Dresden, Neumarkt - Palais de Saxe und Vollendung von Quartier IV

  • Es ist, wie gesagt, ein rein hypothetischer Vorschlag. So anstößig ist das Gebäude nun auch wieder nicht. Es wäre allemal besser als ein fader Neubau. Wenn jedoch keine Rekonstruktionsgrundlage vorhanden ist, dann meinetwegen.

  • Die Aufhübschungsorgien des 19. Jhd. haben an dieser Fassade solch unbeschreibliche Ausmaße angenommen, daß man sich´s noch nicht einmal am Affenhaus des Dresdner Zoos vorstellen will. Der GHND im allgemeinen und mit einem öffentlichen Wiederaufbaugedanken im besonderen zu kommen, wird so manchen nun endgültig zum Schlaganfall verhelfen.

  • Gedankenspiele über das, was auf der Parzelle Moritzstraße 5 et alteri sein könnte und sollte, stellen sich nicht und ergeben aktuell nicht den geringsten Sinn. Dem Neumarkt ist langfristig mit einem Stadt Rom mehr geholfen. Die bereits lange vor 1945 abgerissenen Haase-Bauten an der Schloßstraße wären nun wirklich weitaus rekowürdiger als diese Fassade, die nun wirklich unter "ferner liefen" gebucht werden kann.

  • Ist in Ordnung. Schon verstanden. Man kann ja auch nur träumen. Ich zieh mich dann zurück und stelle keine weiteren unrealistischen Wunschvorstellungen mehr vor.

  • Die bereits lange vor 1945 abgerissenen Haase-Bauten an der Schloßstraße wären nun wirklich weitaus rekowürdiger als diese Fassade, die nun wirklich unter "ferner liefen" gebucht werden kann.

    Sie haben diese Haase-Bauten angesprochen. Um welche Gebäude handelt es sich?

  • Ich klinke mich hier mal ganz unbedarft und wertfrei ein, weil mir diese „Geht-nicht-Gedankengänge“ ehrlich gesagt ein bisschen zu kurz greifen. Warum muss man eigentlich jede kreative Vision sofort im Keim ersticken?

    Wenn man in der Geschichte der Rekonstruktionen eines gelernt hat, dann doch wohl: Nichts ist unmöglich.Wer hätte denn in den 1980er oder 90er Jahren ernsthaft geglaubt, dass der Neumarkt heute genau so aussieht, wie er aussieht? Damals gab es genau dieselben Bedenken und dogmatischen Abgesänge. Ein Blick zu unseren Nachbarn nach Polen (Warschau, Danzig, Breslau) zeigt doch eindrucksvoll, was machbar ist, wenn man den politischen und gesellschaftlichen Willen hat. Dort wurden ganze Viertel rekonstruiert – oft mit weitaus weniger Dokumentation, als wir sie heute im Digitalzeitalter zur Verfügung haben.

    Dass an der Fassade der Moritzstraße 5 im 19. Jahrhundert „herumgedoktort“ wurde, ist für mich auch kein K.-o.-Kriterium, sondern völlig normale Stadtgeschichte. Wie erbse schon richtig angemerkt hat, ist es bei fast jeder Rekonstruktion am Neumarkt gängige Praxis, sich auf eine bestimmte Zeitschicht zu einigen. Es wäre es städtebaulich eine fantastische visuelle „Eintrittskarte“ und ein harmonischer Brückenschlag von der Wilsdruffer Straße hinein zum Neumarkt, falls das Szegedhaus irgendwann Geschichte sein sollte.

    Ein Forum lebt doch gerade davon, dass man auch mal scheinbar unrealistische Wünsche äußern, laut nachdenken und gemeinsam spinnen darf! Wenn jede Idee erst ein fertiges Baurecht und drei Investoren im Rücken haben muss, bevor man sie hier überhaupt reinschreiben darf, können wir den Laden ja fast dichtmachen

  • Sie sprechen mir aus der Seele Amroth :).
    Die Hoffnung auf weitere Rekonstruktionen möchte ich nicht aufgeben. Solche Vorhaben brauchen Zeit, Durchsetzungsvermögen und den nötigen politischen sowie gesellschaftlichen Willen. Doch wenn sie gelingen, steht am Ende ein herausragendes Ergebnis, das den Aufwand mehr als rechtfertigt.

  • Es soll nichts abgewürgt werden; aber überbaute Parzellen sind ein Problem mit ähnlichen Folgewirkungen wie für das Palais de Saxe. Was an Fotografien noch weiter vorliegt, wäre eine Hausaufgabe für die Zukunft. Das Postkartenbild läßt zumindest für das einzig relevante Teil (den Erker) eine dicklich-teigige und etwas grobschlächtig derbe Ausführung vermuten. Das Haus in seinem umgebauten, rustikalen Zustand und der etwas unbeholfene Erker waren nicht die größten Meisterwerke, die das Revier einst besessen hat.

  • Danke für die Einordnung! Ich glaube, wir müssen uns auch gar nicht an der Frage aufreiben, ob dieser spezifische Erker nun ein architektonisches Meisterwerk oder „grobschlächtig“ war – das liegt ja immer im Auge des Betrachters und macht die Diskussion über Zeitschichten ja gerade so spannend.

    Aber spinnen wir den visionären Gedanken doch mal größer: Wenn wir über die Zukunft des Quartiers IV oder die Wilsdruffer Straße nachdenken - oder auch über die Grenzen des Neumarkts hinaus, muss es ja nicht immer die radikale Eins-zu-eins-Rekonstruktion auf Teufel komm raus sein.

    Warum denken wir bei zukünftigen Veränderungen nicht viel öfter an angepasste Neubauten im Dresdner Stil?

    Mich stört in der aktuellen Architekturdebatte oft dieses Schwarz-Weiß-Denken: Entweder man baut eine exakte historische Kopie oder man bekommt das typische, austauschbare Investoren-Raster-Einerlei aus Glas und grauem Beton, das überall auf der Welt stehen könnte. Warum nutzt man nicht den Spielraum dazwischen? Man könnte dort völlig neue Gebäude errichten, die aber die traditionelle Dresdner Identität aufgreifen – mit klassischen Dachformen, harmonischen Proportionen, Putzfassaden und Sandsteinelementen.

    Das wäre doch ein fantastischer, kreativer Weg: Ein modernes Gebäude, das sich aber respektvoll und elegant in das historische Stadtbild einfügt, anstatt wie ein Fremdkörper zu wirken. Warum wird so ein anpassungsfähiges, traditionelles Weiterbauen eigentlich so selten in Betracht gezogen?

  • Das wäre dann mal tatsächliche Stadtentwicklung! Das Dresden von vor 1945 hatte immerhin ja auch an einigen Stellen (auch wenn es aus heutiger Sicht fast obszön klingt) Entwicklungspotential.
    Wobei man von mir aus auch das Vorkriegsdresden 1:1 wiedererrichten könnte.:biggrin:

  • Moritzstraße 5

    mori0051.jpg

    Das Postkartenbild läßt zumindest für das einzig relevante Teil (den Erker) eine dicklich-teigige und etwas grobschlächtig derbe Ausführung vermuten.
    [...]
    der etwas unbeholfene Erker

    Wer einfach aufgrund eines Postkartenbilds einen einen Erker als grobschlächtig und unbeholfen herabwürdigt, scheint keine Ahnung von Bauforschung zu haben. Das Postkartenbild ist ein unscharfer Druck und zudem stark retuschiert. Jedenfalls erkenne ich hier einen Erker, der in die Reihe der rekonstruierten Erker rund um den Neumarkt gehört. Das Besondere an der Fassade war auch die asymmetrische Anordnung des Erkers, was man in Dresden normalerweise nicht antrifft - egal ob stilreiner Barock oder historistische Überformung.

  • Leider falsch, ich sag´s nicht gerne.
    - 1704, urspr. nur dreiachsig
    - 1760 das Haus bis auf Fassadenreste zerstört
    - Wiederaufbau unter Einbeziehung zweier bisheriger Gebäudeparzellen, darunter diejenige links, danach Tiefenausdehnung in die Friesengasse hinein.
    - durch bzw. nach Wiederaufbau Schaffung der asymetrischen Fassadensituation
    - die Überformung wird selbst demjenigen klar, der keine Ahnung von Bauforschung hat.

  • nicht die größten Meisterwerke, die das Revier einst besessen hat

    Genau das ist der Punkt, warum auch sowas wiederkommen muss: nicht alles war ein Meisterwerk, es gibt und gab auch viel "Füllmasse". Aber gerade das macht doch auch den Charme eines wirklichen historischen Zentrums aus, diese unterschiedlichen Qualitäten von Gebäuden und auch diverse Kuriositäten. In der Warschauer Altstadt hat man das mE hervorragend gemacht, da war nicht die künstlerische Qualität der einzelnen Bauten ausschlaggebend, sondern die Ensemblewirkung. Auf's Ensemble kommt's am Ende an. Und das schreibe ich aus Italien, wo sehr viele Altstädte zu 90% aus simplen oder kuriosen Füllhäusern und 10% Grandiosem bestehen. Und jede/r liebts.

  • Da kann ich erbse nur in jedem einzelnen Satz vollkommen zustimmen! Danke für diesen Beitrag, der den Kern der Sache perfekt trifft.

    Genau diese vermeintliche „Füllmasse“ und die historischen Kuriositäten machen doch überhaupt erst den Reiz und die Gemütlichkeit einer echten Altstadt aus. Wenn wir nur noch Gebäude rekonstruieren dürften, die nach heutigen Maßstäben als absolute, makellose „Meisterwerke“ durchgehen, dann wird das Ganze doch total steril. Eine Stadt darf und muss Ecken, Kanten und eine eigene Entwicklungsgeschichte haben – genau das strahlt doch Charakter aus. Das Auge sucht und liebt diese Abwechslung im Ensemble.

    Ich verstehe auch ehrlich gesagt diesen extrem engen Fokus nicht, dass alles, was nicht der reine, unberührte Barock ist oder vor 20 Jahren mal ad acta gelegt wurde, sofort indiskutabel sein soll. Warum müssen wir eigentlich immer so unfassbar engstirnig und in starren Verboten denken?

    Selbst wenn man nicht eins zu eins rekonstruiert: Warum nutzen wir solche Gedankenspiele nicht viel eher als kreativen Anstoß, um über angepasste Neubauten im Dresdner Stil nachzudenken? Ein Gebäude, das die klassischen Proportionen, Dachformen und Materialien der Region aufgreift, anstatt den nächsten austauschbaren Beton-Raster-Kasten hinzusetzen, der überall auf der Welt stehen könnte. Architektur darf sich doch weiterentwickeln, ohne gleich ihre regionale Identität zu verlieren. Ein bisschen mehr Mut zum Träumen und weniger planerische Verbissenheit würde uns allen hier im Austausch gutun!

  • Ja, erbse , auch ich liebe Italien; aber wir sind in Dresden; und weder in Bella Italia, noch in Warschau. Zur Erinnerung noch mal folgende Kleinigkeiten:
    - das Faktum der gegenwärtigen Parzellenbebauung ist auch für einen Außenstehenden leicht nachvollziehbar
    - die gegenwärtige Eigentümersituation auch
    - außer diesem Haus Moritzstraße 5 sprechen wir in räumlicher Nähe auch von einem weiteren Gebäude namens Palais de Saxe, dessen Parzelle ähnliche Überbauungsprobleme hat
    - "wie weit" die Reise gehen würde (die Ausdehnung des wiederaufgebauten Neumarkts), war schon vor 20 Jahren klar. Auch, wo die Grenzen liegen würden.
    - die Beschäftigung mit Dresden insgesamt führt uns neben den heute bereits angesprochenen Gebäuden Schloßstraße 5, 5B über die Brüdergasse und den Altmarkt hinüber zur Großen Meißner und dem Neustädter Markt hin zur Hauptstraße etc. etc. Was dort stand und heute fehlt, hat / hätte für Dresden eine größere Tiefe als nun eine im Grund nicht nachvollziehbarer Hype um ein Häusel namens Moritzstraße 5.

    Italien, wo sehr viele Altstädte zu 90% aus simplen oder kuriosen Füllhäusern und 10% Grandiosem bestehen. Und jede/r liebts

    Gewiß gibt es in Europa unzerstörte Städte; was uns italienische Prozentzahlen und diese Querverweise in Dresden weiterhelfen sollen, ist nicht so ganz klar.

  • Parzellen, Eigentümerstrukturen und Bebauungspläne sind doch kein in Stein gemeißeltes Naturgesetz. Alles auf dieser Welt lässt sich ändern – Grundstücke werden verkauft, Verträge laufen aus und städtebauliche Rahmenbedingungen werden für die Zukunft neu verhandelt. Wenn man nach der Logik ginge, dürfte sich auf dieser Welt keine einzige Stadt jemals weiterentwickeln, weil ja im Hier und Jetzt „schon alles besetzt ist“. Wenn wir hier nur noch das diskutieren dürfen, was aktuell bequem im Grundbuch steht, können wir das Forum auch gleich dichtmachen. Ein bisschen weniger planerische Verbissenheit und mehr Mut zur Vision würde Elbflorenz echt gut tun. Yeees!!!

  • Leider falsch, ich sag´s nicht gerne.

    Und was war jetzt an meinem Beitrag falsch? Ich schrieb einzig und allein über den Erker und die Asymmetrie, und ob der Erker jetzt von 1704 oder 1760 war, ist egal - jedenfalls gehörte er punkto Qualität und Stil zu den andern rekonstruierten Erkern.

    - Wiederaufbau unter Einbeziehung zweier bisheriger Gebäudeparzellen links

    Du glaubst aber selber nicht, dass anstelle dieser eher schmalen Fassade einst drei Häuser standen... Hast Du auch Quellenangaben zu diesen detaillierten Angaben, damit man dies nachvollziehen kann?