Potsdam - zwischen Plantage und Neuem Markt

  • Warum die drei Häuser auf dem Neuen Markt wieder eingerüstet werden mussten, erschließt sich mir nicht. Sie waren doch in perfektem Zustand? Irgendwie kommt mir das alles nur mehr übertrieben vor.

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    hat sich da seit 2023 so massiv viel geändert?

    Ja, die Fassadenfarbe blätterte erheblich. Die Anfänge davon sind auf deinem Bild schon zu sehen.

  • Worüber genau reden wir hier eigentlich? Wieso baut denn in Prag niemand ne tolle Alufassade oder schicke graue Klinker in die Altstadt?

    Du kennst Prag aber schlecht. Seit hundert Jahren ist die moderne Architektur im historischen Zentrum Prags präsent.

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    Prag, Magistrat, náměstí Franze Kafky 1096/1 mit der Seitenfassade zur Platnéřská, erbaut 1926-1928 (Foto: ŠJů, 7. März 2014, CC-BY-SA-3.0)

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    Prag, Schuhkaufhaus Baťa, Celetná 596/15, erbaut 1933-1934 (Foto: Jiří Matějíček, 16. Juni 2021, CC-BY-SA-3.0)

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    Prag, Börsenpalast, Rybná 682/14, erbaut 1995 (Foto: Palickap, 19. März 2016, CC-BY-SA-4.0)

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    Prag, Hotel Josef, Rybná 693/20, erbaut 2002 (Foto: Kai Kemmann, 11. April 2025, CC-BY-SA-4.0)

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    Prag, Palác Myslbek, Na Příkopě 1096/19+21, erbaut 1996 (Foto: VitVit, 18. August 2023, CC-BY-SA-4.0)

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    Prag, Palác DRN, Národní třída 135/14, erbaut 2017 (Foto: VitVit, 31. Juli 2018, CC-BY-SA-4.0)

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    Prag, Palác Euro, Václavské náměstí 772/2 (rechts), erbaut 2002, links Haus Lindt von 1927 und Baťa von 1929
    (Foto: VitVit, 23. Juni 2016, CC-BY-SA-4.0)

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    Prag, Shopping Center Quadrio, Spálená 2121/22, erbaut 2012-2014 (Foto: VitVit, 11. April 2015, CC-BY-SA-4.0)

  • Ja doch ich kenns gut, und natürlich rede ich von der eigentlichen Altstadt, aber Deine Beispiele sind natürlich sehr gut und zeigen ganz genau auch dort das Problem: die Moderne pass sich nicht ein, das Ergebnis ist Hässlichkeit und visuelles Chaos.

  • Rastrelli, du hast dir aber auch wirklich die einzigen beiden modernen Bauten der Altstadt rausgesucht. Und die sind auch nur Zwischenkriegszeit. Wobei das Bat'a-Haus in der Zeltnergasse deutlich die Mickrigkeit aufzeigt, in welche sich diese ganzen Loos-Derivate entwickelten.

    Dieses DRN-Ungetüm unweit der Ursulinenkirche muss auch ziemlich neu sein. Es scheint dem Stadtbild nicht besonders gut zu tun.

  • Prag, Hotel Josef, Rybná 693/20, erbaut 2002 (Foto: Kai Kemmann, 11. April 2025, CC-BY-SA-4.0)

    Sorry, ist nicht das Thema hier, aber im Hotel Josef war ich vor ein paar Wochen. Außen nicht schön, aber tolle Lage, tolle Zimmer, toller Service und grandioses Frühstück zu sehr vernünftigen Preisen. Die moderne Architektur in Prag habe ich bemerkt, aber angesichts der Fülle an klassischer Architektur und der grandiosen Atmosphäre dieser Stadt, hat es mich nicht gestört. Die Dosis macht eben das Gift.

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Außen nicht schön, aber tolle Lage, tolle Zimmer, toller Service und grandioses Frühstück zu sehr vernünftigen Preisen.

    Das ist doch der Elefant im Raum bei dieser seltsamen Debatte. Die Menschen lieben die Moderne - und zwar in der Nutzung! Sie ziehen zu Hunderttausenden in schrecklich trostlose moderne Wohnungsbausilos, arbeiten in modernen Bürokomplexen, einfach weil der Arbeits- & Wohnkomfort und die Kosten attraktiv sind. Entweder schafft man es also ähnliches mit guter Außenarchitektur/Ensemblearchitektur zu verbinden, oder aber das Thema Architektur in Gestalt der Fassade und in einem Stadtbildkontext wird langfristig zum Luxusproblem erklärt, auf das 99% verzichten. Man wird die Baukultur nicht damit pflegen, indem man von einem stetig schrumpfenden Bestand an überlebender gut gestalteter Altbauten zehrt. Nach und nach folgen auf die meisten Altbauten diese neuen Bauten. Andere Länder können nicht so aggressiv in Neubau investieren und wirken damit fester am Altbau orientiert. Täuscht trotzdem nicht darüber hinweg, wohin deren Zukunft analog steuert. All das blenden hier so einige komplett aus, wie mir scheint.

  • Rastrelli, du hast dir aber auch wirklich die einzigen beiden modernen Bauten der Altstadt rausgesucht.

    Wieso die einzigen beiden? Fünf der acht Beispiele liegen im Stadtviertel namens Altstadt, die letzten drei (DRN, Euro, Quadrio) im unmittelbar angrenzenden Teil der Neustadt. Und es sind wirklich nur Beispiele. Die Prager Neustadt entspricht den Kriterien für den deutschen Gattungsbegriff "Altstadt". Zumal es hier im Strang ja um den Vergleich mit der Potsdamer Altstadt im Bereich der Mammonstraße geht. Schon wenn wir die historische Tiefe berücksichtigen, ist die Potsdamer "Altstadt" gegen die Prager Neustadt nur ein Witz.

    Wir können den Neubau des Regimentshauses in der Potsdamer Mammonstraße stilistisch mit den schlichten funktionalistischen Bauten der Zwischenkriegszeit in der Prager Altstadt vergleichen. Traditionelle Hausformen mit steinernen Fassaden, aber völlig schmucklos, funktional eben. Von diesen Gebäuden gibt es dort eine ganze Menge. Allein schon in der Celetná ulice ist es ja nicht nur das Baťa-Haus, sondern auch der Palác Broadway.

    Es ging im Kern ja um diese Argumentation:

    Für mich ist das das typisch deutsche verkopfte Denken. In jedem vernünftigem Land hätte man das Haus fassadenmäßig einfach wiederaufgebaut, sehr viel Aufwand ist es ja nicht

    Der heutige Neubau in der Mammonstraße hat ein Geschoss mehr als das Haus, das früher dort stand (siehe hier). Es gibt also mehr Nutzfläche. Das ist schon mal ein Vernunftargument. Du schreibst: "In jedem vernünftigen Land . . ." Aber welches Land ist denn (in deinem Sinne) vernünftig?

    Gmünder
    Ich sehe das genauso wie du.

  • Das ist doch der Elefant im Raum bei dieser seltsamen Debatte. Die Menschen lieben die Moderne - und zwar in der Nutzung! Sie ziehen zu Hunderttausenden in schrecklich trostlose moderne Wohnungsbausilos, arbeiten in modernen Bürokomplexen, einfach weil der Arbeits- & Wohnkomfort und die Kosten attraktiv sind. Entweder schafft man es also ähnliches mit guter Außenarchitektur/Ensemblearchitektur zu verbinden, oder aber das Thema Architektur in Gestalt der Fassade und in einem Stadtbildkontext wird langfristig zum Luxusproblem erklärt,

    Ja stimme 100% zu. Ich glaube man redet schnell aneinander vorbei. Natürlich sind Neubauten meist besser. Wer möchte wirklich in Vorkriegshäusern mit vielen zu kleinen Zimmern, mit knarzenden Treppen und Holzdecken leben, anstelle eines innen schicken Neubaulofts. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es geht hier vielmehr um Ästhetik und Gestaltung. Ich glaube selber auch eher wenig an die Wichtigkeit von Originalität. Das ist vlt. ein Kriterium für Kunstwerke. Von mir aus kann man gerne ganze Altstädte mit Ausnahme der besonders wertvollen Gebäude (=Kunstwerke) auch abreissen, solange anschliessend die visuelle Information der Fassaden originalgetreu wieder hergestellt wird. Oder schaut irgendjemand erst auf die Fassade und bohrt da dann Löcher rein, um nachzusehen was drin ist? Das ganze 50 Jahre alte Konzept der Virtualität scheinen die Leute immer noch nicht ganz als Prinzip verinnerlicht zu haben. Visuelle Information ist Realität. Form ist Funktion. Ob das alte oder neue Stadtschloss diese erzeugt, auf der Retina des Betrachters zB, ist kein Argument für Illusion oder den vielzitierten Disneyland Vorwurf. Das berühmte Disneyland-Argument ist ja vielmehr der Gegenbeweis, dass die Verwender selbst veraltet sind, feststeckend in der Metusalem Moderne, dh. argumentative Avantgarde der seligen 1920er Jahre!

    Allerdings kann man die 100 Jahre alte Moderne schon als Gestaltungsrichtung auffassen, aber sollte sie halt nicht mit dem modernem Bauingenieurswesen gleichsetzen. Siehe all die modern gebaute neu-klassische Architektur in Berlin (zum Thema oben: "Entweder schafft man es also ähnliches mit guter Außenarchitektur/Ensemblearchitektur zu verbinden.."), dh. selbstverständlich wird technisch modern gebaut, nur halt mit neu-klassischer Formensprache. Oder die Bautechnik der Masse der modernistischen Bauten in Europa, die ja heute bereits nicht modern sondern ziemlich veraltet ist. Der Begriff Modern ist allgemeine eine Falle. Modern heisst weder gut noch Anti-Klassik noch erstrebenswert. Kann zwar aber muss nicht.

  • Der heutige Neubau in der Mammonstraße hat ein Geschoss mehr als das Haus, das früher dort stand (siehe hier). Es gibt also mehr Nutzfläche. Das ist schon mal ein Vernunftargument. Du schreibst: "In jedem vernünftigen Land . . ." Aber welches Land ist denn (in deinem Sinne) vernünftig?

    Hm, es wurde doch niergends gesagt. dass andere Länder vernünftiger wären? Da müsste man ausserdem genauer den Bezug aufschlüsseln. Im Bereich Urbanistik zB ist Frankreich wesentlich besser als D, in vielen anderen Dingen nicht, und dann ist es noch regional verschieden. Berlin hat zB. tolle Neu-Klassische Architekten, NRW nicht. Alles ist halt granular fliessend. Nur, die implizite Umkehrung der Argumentation mit dem Hinweis, woanders sei es nicht besser, halte ich gerade für psychologisch unnötig und nicht zeilführend. Ich sehe es oft, wenn man ein Land kritisiert, dass der Gesprächspartner sich sofort persönlich betroffen fühlt. Ich verstehe das zwar, aber es ist auch sehr sehr kleingedacht. Die Deutschen werden von zB von "Deutschland" systematisch brutalst ausgeplündert, bis zur totalen Verarmung, aber wenn man dem Ausgeplünderten das sagt, dann ist er plötzlich beleidigter Patriot und sagt, woanders wäre es ja noch schlimmer. Ja, teilweise schon, teilweise aber eben auch nicht. Aber das ist schon argumentativ wehr schwach, sh Matrix oder Gustave Lebon. Es geht ja hier nicht darum wer Recht hat und darauf ganz Stolz ist, sondern um die Aussagen an sich. Ja, die Prager Altstadt ist mega homogen betreffend klassischer Architektur und somit eine Referenz weltweit, und diese Loos-Derivate sind ja heutzutage quasi auch schon so eine Art hybride Klassik, sozusagen. Drumherum findet natürlich derselbe Mist statt wie überall. Und das ist ja gerade unser Thema.

  • Dicht bebaut, aber historisch waren die Hinterhöfe noch dichter.

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    Der Neubau ist etwas flach geworden. Der strukturiertere Mittelrisalit aus dem ersten Entwurf wäre besser gewesen.

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  • Der Tagesspiegel (PNN) aus Potsdam schreibt in der Ausgabe vom 28.11.2025, das das Kreativquartier (Langer Stall) schon fast ausgebucht ist.

    Die Eröffnung soll am 01.05.2026 sein.

    Die Künstlerinnen/er wollen den Langen Stall selbst verwalten und haben eine Genossenschaft gegründet.

  • Na endlich,haben jetzt viele einsichtige Künstler endlich vom alten RZ losgelassen und sich dem neuen Kreativquartier zugewandt.

    Oder gibt es noch den harten linken Kern von Künstlern, die dem alten RZ weiterhin demonstrativ anhaften?

  • Die Künstlerinnen/er wollen den Langen Stall selbst verwalten und haben eine Genossenschaft gegründet.

    Das sind wohl überwiegend Freelancer und Leute, die tatsächlich Geld verdienen mit ihren kreativen Tätigkeiten, die da einziehen.
    Im Gegensatz zu einigen der Aktivisten, die noch am RZ kleben.

  • Die neue Genossenschaft hat einen Teil des Langen Stalls (4.000 m²) für 3 Euro/qm komplett gemietet und vermietet diese Flächen für bis zu 9 Euro an die Künstler weiter. Da alle Mieter MWSt zahlen müssen sollten die Nutzer schon vorsteuerabzugsfähig sein.

  • Die neue Genossenschaft hat einen Teil des Langen Stalls (4.000 m²) für 3 Euro/qm komplett gemietet und vermietet diese Flächen für bis zu 9 Euro an die Künstler weiter. Da alle Mieter MWSt zahlen müssen sollten die Nutzer schon vorsteuerabzugsfähig sein.


    Ähmm - was buttert da eigentlich Jahr für Jahr die öffentliche Hand (der Steuerzahler) dazu?

  • Ähmm - was buttert da eigentlich Jahr für Jahr die öffentliche Hand (der Steuerzahler) dazu?

    Die Landeshauptstadt Potsdam hat das ganze Projekt des Kunst- und Kreativquartiers einmalig durch einen Preisnachlaß beim Grundstückskauf unterstützt und bekommt hierfür die dauerhafte Begrenzung der Mieten von 4.000 der insgesamt über 20.000 m² Nutzfläche auf im Schnitt 9 Euro/qm NKM. Das ist damals eine vernünftige Sache gewesen.

    Die Fläche entspricht in etwa der Nutzfläche im heutigen Rechenzentrum, dessen Nutzungsdauer bis dato bis zur Eröffnung des KKQ bauaufsichtlich begrenzt ist. Die Eröffnung ist für den 1. Mai 2026 geplant. Danach soll nach aktueller Beschlußlage das Rechenzentrum abgebrochen werden.

  • Was sagt denn der Aufsichtsrat der Genossenschaft zu diesen Wucherpreisen? Verdient der fleißig mit?

    Die Genossenschaft hat sich ja gerade gebildet. Die Overhead-Kosten der Genossenschaft werden sicher ein Diskussionsthema. Allerdings sind die Räume für den Zweck auch wenig geeignet, da es große Gemeinschaftsflächen gibt die mitgeheizt und -bewirtschaftet werden müssen, darüberhinaus Veranstaltungsflächen. Der Vermieter ist den Deal eingegangen, weil er sich nicht um die kleinteilige Vermietung kümmern muss.

  • Das lange Haus in der Yorckstraße hat einen neuen Anstrich bekommen, der die lange Fassade besser untergliedert und die Anspielung an die Knobelsdorfschen Vorgänger besser hervorhebt. Lediglich die Farbwahl sehe ich noch etwas kritisch.

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