Dresden, Neumarkt - Allgemeines

  • Ich drücke aktuell noch einmal die Schulbank (Masterstudium Philosophie) und habe gerade ein 20-minütiges Video über den Wiederaufbau des Dresdner Neumarkts veröffentlicht – als Prüfungsleistung für ein Seminar zum Thema »Vergangenheitsbewältigung«.

    Einer der Schwerpunkte der Veranstaltung war die Frage, ob man zerstörte Baudenkmale wieder aufbauen sollte. Ich habe mir das zum Anlass genommen, Peter Kulkas »Disneyland«-Kritik noch einmal aus der Schublade zu holen und einer näheren Betrachtung zu unterziehen. ...

    Über Feedback würde ich mich freuen. Vielleicht dient das Video ja auch als »Schützenhilfe« in der einen oder anderen Diskussion?

    Das Disneyland-Argument ist voraussetzungsstark, nämlich in der Annahme, dass "Disneyland" eine Abwertung ist.

    Das Grundproblem der Originalität wurde bereits in der Antike mit dem zwei Boote Beispiel ausgiebig philosophisch diskutiert.

    Denn auch in der Antike mussten Tempel erneuert werden.

    Zu beachten ist hier immer auch der öffentliche Raum und das Gesamtgefüge. Also, was genau ist zu erreichen.

    Auf die Spitze getrieben kann man es am Beispiel des Gebißschadens verdeutlichen. Das Disneyland im Mund statt dass die Brüche und Gewalterfahrungen sichtbar gemacht werden....

  • Ich drücke aktuell noch einmal die Schulbank (Masterstudium Philosophie) und habe gerade ein 20-minütiges Video über den Wiederaufbau des Dresdner Neumarkts veröffentlicht – als Prüfungsleistung für ein Seminar zum Thema »Vergangenheitsbewältigung«.

    Mein Verweis auf das 2 Boote Problem war nicht klar genug, es geht um das https://de.wikipedia.org/wiki/Schiff_des_Theseus

    Und wenn wir uns da mal die ganzen "Originale" anschauen, dann ist auch hier immer wieder etwas Kaputtes ersetzt und ergänzt worden. Fast alle historischen Gebäude sind reparierte Originale und manchmal lohnt der Blick auf Bilder der beschädigten Gebäude aus den späteren 40er Jahren.. Dennoch sehen wir zum Beispiel das Brandenburger Tor oder den Kölner Dom nicht als Rekonstruktion im engeren Sinne, sondern mehr als so etwas wie ein vom Dentisten wieder auf Vordermann gebrachten Zahn. Auch der Vorkriegs-Dom zu Köln wurde ja bekanntlich erst von den Preußen nach 1842 fertiggestellt und war über Jahrhunderte eine Halbruine, dennoch sehen wir das als mittelalterliche Architektur. https://www.koelner-dombauhuette.de/wissenswertes/geschichte
    Warum dann gerade die Heidelberger Ruine als Ruine erhalten bleiben sollte, war wohl der etwas überbordenden historistischen Fantasie im Wilhelminismus zu verdanken. Hätte man das Heidelberger Schloss aufgebaut, man würde es heute in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht als Rekonstruktion betrachten. (Prägend hier für die denkmalpflegerische Rekonstruktionskritik Dehio 1906 https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dehio1901 - freilich vor den großen Zerstörungen von europäischer Bausubtanz in den Weltkriegen)

    Bezeichnend für den Neumarkt war die starke Idee in vielen Köpfen wie der Neumarkt aussehen soll bei gleichzeitigem Vorliegen einer Brache . Man sieht hier an einigen Gebäuden, die selbst in der Vorkriegssituation unbefriedigend waren, gleichwohl beim Wiederaufbau zitiert wurden wie Sporergasse 9, wie stark das Leitbild war sich am Stand zum Zeitpunkt der Zerstörung zu orientieren. Die Liebe zum Detail und die emotionale Aufmerksamkeit für jede Kleinigkeit zeigt wie die Idee langsam Gestalt annahm, nachdem zuerst einfacher rekonstruiert worden war. Hier war eine Vorstellung in den Köpfen. Diese Vorstellung ist jetzt so stark, dass jede Neugestaltung eine noch stärkere Annäherung bedeuten würde, also wenn man jemals die Töpfergasse wieder anfasst, würde man gewiss die Fassaden der Eckhäuser Töpfergasse 1 und 3 und An der Frauenkirche 5 rekonstruieren.

  • Auch der Vorkriegs-Dom zu Köln wurde ja bekanntlich erst von den Preußen nach 1842 fertiggestellt und war über Jahrhunderte eine Halbruine, dennoch sehen wir das als mittelalterliche Architektur.

    Dem würde ich teilweise widersprechen. Natürlich sieht man den Kölner Dom als teilweises Werk der wilheminischen, historistischen Epoche. Vielleicht nicht als Historismus an sich, weil ja alte Pläne eingehalten worden sind (anders als im Falle Meißens), aber im allgemeinen Bewusstsein ist der Umstand, dass es sich bei den Türmen um keine "echte Gotik" handelt, doch sehr tief verankert. Damit im Zusammenhang stehend weiß man einfach, dass Freiburg der höchste gotische Turm D.s ist.

    Die Überlegungen hinsichtlich des Heidelberger Schlosses hingegen würde ich teilen. Originell ist der Gedanke, die Beibehaltung des zerstörten Zustandes gerade als (gründer-)zeitgeistlich bedingt anzusehen (Ruinenromantik. Vielleicht spielte auch der Gedanke der Aufrechterhaltung antifranzösischer Ressentiments eine Rolle. Das Heidelberger Schloss ist ohne Frage Sinnbild der seinerzeitigen Verwüstung der Pfalz).

    Ein wiederhergestelltes Heidelberger Schloss (im DKV-Bildband von R. Hootz wurde aus konservatorischen Gründen unbedingt ein Wiederaufbau gefordert und gegen "Ruinenromantik" Stellung bezogen) würde man heute ohne Zweifel als authentisch ansehen, warum auch nicht, es blieb ja sehr das meiste (dh eigentlich alles der Außenmauern) erhalten. Sogar das Nürnberger Rathaus sieht man als authentisch an, obwohl davon nicht mehr viel stand bzw auch sogar beim Wiederaufbau Achsen weggelassen wurden, dh sogar erhaltene Fassadenreste über weite Strecken abgetragen wurden und der Grundriss somit drastisch verändert werden musste. Zwischen "nachträglicher Vollendung" und "Wiederaufbau einer Ruine" besteht somit im tradierten Bewusstsein ein entscheidender Unterschied.

    Es gibt allerdings mE ein Gegenbeispiel für diese Sichtweise: Das Pariser Rathaus gibt als historistisches Werk, obwohl mW die ausgebrannte Fassade in den Wiederaufbau einbezogen worden war (vielleicht irre ich mich in diesem Punkt, aber ich kann keine Quelle finden, das den Komplettabriss der Ruine bestätigen würde). Offenbar sieht man im reichhaltigen Paris das Erfordernis der Originalsubstanz strenger.

    Der Neumarkt wird mE im Bewusstsein ungefähr eine ähnliche Stellung wie der polnische Wiederaufbau von Warschau, Posen oder Danzig erlangen, dh als sehenswerter Stadtraum angesehen werden, nicht ganz ohne Authentizität, allerdings leider nicht ganz echt, aber wen kümmert 's? Das Wichtigste ist der Umstand, dass die erhaltenen Großbauten (zu denen kann man irgendwie sogar die Frauenkirche zählen) plötzlich eine würdevolle städtebauliche Einbettung besitzen, womit ihre historische Authentizität auch auf den Stadtraum selbst ausstrahlt. Genau das fehlt im Westen in den meisten Fällen. Man wird über vieles Erhaltene dort einfach nicht froh, weil es so verloren und sinnlos herumsteht.

  • Ich hab sogar an Landshut gedacht, wähnte diesen Turm aber niedriger... hab irgendwie diese Höhen vertauscht.

    Dann korrigiere ich mich: Freiburg ist der höchste gotische Turm aus Sandstein. Backsteingotik ist halt ein eigenes Kapitel.

    Für uns natürlich nicht so superlativisch relevant, da niedriger als Wien (137m, diese Zahl kennt man).

    Nur Straßburg ist höher, aber das liegt nicht mehr in D.

  • Es gibt allerdings mE ein Gegenbeispiel für diese Sichtweise: Das Pariser Rathaus gibt als historistisches Werk, obwohl mW die ausgebrannte Fassade in den Wiederaufbau einbezogen worden war (vielleicht irre ich mich in diesem Punkt, aber ich kann keine Quelle finden, das den Komplettabriss der Ruine bestätigen würde). Offenbar sieht man im reichhaltigen Paris das Erfordernis der Originalsubstanz strenger.

    Das pariser Rathaus wurde komplett abgerissen, und "nur" ca. zu 40% identisch wiederaufgebaut, ohne Verwendung von der noch vorhandene Originalsubstanz. Zumal was das Aüssere angeht. Und nur von der Strassenseiten. Das neue Rathaus ist weitaus grösser, höher, und breiter als das Originalgebaüde aus der Renaissance. Mit Zusatzbauten die es nicht gab, und komplette umgestaltene Innenhöfe. Das alte Gebäude wurde bis zu den Fundamenten vollkommen zerstört um eine Betonplatte für das neue Gebaüde zu giessen.

    Hier ein Vergleich Original/Kopie:

    captu177.png

    captu176.png

    Und hier Struktur der Innenhöfe: Original/Kopie.

    captu178.png

    captu180.png

  • Ruinenromantik. Vielleicht spielte auch der Gedanke der Aufrechterhaltung antifranzösischer Ressentiments eine Rolle.

    Antifranzösische Ressentiments spielten hier sicher keine Rolle, der konservierte ruinöse Zustand des Schlosses geht tatsächlich auf die Strömung der Romantik und die Bedeutung des Schlosses als Ruine in Literatur und Malerei zurück. Für das Heidelberger Schloss von unschätzbarer Bedeutung war hier allen voran Charles de Graimberg, eben ein Franzose, der sich um den Erhalt und die Konservierung des Schlosses verdingt gemacht hat. Ohne ihn wäre das Schloss weiter verfallen und heute nicht einmal mehr als Ruine vorhanden. Und natürlich lässt sich dann darüber streiten, ob die Erhaltung als Ruine einem vollumfänglichen Wiederaufbau vorzuziehen war oder ist, aber das ist ein anderes Thema.

    Infos zu Graimberg (der am Kornmarkt ein eigenes Palais besaß, heute passenderweise Sitz des Stadtplanungsamtes):

    Charles de Graimberg – Wikipedia

  • Wunderschöne Galerie vom Neumarkt in Weihnachtsstimmung:

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  • Zwar ohne Abo nicht ganz lesbar, aber durch die Info, daß Wempe am Neumarkt expandiert, erhalt man auch einen Einblick in das Erdgeschoß an der Ecke Landhausstraße / Neumarkt. Artikel der Sächsischen.

    Mehr Platz für Luxus: Juwelier Wempe expandiert am Neumarkt in Dresden
    Die Verkaufsfläche von Juwelier Wempe am Dresdner Neumarkt hat sich mehr als verachtfacht. Auch neue Marken sind im Angebot. Jetzt wurde Eröffnung gefeiert.
    www.saechsische.de
  • Danke für die Info.
    Ich finde es übrigens schön, dass sich auch solche edlen Geschäfte am Neumarkt etablieren konnten, ja, sogar wie in diesem Fall weiter ausgebaut werden konnten. Bringt doch schon einen gewissen Glanz nach Dresden.
    Was ich auch besonders schön finde, dass zwei sächsische und weltweit höchst angesehene Luxusunternehmen hier ihr großes Aushängeschild haben: Meißen-Porzellan und Lange & Söhne-Uhren. :)