altstadt wieder auf weitgehend altem Grundriss hochzuziehen. Ich denke der Preis dafür war dann aber dass es rasch und im Zeitgeschmack geschah. Also im Kleid eines schlichten Wiederaufbaustils. Deshalb ist der 1950'er-Stil der Nürnberger Altstadt weitgehend absichtlich schlicht, weil das die Vorgängerbebauung ja auch war. Ich war z.B. erstaunt darüber, dass die 1950'er Jahre in FFM, Würzburg oder München durchweg höherwertiger und geschmackvoller sind, also die öden nürnberger Altstadthäuser. Um das alles zu verstehen muss man sich glaube ich wirklich in die Gefühlslage derer reinversetzen, die damit nach Kriegsende zu tun hatten. Sei es drum, heute kann man es besser, und heute sollte man es auch besser wollen!

  • Weingeist

    Das kannst du in der angehängten PDF ab Seite 24 ganz detailliert nachlesen, im Wettbewerb setzte zum Glück ein relativ traditionalistischer Wiederaufbau durch, strukturelle Anlehnung an das historische Stadtbild, aber kein flächendeckender Nachbau von Gebäuden.

    Es hätte auch so wie in Dresden kommen können - flächendeckend grüne Wiese und dazwischen Zeilenbauten, das galt damals als erstrebenswert und modern (Luft, viel Grün und großzügige Platzverhältnisse usw.).

  • West-BRD, die ja annähernd alle alten Kulturstädte hinter den eisernen Vorhang verloren hatte

    Bei aller Liebe, aber das ist schon starker Tobak. Erklär mal bitte, was Du damit konkret meinst, das würde mich echt interessieren, vor allem wie Du Kulturstadt definierst.

    "Napoleon ist tot - aber Beethoven lebt."

    Bruno Walter

  • Seltsamerweise sieht man von den Propaganda-Aufnahmen erstaunlich wenig von der Nürnberger Altstadt. Eigentlich nur den Hauptmarkt, kurz mal die Lorenzkirche und paar Aufnahmen vom Plärrer.

    Noch seltsamer ist, dass bereits ab 1900 Nürnberg tot war (man kann mich gerne eines Besseren belehren). Ich sammle ja sehr viele Zeitschriften, so um die Jahrhundertwende, Weimarer Zeit etc. da kommt aus Nürnberg absolut nichts. Dagegen hätte sich die Stadt als romantische Boheme-Stadt, mit den herrlichen Innenhöfen, düsteren Gassen angeboten, eine spirituelle Künstlerhochburg gewesen zu sein. Auch in der Kunstvilla, die diese Zeit in Ausstellungen abdeckt, gibt es absolut nichts Relevantes zu sehen. Die neue Sachlichkeit, magischer Realismus, etc hatten auch meist andere Themen, als alte gotische Städte.

    ja, Johan, Du hast es gut erfasst, und vielleicht auch den Grund erklärt, warum so viele Forumsmitglieder Nürnberg so sehr lieben. Man kann von einem Besuch eventuell sogar etwas begeistert sein. Vieles ist fußläufig auch sehr leicht vom Bahnhof zu erreichen Auch weiß ich noch, wie ich als Kind oft mit meiner Großmutter durch die Stadt spaziert bin und ich war sehr glücklich. Damals gab es noch riesige Buchläden und die Wasserspiele in der Lorenzer U-Bahn fand ich so toll.

    Zu der Dachlandschaft. Ja, sie ist ganz nett. Aber doch nicht vergleichbar mit der Dachlandschaft von Alt-Nürnberg. (Dachwinkel viel spitzer, verschachtelter)

    Beauty matters!

  • vor allem wie Du Kulturstadt definierst.

    Das klassische Weimar (neuerdings ausgezeichnet als UNESCO-Welterbe), die Position Leipzigs als Messe-, Druck- und Bachstadt, die gewachsene Stellung Dresdens (die wir hier hoffentlich nicht näher erörtern müssen). Das wäre zunächst der "enggeführte" Kanon. Vor dem Krieg noch Berlin, auch Potsdam.
    Die West-BRD hat sich mit Hauptstadt-Provisorien wie Bonn herumgeschlagen und hatte als internationale Städte noch Hamburg sowie München. Vom alten Frankfurt waren nur noch Rudimente übriggeblieben - inwieweit es Rothenburg odT vermocht hat, die gefühlten Lücken zu füllen, ist auch eine Frage; aber ein Blick auf die Landkarte der alten West-BRD mit der Hausaufgabe, dort die kulturell-geistigen Leuchttürme zu definieren - um das Thema Hausaufgabe noch mal anzusprechen, ähm...

  • Hier gibt es im Grunde zwei unterschiedliche Vorstellungen von Wiederaufbau: einen strukturellen Wiederaufbau und einen Wiederaufbau des historischen Stadtbildes. In diesem Punkt gebe ich Buarque recht: Nürnbergs Innenstadt besitzt eine gewisse Struktur. Betrachtet man sie jedoch als historisches und traditionelles Stadtbild, verfehlt der Nürnberger Wiederaufbau dieses Ziel deutlich.

    buarque Das ist letztlich auch das zentrale Narrativ des Wiederaufbaus: Man hat die Strukturen bewahrt, aber weder die Gebäude noch das historische Stadtbild wirklich wiederhergestellt. Selbst diese Strukturen sind jedoch nicht 1:1 erhalten geblieben – die Innenhöfe, die Maßstäblichkeit und vor allem das Flair sind verloren gegangen.

    Persönlich halte ich diesen Ansatz für problematisch. Er verfehlt die Bedeutung von Handwerk, historischer Bausubstanz und materieller Authentizität und misst der eigentlichen Gebäudesubstanz viel zu wenig Gewicht bei.

    Der nördliche Umbau der Greifswalder Altstadt ist dafür ein gutes Beispiel: Die Struktur bleibt formal erhalten, doch die Gebäude werden ersetzt. Ohne Substanz und ohne Atmosphäre bleibt von der Struktur nur ein halbes Bild.

  • Weingeist Danke für die Aufzählung, aber ich finde, Du siehst das schon mit sehr verklärten Augen bzw. vermischst auch einige Aspekte. Reden wir über das architektonische Erbe, d.h. das was davon nach dem Krieg übriggeblieben ist? Oder über andere Kulturfunktionen wie Musik, Theater, Literatur, Universitäten, Kunstakademien etc.? Dass im Westen viele wichtige Städte schwer zerstört wurden, heißt ja nicht, dass sie nach dem Krieg ihre Kulturfunktionen nicht wieder aufnehmen konnten - und das wurde ja doch größtenteils getan. Und auch wenn es um die übriggebliebene Architektur geht, so stand der Osten zwar sicher insgesamt besser da, aber erstens wurden auch im Osten einige Städte schwer zerstört (z.B. Berlin und Dresden) und zweitens hatten sich auch im Westen einige vielleicht kleinere, aber architektonisch trotzdem bedeutende Städte erhalten wie z.B. Heidelberg, Tübingen, Bamberg, Regensburg, Landshut, Passau, um nur mal ein paar aus Süddeutschland zu nennen. Hamburg hatte sich im Zentrum recht gut erhalten, Lübeck war auch kein Totalschaden, München wurde zum Teil ziemlich gut wiederhergestellt (zum Teil aber auch nicht). Ich glaube nicht, dass das so wenig ist. Die kulturelle Bedeutung Berlins nach dem Krieg war meines Erachtens auch zu einem großen Teil dem westlichen Teil geschuldet (z.B. Berliner Philharmoniker). Und an die kulturelle Bedeutung Münchens mit all seinen Museen, Schlössern, Kirchen, Theatern, Universitäten, Orchestern, Kunstakademie etc. kam nach dem Krieg auch kaum eine Stadt in D. heran, egal ob Ost oder West. Leipzig war vor dem Krieg sicher die bedeutendste Messe- und Verlagsstadt und hatte das Gewandhausorchester und vielleicht noch ein paar andere Sachen, aber darüber hinaus? Mit Verlaub, aber das ist niemals eine komplette Kulturstadt mit allem Drum an Dran wie Berlin, Dresden, München oder Wien gewesen.

    Über dieses sicher sehr interessante Thema könnte man lange diskutieren, aber wie ich schon gesagt habe, finde ich, dass Du den Osten sehr verklärst, diese Deine These ist so nicht zu halten.

    "Napoleon ist tot - aber Beethoven lebt."

    Bruno Walter

  • Leipzig war vor dem Krieg sicher die bedeutendste Messe- und Verlagsstadt und hatte das Gewandhausorchester und vielleicht noch ein paar andere Sachen, aber darüber hinaus?

    Wie wäre es mit der nach Wien bedeutendsten Musikstadt der Welt?! Buchhauptstadt?! Europäische Spitzenuniversität mit ihren höchst umfangreichen Sammlungsbeständen (einige mit europ. bzw. Weltgeltung)?! Bürgersammlungen der Museen, die zu den besten im deutschsprachigen Raum zählten?! Drittälteste Oper Europas?! Bedeutende Theater und Varietés?! Hochkarätigste Bibliotheken usw...?!

  • Wie wäre es mit der nach Wien bedeutendsten Musikstadt der Welt?!

    Da wäre Paris nicht ganz einverstanden, denke ich ;) aber natürlich erkenne ich Leipzig als Musikstadt voll an, ich bin schließlich klassischer Pianist und beschäftige mich seit jeher viel vor allem mit Bach, aber auch Mendelssohn und Wagner. Und natürlich hat Leipzig auch viele andere Verdienste, aber ich glaube jetzt nicht, dass Leipzig im 19. und 20. Jh insgesamt soviel über den westdeutschen Städten stand, dass man es im Sinne von Weingeists abenteuerlicher Argumentation verwenden kann. Es gibt auch in westdeutschen Großstädten bedeutende und teilweise alte Universitäten, in Göttingen, Tübingen, Heidelberg, Hamburg, Aachen, München etc. und ich glaube auch nicht, dass die Theater in Leipzig so viel über ihren westdeutschen Pendants stehen wie z.B. in Hamburg, Stuttgart, Frankfurt oder München. Ich möchte Leipzig nicht im Geringsten seine Meriten absprechen, aber wenn Weingeist u.a. Leipzig als Beispiel für eine so herausragende Stadt bezeichnet, für die es in Westdeutschland kaum ein Pendant gibt, dann muss ich schon widersprechen, denn das stimmt einfach nicht.

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