Mir ist bewusst, dass der Arbeitstitel hier etwas sperrig ist, und wahrscheinlich nicht viele Beiträge zusammenkommen werden. Aber der Blick in die Architekturgeschichte hinsichtlich des folgenden Aspekts ist für Unser Ansinnen derart fruchtbar, dass ich hoffe, meine niedrige Erwartung doch zu übertreffen oder aber zumindest das Thema nicht irgendwo in den Tiefen des Forums verloren zu wissen.
Ich habe einen Artikel gelesen über den ehemaligen Bau des Amtsgerichts in der ehemaligen Residenzstadt Usingen im Hochtaunus. Dabei bin ich zum ersten Mal über einen handfesten Beweis meiner These gestolpert, dass Architektur sich insbesondere dadurch verschlechtert hat, dass sie sich immer weiter atomisiert hat. Man denkt nicht mehr in Sinnzusammenhängen, sondern in Einzelstücken.
Damit postuliere ich, dass in der vormodernen Architektur man Stadträume zusammenhängend wahrgenommen hat, man also selbst bei kontrastreichen Bauformen man sehr zielgerichtet einen extrinsischen Effekt verfolgt hat. Nicht so bei modernen Bauten, welche den Kontrast brauchen für eigene, innere Motive, vornehmlich um günstig und mit möglichst wenig Einschränkungen zu bauen, um Aufmerksamkeit für Provokation durch Beschädigung seines Umfelds zu erzielen. Gerade letztere Aussage dürfte sicher von vielen Fürsprechern der Moderne widersprochen werden, jedoch habe ich bereits ein Indiz dafürsprechend genannt: Durch die Ablehnung einer tieferen Interaktion zwischen Neu- und Altbau verliert das Stadtbild ganz logisch an Zusammengehörigkeitswahrnehmung. Atomisierung eben.
Dieser Ansatz führt dazu, dass die Stadtgefüge immer fragiler werden, weil es natürlich viel schwieriger ist in einem zusammenhängenden Straßenzug einfach mal ein zwei Häuser mit völlig uneingepassten Neubauten zu ersetzen, als das in einem losen Gefüge aus Einzelobjekten der Fall ist. Zudem verlieren die Stadträume an Bedeutung, werden austauschbar. Architektur ist bis zu einem gewissen Grad Illusion. Dies spiegelt sich insbesondere darin wieder, wenn etwas nach einer bestimmten Epoche eingeordnet wird.
Aus meiner These folgt, dass man diese Zugehörigkeit in vormoderner Zeit als wichtig erachtet hat. Dementsprechend bräuchte es den Nachweis, dass man sich in manchen Stadträumen lieber der umgebenden Architektur untergeordnet hat, statt nach dem aktuellsten Architekturtrend zu bauen. Und da kommen Wir zurück zum Beispiel Usingen.
Der Artikel beschreibt, dass das Gebäude nun 100 Jahre alt geworden ist, jedoch deutlich älter aussieht von seiner Architektur.
QuoteFür knapp 100 Jahre hat es sich ganz gut gehalten, aber stilistisch wirkt es dennoch älter, denn es passt nicht in die den Zeitstil der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg. Die Neue Sachlichkeit, allen voran das Bauhaus, prägten die Epoche.
Es wird ein zweites Beispiel eines Gebäudes in der Stadt aufgeführt, dessen Baustil rückgreift. In dem Fall auf den Historismus. Dieser Bau führt die Spur an, warum denn nun beide Gebäude nicht zeitgemäß errichtet wurden:
QuoteAber Letzteres wie auch das Amtsgerichtsgebäude wurden mit Blick auf die städtebaulichen Rahmenbedingungen geschaffen.
Oder besser gesagt, die Architektur der umgebenden Gebäude und deren Zusammenhang hatte eine so große Bedeutung, dass man ein hoheitliches Gebäude mit Anspruch auf "Repräsentanz und Autorität" 1923 in barockem Stil errichtete!
Dieser Gedankengang ist glücklicherweise in einem historischen Zeitungsartikel überliefert und nicht unterstellt:
Quote„Die staatliche Bauverwaltung hat sich verpflichtet gefühlt, den Neubau im Sinne und Geiste jener vergangenen Zeit unter bewusstem Verzicht auf neuzeitliche Modeformen und mit einem vielleicht etwas größeren Aufwand, wie er sonst bei gleichen Aufgaben üblich ist, ins Usinger Stadtbild hineinzustellen“, so formulierte es Baumeister Hornemann bei der Einweihung zwei Jahre später, wiedergegeben nach einem lokalen Zeitungsbericht.
Ich denke das Schwierige ist für Uns heute, dass es nicht so einfach ist, insbesondere je weiter man in der Architekturgeschichte zurückgeht, solche bewussten kontextualen Rückgriffe nachzuweisen. Aber ich bin sicher, dass es sich hier nicht um einen ganz außergewöhnlichen Fall handelt. Zu eindeutig wirkt sich diese von mir unterstellt veränderte Grundhaltung aus auf Unsere Stadtbilder und deren Rezeption bei den Bürgern. Auch wäre mir kein modernes (also nicht frühmodern, wo die alte Grundannahme offenbar noch nicht verschwunden war) Ensemble bekannt, trotz der enormen Bautätigkeit gerade nach dem 2. Weltkrieg. Dass man an einem Platz steht oder in einer Straße und meint, jedes Haus so unterschiedlich es auch sein mag, nimmt Bezug zu den anderen Gebäuden und im Zusammenklang ergibt sich mehr als die Summe seiner Teile.