Historismus in Deutschland

  • sprich Neorenaissance. Das würde auch die "romanischen" Doppelfenster sozusagen mitintegrieren und irgendwie nach Florenz weisen.

    "Verputzt" hab ich streng genommen auch nicht gesagt, sondern fehlende Steinsichtigkeit. Jedenfalls kein massiv gemauerter Naturstein, wie es sich für eine Burg gehören würde.

    Es ist ein Stilmischmasch von Romanik bis zur Renaissance.

    Ich hab s in natura noch nie aus der Nähe gesehen und weiß nicht, ob s billig wirkt. Mitunter neigen Produkte aus dieser Epoche dazu. Ich will s nicht herunterreden, es hat seine Faszination, nur würde ich diese nicht als im Eklektizismus liegend ansehen. ebenso wenig wie Schloss Lichtenstein. Der Unterschied zur Burg Liechtenstein ist da irgendwie signifikant (wobei diese Ori0ginalsubstanz aufweist und eher in der Richtung Kreuzenstein -Hardegg - Fürstenstein liegt).

  • Der kulissenhafte, theatralische (theaterhafte), "provisorische" und architektonisch vielleicht etwas fragwürdige Eindruck, den Neuschwanstein bei vielen von euch auslöst, ist sicherlich auch dem Umstand geschuldet, dass Christian Jank, von dem die Entwürfe stammen, eben kein Architekt, sondern Bühnenbildner war.

    Schloss Neuschwanstein ist ein steingewordenes Bühnenbild, dessen Übersetzung in baubare Architektur durch Eduard von Riedel (und seinen Nachfolgern) erbracht wurde. Ein materialisiertes Traumbild, das, wie schon von Ursus angemerkt, aus den romantischen Ideenwelten Richard Wagners und deren persönliche Rezeption Ludwigs schöpft und eben darin liegt der Wert und die Einzigartigkeit Neuschwansteins, der weit über etwaige architektonische Fragwürdigkeiten hinausreicht und damit einen Sonderzweig des Historismus beschreitet (es gibt noch andere Beispiele, die ich mal raussuchen müsste). Noch deutlicher wird dies beim bekanntermaßen nicht umgesetzten Entwurf Janks für Schloss Falkenstein, das gotisierende Pendent zu Neuschwanstein, das man ohne diesen Hintergrund (Bühnenarchitektur, gebaute Traumbilder) wohl auch architektonisch als Disneylandkitsch zerreißen könnte:

    Schloss_Falkenstein_Planung_Gem%C3%A4lde_Historismus_Ludwig.jpg

    Im Übrigen ist die Assoziation Disneyland gar nicht soo weit hergeholt, man muss dies ja gar nicht despektierlich meinen: Walt Disney war ein hoch romantischer Geist, der sich bei vielen seiner Werke sehr von der deutschen Romantik hat inspirieren lassen. Auch seine Disneyland-Visionen haben einen starken romantischen Impetus, jedoch mit dem banalen, aber entscheidenden Unterschied, dass diesem im Gegensatz zum reinen Selbstzweck der Ludwigschen Schlösser ein ganz und gar unromantisches kommerzielles Interesse beisteht, was wiederum damit einhergeht, dass ein sentimentales Wieder- und Wiedergekäue einer ebenso sentimentalen Romantik sich zu (umso besser kommerzialisierbaren) Kitsch potenziert.

  • Den Begriff „billig“ im Zusammenhang mit Schloss Neuschwanstein zu verwenden, halte ich weder für sachlich noch für differenziert – schon gar nicht entspricht diese Sprache und Tonalität dem Anspruch, den ich im Umgang mit solchen Themen für angemessen halte.

  • Ich hab den Begriff "billig" in Bezug auf die Anmutung Neuschwansteins aus der Nähe verwendet, weil das genau mein Eindruck war, den ich in mehreren Besuchen hatte. Man merkt eben, dass es in weiten Teilen kein massives Hausteinwerk, sondern nur oberflächlich verkleidet ist. Die einzelnen Platten der Verkleidung sind noch dazu allzu regelmäßig geschnitten und dieses technisch Perfekte passt für mein Dafürhalten für so eine "mittelalterlich" sein wollende Burg überhaupt nicht. Ich fand also die Anmutung Neuschwanstein aus der Nähe immer enttäuschend, tut mir leid. Die Einbettung in die Bergwelt ist allerdings wirklich grandios.

    "Napoleon ist tot - aber Beethoven lebt."

    Bruno Walter

  • Wo ist denn der Unterschied von Neuschwansteins Steinverkleidung zu der anderer Großbauten des Historismus? Dort ist die Steinverkleidung auch nur oberflächlich und, typisch für das 19. Jahrhundert, oft sehr regelmäßig und akkurat geschnitten?
    Die Basilika Sacré Coeur in Paris, die mir in ihrem neobyzantinischem Baustil und einer ähnlich weißen Kalkstein-Verkleidung gerade einfällt, hat auch ein ganz regelmäßiges, akkurat geschnittenes Mauerwerk. Sieht trotzdem wunderschön und überhaupt nicht "billig" aus.
    Und Neuschwanstein stellt ein Märchenschloss dar, keine trutzige Burg, da können ruhig auch mal die Mauern weiß und eben sein.

  • Sitzt, wackelt und hat Luft nach 130 Jahren. In 130 Jahren werden unsere Dämmsysteme nicht mehr sitzen sondern nur noch wackeln; und Luft haben die Gebäude bereits jetzt schon nicht. So what. In der damaligen Zeit nicht auf der Höhe der Zeit zu bauen, wäre etwas widersprüchlich.

  • Wie gesagt, es ist letztlich mal wieder eine Frage der Tonalität – also, wie man seine Meinung äußert. Gerade wir hier im Forum sollten uns bemühen, historische Bauformen nicht vorschnell als "billig" zu bezeichnen. Natürlich verstehe ich, was damit gemeint ist, aber es bleibt trotzdem ein seltsamer Begriff in diesem Zusammenhang. Ich sehe schlicht nicht, was daran billig oder minderwertig sein soll.

    Im Gegenteil: Es war absolut gängig – und keineswegs unüblich – Mauerwerk mit Naturstein oder Kunststein zu verblenden. Und eigentlich spricht es doch eher für die Qualität der Ausführung, wenn das Ergebnis präzise und sorgfältig wirkt. Dass das nicht an eine mittelalterliche Burg erinnert, liegt in der Natur der Sache – denn de facto istt es ja auch keine.

    Es ist die romantisierte, überhöhte Vorstellung eines idealisierten Mittelalters, die hier architektonisch umgesetzt wurde. Und genau das spiegelt den Zeitgeist und die Gedankenwelt des Historismus wider – mit all seinen Brüchen, Sehnsüchten und gestalterischen Überhöhungen.

  • Es ist nur mein persönlicher Eindruck und den kann ich halt nicht anders als mit ein bisschen "billig" und "künstlich" beschreiben, tut mir leid. Ich finde nicht, dass man historische Architektur nicht auch mal mit deutlicheren Worten kritisieren darf, das gehört zur Kunstbetrachtung dazu.

    "Napoleon ist tot - aber Beethoven lebt."

    Bruno Walter

  • Angenommen, es gäbe Cinderella Castle und die amerikanischen und asiatischen Besuchermassen nicht: Wären wir dann genauso kritisch in Bezug auf die kunst-/kulturhistorische Bedeutung von Neuschwanstein?

    Was ist mit den vielen anderen romantisierenden Burgen, Schlössern und Palazzi, die zeitgleich ex nihilo entstanden sind? Steht N. in dieser Sammlung wirklich so einzigartig da?

    Ich finde, man muss bei N. aufpassen, nicht in die "deutsche" Falle zu tappen, den Wert von etwas daran festzumachen, ob es auch "rein" und "echt" ist und ob es die "Richtigen" gut finden. Die Anlage ist grandios. Ich gebe einen Sch... auf den Welterbetitel, aber N. hat ihn verdient.

  • Es ist die romantisierte, überhöhte Vorstellung eines idealisierten Mittelalters, die hier architektonisch umgesetzt wurde.

    Ich hatte kürzlich über ein nie verputztes Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert geschrieben, bei dem 1899 eine Renovation anstand. Dabei wurden alle Balken mit Brettern aufgedoppelt, sodass eine perfekte Holzoberfläche entstand. Zusätzlich fügte man noch einigen historistischen Zierrat hinzu, den es in dieser Form am Haus nie gegeben hatte. Die Restaurierung war aus damaliger Sicht gut gemeint und die Hausgeschichte wurde auch gründlich erforscht. Aber aus heutiger Sicht muss diese Restaurierung als fatal bezeichnet werden. Das Zitat Anhalters umschreibt diesen Zeitgeist treffend.

    Nun zu Neuschwanstein mit seinem vorgeblendeten Mauerwerk: Für mich sieht es nicht billig aus, sondern einfach zu perfekt. Das Vorblenden von Naturstein hatte ja schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende Tradition. Man denke nur an die vielen unvollendeten Domfassaden in Italien, zum Beispiel Basilika San Petronio in Bologna.