Architektur im alpinen Raum

  • Liebe Forumsmitglieder/Innen und Architekturinteressierte,

    Anlässlich meines diesjährigen Südtirolurlaubes habe ich mich entschlossen, mein lange gepflegtes "Hobby" mit der Allgemeinheit zu teilen. Ich interessiere mich seit vielen Jahren für das Bauen im alpinen Raum, wobei es die letzte Zeit immer schwerer wird, erhaltene Ensembles oder Einzelbauten aufzustöbern, da Verlust, Abriss und Neubau dem Erhalt eindeutig überwiegen. Somit habe ich begonnen, systematisch in Südtirol insbesondere die ländliche Architektur, Bauernhöfe, Stadel und Kleinbauten zu fotografieren und den Wandel zu dokumentieren. Gleichzeitig habe ich somit eine Fülle von "guten" und "schlechten" Beispielen gesammelt, die die Gratwanderung zeitgenössischen Bauens in einem hochsensiblen Umfeld besonders eindrücklich veranschaulichen. Schwerpunkt liegt auf der Region Vinschgau/oberes Etschtal, da sich hier noch viele archaische rätoromanische Bauten finden lassen.

    Mein eigentlicher Beruf ist Mediziner, habe aber in Zürich an der ETH berufsbegleitend Denkmalpflege studiert und nutze ausserdem meine Fotografien als Vorlage für künstlerische Umsetzungen.

  • Tschengels, Vinschgau, sog. Burgwinkel, Blickachse zum Schloss mit Verlust der intakten rechten Bebauung ( Stadel und Bauernhof)

  • Eppan, St. Michael, aktueller Neubau an ein Haus aus den 1980`er Jahren, der Neubau wird dominiert von scharfen Kanten, liegenden Fenstern und ansonsten eher kalten und " harten" Materialien, dunklem Blech und Metall . Der bescheidene "Altbau" links kann dagegen noch mit einer klaren Symmetrie der Fensterachsen, Holzbalkonen und Fensterläden punkten.

  • Burgeis, Vinschgau, gilt als das am besten erhaltene Dorf der Umgebung, leider zunehmend mit den üblichen "Kontrastbauten" verschandelt.

    Dieser Neubau wäre mit einigen Holzelementen mühelos in die Reihe der zum teil noch gotischen Höfe und Stadel integrierbar gewesen, leider sticht er bereits von Ferne durch seine verspiegelten Flächen heraus, da es sich in exponierter Hanglage über dem oberen Dorfteil befindet.

    Man beachte: alle diese Bauten werden behördlich genehmigt!

  • Eppan, St Michael, brutalistischer Neubau vor einem Renaissanceansitz im Überetscherstil. Wie man auf die Idee kommen kann, 2 gigantische Betonscheiben quasi in das Haus zu schieben bleibt mir verborgen.

  • Man beachte: alle diese Bauten werden behördlich genehmigt!

    Ich habe mal nachgeschaut. Burgeis gehört zur Gemeinde Mals. In Mals regiert die Südtiroler Volkspartei mit absoluter Mehrheit. Eigentlich spricht man dieser eine konservative Haltung zu. Es wäre interessant, zu erfahren, weshalb man sich nun dem Modernismus andient. Eine Stellungnahme wäre interessant?

    Minderwertigkeitskomplexe? Falsch verstandene "Toleranz"? Druck von modernistischer Seite? Baubehörden mit modernistischen Ideologen unterwandert? Verlust des Wissens und Interesses an eigenen Traditionen?...

  • Hier ein hervorragendes Beispiel aus Mals, dem Hauptort des oberen Vinschgau, der nicht mehr benötige Stadel als Wohnhaus umgenutzt, die äussere Gestalt mit Bundwerkgiebel und Scheunentor wurde dabei erhalten, ebenso das steinsichtige Mauerwerk. Neben der Wahrung des Ortsbildes kann durch solche Massnahmen auch der Entvölkerung der Dorfkerne entgegengewirkt werden.

  • Eines der erschreckendsten Beispiel des letzten Jahres: Nauders am Reschenpass. Die Gemeinde besass trotz regem Wintertourismus ein durch die rätische Bauweise geprägten alten Dorfkern, der sukzessive in den letzten Jahren und besonders durch mir unverständliche Abbrüche seit 2018 nur noch rudimentär erlebbar ist. Nauders war seit 1980 im Verbund schützenswerter Ortsbilder in Tirol und hat diesen 1990 verlassen!

    Der oben gezeigte massive Hof wies zum Postplatz eine Steinfassade mit riesigem überstehenden Dach und Freitreppe auf, zum Unterdorf einen dem hang entsprechend tieferliegenden eckgemauerten Stadel mit Bundwerk. Für mich war dies das perfekte "Entree" zum Postplatz mit seinen alten Wirtshäusern. Erst der Totalabbruch und ein Jahr später der Neubau ( Hoteldependence mit Pizzaria).

    Würdelos das halb gekappte "Pseudodach" mit Pfettenbrett und wieder die Materialität ohne jegliches Gespür für das Umfeld.

  • Oberplanitzing im Überetsch, Südtirol, südlicher Ortseingang.

    Links ein ortytypischer alter Weinhof mit offenem Dachgeschoss und Bundwerk, daran schliesst sich der Neubau an.

    Die Bilder sprechen für sich, das überdimensionierte Garagentor wirkt fast wie ein bedrohlicher Schlund, die Balkone in rot und die liegenden Fenster bringen Unruhe in die Fassade und wirken wie Frmedkörper. Auch hier wieder die Frage: wer genehmigt so etwas?

  • In Mals regiert die Südtiroler Volkspartei mit absoluter Mehrheit. Eigentlich spricht man dieser eine konservative Haltung zu. Es wäre interessant, zu erfahren, weshalb man sich nun dem Modernismus andient.

    Die Frage kannst Du noch ausweiten, da der ländliche Raum tendenziell konservativ regiert wird, gerade jedoch auf dem Land, wie auch diese Fotogalerie hier beweist, so gar kein Respekt herrscht vor dem Bestand. Durch die schiere Masse an ländlichem Raum samt ländlicher Baukultur ist dessen Verlust eigentlich viel tragischer - auch vom Landschaftsbild her gedacht. Und doch überrascht es mich hier, weil touristisch attraktive Orte eher erhalten werden so als Daumenregel.

  • Es gab in Südtirol betreffen der Bauernhäuser und Stadel eine erste grosse Modernisierungewelle in den 1950`er Jahren, die sicherlich den Verlust von 70-80% des Bestandes brachte. Dokumentiert ist dieser in der Schriftenreihe " Bauernhäuser in Südtirol" und greift auf schwarz-weiss Fotografien des sog. Atzwanger-Archives zurück, das im Rahmen der Option im 2. Weltkrieg das bauliche Kulturgut vor dem drohenden Verlust katalogisieren sollte.

    Darin geht es eben nicht nur um die denkmalpflegerischen "Hochkaräter", sondern um die Fülle der landwirtschaftlichen Kleinobjekte, die in ihrer Gesamtheit den Charme der Dörfer und der Landschaft ausmachten.

    Aktuell verschwinden die letzten Objekte und auch schon die ersten Ersatzbauten der Nachkriegszeit in einem Tempo, dass eine systematische Archivierung nicht mehr möglich scheint. Auch denkmalgeschützte Höfe werden systematisch dem Verfall preisgegeben, bis irgendwann ein Bautrupp Einsturzgefahr meldet und damit dem Abbruch grünes Licht gibt. ( Beispiele folgen unter meinem Strang)

    Daneben entstehen parallel auch in den entlegensten Tälern ( Beispiel Pflerschtal, Seitental des Wipptales, sog. Tribulaunlodge) Grossprojekte, die der Landschaft den Rest geben.

  • Sehr spannende Parallelen, da ich genau das gleiche auf dem bayrischen Land beobachtet habe. Oft stehen da heute noch eine variierende Zahl letzter Objekte, gerne aus dem Kontext gerissen und schon klar erkennbar vernachlässigt, sodass ein zukünftiger Abriss absehbar wird. Dazwischen dann ein, zwei entweder für die Dorfbewohner umgenutzte sanierte, aber modern getrimmte Einrichtung, ein Festsaal, Vereinshaus, etc. Oder aber tatsächlich als Highlight aufgrund besonderer Geschichtsträchtigkeit restaurierter Einzelbau. Das höchste der Gefühle sind Ersatzbauten, die wie die Altbauten angeordnet werden mit vergleichbarer Fensteranordnung.

  • Eppan, St. Miachael, Ortsteil Berg

    der Eppaner Ortsteil Berg besteht fast ausschliesslich aus Ansitzen und Burgen, weswegen die Weinberge dazwischen als Bannzone gelten. Trotzdem sieht man aktuell mehrere Baukräne und zum Beispiel diesen Neubau, der durch sein Industriehallendesign besticht, liegende Fenster, grauer Glattputz, Flachdach, Metall und als Requiem die Porphyrsteinmauer davor mit Draht veredelt und das alte Wegkreuz. Das Umfeld sieht dagegen so aus:

     

  • Eines der erfreulichsten Beispiele einer Revitalisierung alter Baususbtanz findet sich im Dorf Schluderns im Vinschgau: mitten im Dorf liegt dieser riesige Hof mit angebautem Stadel mit Rundbögen aus Bruchstein. Dieser bot auch im ausgebrannten Zustand noch einen imposanten Anblick . Die Renovierung des Wohnhauses erfolgte schonungsvoll und im Bestand während die Umfassungsmauern des Stadels als Hülle für einen Neubau dienten, der quasi in die alte Form eingepasst wurde. Es enstand ein Mehrparteienhaus von grosser architektonischer Qualität, vom Schandfleck zum Vorzeigestück der Gemeinde und ein Beweis, dass auch aus "hoffnungslosen" Kandidaten mit Wille und Können etwas grossartiges entstehen kann.

                           

  • peinliches Architekturdetail im Weiler Galsaun, Vinschgau. Die gezeigte Gasse, die zum Ansitz Kasten führt, besticht auf der linken Seite durch äuerliche Wohn-und Wirtschaftsgebäude mit erstaunlichen baulichen Kostbarkeiten: dem Strassenverlauf folgend zeigt der Wohnbau eine gemauerte auskragende Stube, die auf kleinen Rundbogenarkaden ruht. Solche Kostbarkeiten erwartet man selten in einem eher bescheidenen nicht sakralen Umfeld. Direkt gegenüber befindet sich ein Neubau( oder die Verstümmleung eines Altbaus, Baugeschichte kaum noch ablesbar) mit den üblichen liegenden Fenstern, Glattputz, dunklem Metall als Fensterbrett und als peinlicher Höhepunkt: die Sockelzone mit aufgepappten Steinimitaten, die parallel zur Hangneigung verlaufen. Ich dachte, Baukunde sei ein universitäres Fach und sollte zumindest einige prinzipielle Gestaltungsgrundlagen vermitteln...warum geben wir uns mit derlei Armseligkeiten ab?


             

  • Silz, Oberinntal

    ein geteilter Einhof, der in beiden Haushälften geradezu karikaturhaft missverstandene Modernisierungsmassnahmen aufzeigt

    links noch die besseren Fensterproportionen, dafür ist das Bundwerk im Giebel zerstört, rechts das vorhandene Bundwerk mit Giebelverschalung, dafür die Fensterproportionen gekippt. Das ganze Haus leidet.

  • Schluderns, Obervinschgau, Churburggasse: Umbau und "Modernisierung" eines exponierten Hauses am Weg zur Churburg. Man sieht, was der Verlust der Fenster un der Dachkonstruktion trotz Beibehaltung der Kubatur negativ bewirkt. Ausgerechnet ein Architektur und Designbüro hat den Umbau bewirkt und bewohnt das Resultat. Das Haus hat sein Gesicht verloren.

      

  • Die Verschandelung von Altbauten erfolgt dem Wesen nach stets mit den sich wiederholenden, modernistischen Mitteln. Jedem harmonischen Baustil muss um der Provokation Willen, die Ablehnung, der Bruch bis hin zur Zerstörung anzusehen sein. Vorher sind diese kaputten Geister nicht glücklich.