Nürnberg - der Wiederaufbau

  • Ich möchte Leipzig nicht im Geringsten seine Meriten absprechen, aber wenn Weingeist u.a. Leipzig als Beispiel für eine so herausragende Stadt bezeichnet, für die es in Westdeutschland kaum ein Pendant gibt, dann muss ich schon widersprechen, denn das stimmt einfach nicht.

    Du kannst widersprechen soviel Du willst, das ist Dein gutes Recht und ich mache Dir keinen Vorwurf - selbst die meisten Leipziger wissen nicht wirklich um die Bedeutung ihrer Stadt vor dem Krieg. Es zeigt nur welchen immensen Bedeutungsverlust Leipzig in Folge von Krieg und Teilung hinnehmen musste. Die von mir vorgebrachten Beispiele (alle im Kulturbereich sonst würden wir über noch mehr sprechen) sind allesamt nachprüfbar! Leipzig hatte seine kulturellen Hochphasen besonders in der zweiten Hälfte des 18 Jhdts. und eben gegen Ende des 19 Jhdts. bis in die 1930er. Um in die Tiefe zu gehen und ggf. die Argumentation aufzulösen müsste man hier nun Leipzig mit sämtlichen westdt. Städten vergleichen und zwar in jeder einzelnen Kultursparte. Dies erscheint mir gegenüber diesem thread, in dem es schließlich um Nürnberg geht, nicht zielführend (evtl. sollte man die Diskussion daher verschieben).

  • Wir driften zumindest in diesem Strang, der den Titel Nürnberg trägt, wieder einmal in die tieferen Tiefen der Terra incognita vor, was problematisch ist. Mein Beitrag bezog sich zeitlich auf die Zeit zwischen 1949 bis 1989. Daß Weimar, Leipzig und Dresden in einem Teil der zwei Deutschlands lagen, München in einem anderen, ergibt sich Kraft Natur der Sache. Es ist hier im Nürnberg-Strang nicht zu vertreten, diese mehr und mehr abdriftende Thematik hier weiterzuführen; aber hinsichtlich

    im Sinne von Weingeists abenteuerlicher Argumentation

    ist die Fragestellung, welche ihrer Städte die DDR-Führung selbst als repräsentativ und präsentabel angesehen hat, durchaus unabenteuerlich zu beantworten. Die Antwort, welche Städte außer München und wohl Hamburg in der alten West-BRD eine intellektuell-repräsentative Rolle zu spielen vermochten - Antworten hierauf gewiß ja; aber das muß nicht im Nürnberg-Strang zu suchen sein.

  • Danke Nothor und Grimminger fur eure Antworten - Ich finde eure Antworten stimmig. Nürnberg hat eine Art Zwiespalt zu seiner Vergangenheit, und der Wiederaufbau ist entweder als konservativer Neuanfang oder als freizügige Interpretation einer neuen Ordnung zu verstehen. Kritisiert man den Wiederaufbau, kritisiert man damit indirekt auch diese neue Ordnung.

    Gleichzeitig habe ich beim Lesen vieler Bücher – etwa „Dreimal Nürnberg“ – immer wieder den Eindruck gewonnen, dass verkannt wird, was für eine großartige und einzigartige Stadt Nürnberg einmal war. Im Gegensatz zu Buarque empfand ich mit jedem weiteren Buch und Gang durch Nürnberg einen zunehmenden, fast kriechenden Phantomschmerz. Jede Straße fühlte sich beraubt an – beraubt dessen, was sie einmal gewesen ist: ein Unikat.

    Hätte ich eine Zeitmaschine, würde ich ohne Zögern zurückreisen, nur um dieses Stadtbild einmal selbst zu erleben. KI macht es heute immerhin möglich, sich Teile davon virtuell vor Augen zu führen. Vielleicht ist der Verlust für mich deshalb besonders groß, weil Nürnberg von so vielen außergewöhnlich schönen Stadtbildern umgeben ist: Bamberg, Rothenburg, Dinkelsbühl, Landshut, Regensburg – und sogar Augsburg. Eine Stadt, die trotz Zerstörung und trotz eines teilweise fragwürdigen Wiederaufbaus bis heute einfach großartig wirkt.

    Für mich wäre Nürnberg in erhaltener Form ein Kronjuwel gewesen – selbst unter den Bedingungen und Prägungen der Bundesrepublik.

  • Diesen "Phantomschmerz" habe ich bei Magdeburg, Berlins Zentrum oder Dresden weitaus mehr als in Nürnberg. Dort hat man den Städten ja weiträumig alles geraubt, was dort zuvor existierte. Selbst die historischen Stadträume, Straßenverläufe und Grundstücke, verschwunden.

    PS: Bringt diese Diskussion uns irgendwie weiter? Ich schreibe ab jetzt nichts mehr dazu.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Es ist ja keine Diskussion, die einen Konsens anstrebt oder ein klares Ziel verfolgt. Ich glaube, es geht vielmehr darum, uns allen die Möglichkeit einer persönlichen Einordnung zu geben und uns selbst darüber klar zu werden, wie wir zur Stadt stehen. Mir hilft das sehr, da ich doch einige neue Gedankengänge und Anreize dadurch gewinne und sich mein Bild und damit auch mein Besuchsverhalten ändert.

  • Diesen "Phantomschmerz" habe ich bei Magdeburg, Berlins Zentrum oder Dresden weitaus mehr als in Nürnberg. Dort hat man den Städten ja weiträumig alles geraubt, was dort zuvor existierte. Selbst die historischen Stadträume, Straßenverläufe und Grundstücke, verschwunden.

    PS: Bringt diese Diskussion uns irgendwie weiter? Ich schreibe ab jetzt nichts mehr dazu.

    Dass du über den Hauptmarkt keinen Phantomschmerz empfindest, ist entscheidend: Der Verlust der historischen Stadt wird nicht als solcher wahrgenommen, und es entsteht kein Bedürfnis nach einem „zweiten Wiederaufbau“ wie in Dresden.

    Der Wiederaufbau Nürnbergs verkörpert das neue politische Regime und zeigt, wie Architektur als Instrument hegemonialer Macht fungieren kann. Im Fall Nürnbergs wurde die neue Stadt so gestaltet, dass sie als „besser“ und überlegen gegenüber der alten Stadt wahrgenommen wird. Dadurch entsteht kaum Phantomschmerz – weder bei Politikern noch bei der Bevölkerung –, da der Verlust der historischen Bausubstanz ideologisch überlagert wird. Solange diese Narrative bestehen, wird der historische Verlust nicht als Mangel erlebt. Dennoch bleibt der Hauptmarkt ein symbolischer Ort der Spannung – ein Ort, an dem die Entscheidungen des Wiederaufbaus und die ideologische Formung der Stadt unmittelbar erfahrbar werden.

    Man kann diesen Prozess auch mit Voltaires Gedanken in Candide verbinden: Du lebst in einer Art „bestmöglicher Welt“ – einer konstruierten Realität, in der das Neue als Fortschritt und Überlegenheit wahrgenommen wird, selbst wenn es das Alte ersetzt. So wird die Idealisierung der neuen Stadt zu einer praktischen Umsetzung des philosophischen Optimismus: Das Leiden über den Verlust wird verdrängt, weil die Wahrnehmung dominiert, dass alles „zum Besten“ gestaltet wurde.

  • Meine Gedanken zum Wiederaufbau habe ich schon öfter geteilt und möchte mich daher nicht wiederholen.

    Ansonsten betrachte ich gerne Bilder, welche die (Aufbruch-) Stimmung und den Optimismus der Zeit gut rüberbringen.

    Anhand der Darstellungen des Nürnberger Stadtlebens des Malers Hermann Thomas Schmidt (1902-1989) lässt sich der Weg der Stadt von den Kriegszerstörungen bis zur Wirtschaftswunderzeit verfolgen.

    Ludwigsplatz, um 1960

    Schmidt, Hermann Thomas: Ludwigsplatz, um 1960. Foto: Theo Noll. Quelle

    Kaiserstraße/Obere Wörthstraße, um 1953

    Schmidt, Hermann Thomas: Titel unbekannt. Foto: unbekannt. Quelle

    Baustelle an der Lorenzkirche, um 1955

    Schmidt, Hermann Thomas: Baustelle in der Stadt. Foto: Theo Noll. Quelle

    Julianstraße, Kirche St. Michael, um 1960

    Schmidt, Hermann Thomas: Julienstrasse, Kirche St. Michael. Foto: Theo Noll. Quelle

    Nächtlicher Stadtpark

    Schmidt, Hermann Thomas: Nächtlicher Stadtpark. Foto: Theo Noll. Quelle

    Johannisfriedhof, um 1960

    Schmidt, Hermann Thomas: Johannisfriedhof (1960). Foto: Theo Noll. Quelle

    Stefan Straße, um 1974

    Schmidt, Hermann Thomas: Titel unbekannt. Foto: Theo Noll. Quelle

    Straße in der Dämmerung (Bayreuther Straße), um 1965

    Schmidt, Hermann Thomas: Straße in der Dämmerung (um 1965). Quelle


    Darstellungen des Nürnberger Wiederaufbaus von Friedrich Neubauer (1912-2004)

    St. Sebalduskirche nach der Zerstörung 1945. Federzeichnung, undatiert

    Neubauer, [Vorname unbekannt]: Sebalduskirche in Nürnberg. Quelle

    Neubau der Stadtsparkasse Nürnberg, Bleistiftzeichnung, aquarelliert, um 1971

    Neubauer, Friedrich: Neubau der Stadtsparkasse Nürnberg. Quelle

    Wiederaufbau eines Wohnhauses in der Nürnberger Altstadt, Bleistiftzeichnung, 1969

    Neubauer, Friedrich: Wiederaufbau eines Wohnhauses in der Nürnberger Altstadt. Quelle

    Wiederaufbau des Heilig-Geist-Spitals mit Schuldturm links. Kaltnadelradierung koloriert, 1964

    Neubauer, Friedrich: Heilig‑Geist‑Spital, Nürnberg. Quelle

    Altes und Neues Rathaus in Nürnberg, Collage, undatiert

    Neubauer, Friedrich: Rathaus (Nürnberg). Quelle

    Blick vom Hauptmarkt mit Schönem Brunnen die Burgstraße hinauf, Blaupause 1971

    Neubauer, Friedrich: Hauptmarkt zur Burg, Nürnberg. Quelle

    Blick vom Burgberg über die Nürnberger Altstadt, Farbkreide, vor 1945

    Neubauer, Friedrich: Altstadt vom Burgberg (Nürnberg). Quelle

    "Seine Welt zeige der Künstler - die niemals war noch jemals sein wird“

    - Hermann Bahr (Inschrift des Ateliergebäudes der Darmstädter Künstlerkolonie)

  • Ich möchte noch eines ergänzen: In Nürnberg blieb bis heute dank des kleinteiligen Wiederaufbaus eine funktionierende Nutzungsmischung von Wohnen und Gewerbe erhalten. Das muss man positiv sehen. Im Stadtzentrum von Stuttgart fehlt dies beispielsweise heute weitgehend, weil man dieses nach 1945 vorrangig im Sinne des Gewerbes (viele Großbauten und Büroflächen) ausgerichtet hat. Stuttgart-Mitte ist der innere Stadtbezirk mit den wenigsten Einwohnern. Quelle: https://de.statista.com/statistik/date…garter-bezirke/

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • dank des kleinteiligen Wiederaufbaus

    was für eine Beschönigung...

    Ich verstehe nicht, was der Karpatenbär zu brummen hat. Nürnberg ist im Vergleich zu vielen Großstädten gut wiederaufgebaut worden. Ich sag nur die Dachlandschaft. Es gibt meiner Erinnerung nach auch keine Schneisen durch die Altstadt nur einige Straßenverbreiterungen. Man könnte hier mit 6 bis 8 Rekos und der Reko des Hauptmarktes sehr sehr viel erreichen.

  • Wie viele andere Großstädte auch lag Nürnberg am Ende des Zweiten Weltkrieges in Trümmern. Aufnahmen wie diese gibt es oftmals aber nur in Schwarzweiß.

    Dafür, dass das ein Blick über die später sogenannte "Steppe" ist, scheint hier doch noch Etliches erhalten... Ist das alles nachher abgerissen worden (bis auf die ein, zwei Häuser im Vordergrund, heute auch banalisiert?

  • Nur noch eines der Häuser auf dem Foto steht heute. Bis auf die Egidienkirche und ganz hinten das Herrenschießhaus wurde alles abgerissen, auch die fast vollständig erhaltenen vier hier zu sehenden Gebäude.

  • Naja, das wird sich nicht für jedes einzelne Haus ermitteln lassen. Die Gebäude im Vordergrund sehen schon schwer mitgenommen aus. Da stellt sich natürlich die Frage nach der Standsicherheit.

    Insgesamt wurden in Nbg nach dem Krieg nochmal weit über 100 Gebäude abgerissen. In irgendeinem Altstadtbericht gab es dazu mal einen Artikel, ich weiß nicht mehr, in welchem. Ich suche nachher mal.

  • Ich kann mir gut vorstellen warum man alles abgerissen hat. Nürnberg war die Schatzkiste des Deutschen Reiches und wurde von den Nazis für die Reichsparteitage missbraucht. Nach dem Krieg war Deutschland besetzt. Man hat dann die Gunst der Stunde genutzt und einfach noch die Reste platt gemacht, nachdem die entscheidenden Stellen der Stadt entsprechen besetzt waren. Hier und da hat man mal was rekonstruiert oder stehen lassen, vorallem Kirchen...