Wie haben sich frühere Generationen das Stadtbild der Zukunft vorgestellt?

  • Ich habe eine Ansicht, die gerade 125 Jahre alt wurde. Es handelt sich um eine Reklame der Schokoladenfirma Stollwerck, veröffentlicht 1897. Gezeigt wird die Hauptstraße einer Stadt im Jahre 2000.

    Interessant dabei finde ich, dass man einfach davon ausging, dass die Gebäude mehr Stockwerke haben würden, dass man im Prinzip eine geschlossene Blockrandbebauung aus Hochhäusern im Stil der Gründerzeit vorfinden würde.

    Habt Ihr mehr solcher historischer Ansichten oder anderer Formen von Zukunftsvisionen zur Stadt von heute, zur Stadt des 21. Jahrhunderts?

  • Sehr häufiges Phänomen.

    Die gegenständliche Darstellung ist sehr lieblos.

    Die meisten Darstellungen reihen versatzstückartige "fortschrittliche" Verkehrsmittel aneinander, die in ein existentes Stadtbild eingebettet werden.

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    HIer etwas Originelleres:

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    Hier wurde ein realexistierendes Gebäude aus FF reinversetzt.

  • Interessant dabei finde ich, dass man einfach davon ausging, dass die Gebäude mehr Stockwerke haben würden, dass man im Prinzip eine geschlossene Blockrandbebauung aus Hochhäusern im Stil der Gründerzeit vorfinden würde.

    Der Künstler hatte anscheinend wenig Vertrauen in technische Innovationsfähigkeit!

    Die Flugzeuge im Bild sehen aus wie die zeitgenössischen Gleiter von Otto Lilienthal. Ein ganzes Jahrhundert ohne nennenswerten Fortschritt?! Und die Gebäude sind kaum gewagter - nur wenige Jahre später, noch vor dem 1. Weltkrieg, gab es in der Realität bereits die ersten echten Wolkenkratzer.

    In der Schule würde man sagen "bemüht, aber Thema verfehlt".

  • In der Schule würde man sagen "bemüht, aber Thema verfehlt".

    Dann probiere ich es nochmal an dem Beispiel New York, zu dem man leichter solche historischen Visionen findet:

    "New York im Jahre 1999" war eine Illustration von Louis Biederman, veröffentlicht im ,,New York World" im Jahr 1900. Angeblich hat diese Illustration den bekannten Film ,,Metropolis" bedeutend geprägt.

    "Die Zukunft New Yorks" ist eine Postkarte aus dem Jahr 1911/1915/1925 oder auch eine Abbildung eines Buchcovers ("King's views on New York City") aus dem Jahr 1922. Das konnte ich leider nicht abschließend herausfinden aufgrund der Vielzahl solcher Aussagen, welche meiner Erfahrung nach oftmals irrtürmlich bezüglich des tatsächlichen Ursprungs sind.

    Nur zum Vergleich über die Visionskraft:

    So sah New York um 1900 aus. Man erkennt deutlich weniger Brücken und geradezu bescheidene Hochhäuser im Vergleich zur Zukunftsvision und wie es sich heute tatsächlich darstellt.

  • Spannendes Thema! Majorhantines , ursus carpaticus - danke für die Beispiele!

    Der Künstler, der die "Die Zukunft New Yorks" erschaffen hat, hatte aber offensichtlich ebenfalls keine technische Phantasie. Flugzeuge, die "U"-Bahnen und (- nicht gut zu erkennen) wohl auch die Autos scheinen praktisch 1:1 den Stand der Entstehungszeit zu spiegeln.

    Nicht in jedem Künstler steckt ein Jules Verne, der u. a. praktisch punktgenau 100 Jahre vor der Realisierung den ersten Flug zum Mond vorwegnahm.

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  • Ich hatte ja mit einem Schokoladenfabrikanten diesen Strang hier begonnen. Es gibt jedoch eine weitere deutsche Kakaounternehmung, die grafisch das Jahr 2000 sich in einer Reihe an Bildern vorgenommen hat.

    Hildebrand, 1900

    Man erkennt eine Stadt, die vollständig oder in zentralen Bereichen überdacht wurde und so die Flanierenden vor tosenden Unwettern schützt. Diese Vision überrascht wenig, denn zu dieser Zeit entstanden gewaltige Glaspassagen mit Kaufhäusern, auch waren bereits ab den 1850er Jahren große Glaspaläste bekannt, in denen Ausstellungen stattfanden. Das Konzept von überdachten Stadträumen hat sich lediglich in Form der Einkaufszentren - und dann meist gleich als mehrstöckiger ,,Straßenraum" - heute durchgesetzt. Ausnahmen, wie den Bahnhof von Straßburg oder geschlossene Innenhöfe wären eventuell weitere Anknüpfungen. Mit etwas gutem Willen könnte man unterstellen, der Zeichner hat sich auch eine künstliche Beleuchtung der ganzen Stadt vorgestellt. Da sind wir heute deutlich weiter gekommen als bei den Überglasungen.

  • Einige Entwürfe der Revolutionsarchitektur aus dem 18. Jahrhundert kann man hier sicher auch dazu zählen, da sie eher utopisch-visionären Charakter hatten

    Wenn Du das Stichwort ,,utopischer Charakter" lieferst, also aus dem Griechischen 'ou' und 'topos' Nicht-Ort, ein hypothetischer Ort, gleichzeitig als Wortspiel mit 'eu' 'topos' der gute/glückliche Ort, da kommt mir sofort die Renaissance mit ihren utopischen Architekturentwürfen und hier insbesondere, die früheste mir bekannte Darstellung einer Idealstadt:

    Città ideale, ca. 1470, von einem unbekannten Künstler (es wird unterschiedlichen Künstlern zugeordnet, Piero Della Francesca, Melozzo da Forlì, Leon Battista Alberti oder auch Luciano Laurana), heute in der Galleria nazionale delle marche in Urbino

    Man erkennt ein utopisches Stadtbild der Renaissance, mit geometrischem Stadtgrundriss, mit farbigem Marmor in den Straßen, welcher die Struktur und Ordnung der Stadt betont, die Gebäude die sich darauf in regelmäßigen Abständen aufreihen und sich Grundsätzen des Goldenen Schnitts und der Euklidischen Geometrie unterordnen.

  • Wow!

    Ein wirklich sehr schönes Stadtbild. Bitte einen Statiker (- und für die Gestaltung der Grundrisse auch einen Architekten) daransetzen und in eine ausführbare Planung umsetzen lassen. Und bauen. Passt natürlich nicht in die Lüneburger Heide, wäre aber für den Mittelmeeraum oder Lateinamerika bestens geeignet.

    Einziger "Kritikpunkt": Für eine Nutzung der Erdgeschosse für Geschäfte und Restaurants müssten diese mehr Licht (= größere und zahlreichere) Fenster erhalten. Mir ist klar, dass man in der Renaissance rein technisch noch keine großen Fenster herstellen konnte.

  • ...wer lenkt hier wohl dieses Ungetüm ?

    Ist der aus Betrachterperspektive rechte Lenker der Egon?

    P.S.: Interessant finde ich die Konstruktion eines Busses mit 2 aktiven Lenkrädern. Was passiert, wenn die beiden Fahrer nicht absolut synchron steuern?!

  • Film von 1930 "Just Imagine" stellt sich die 1980er vor

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    Berühmt die Stadt aus "Metropolis" 1927 mit dem Turm von Babel

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  • Das Jahr 2440 aus der Perspektive eines Frankreichs 1771:

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    (Disclaimer: Das begleitende Bildmaterial ist eher als ,,frei assoziiert" zu betrachten, Stadtgestalt klingt eigentlich nur in den ersten 10 Minuten an, das Buch scheint mehr einen soziopolitischen Fokus aufzuweisen)

  • Die Idee von Bandstädten taucht immer wieder in der Historie auf als Vision einer Stadt. Es hat daher wohl einen universelleren Anspruch, als man jedem einzelnen Projekt beimessen darf. Daher zähle ich es generalisierend zu Vorstellungen eines Stadtbildes der Zukunft aus der Vergangenheit. U.a. während und nach dem 2. Weltkrieg gab es die Idee für einige zerstörte Städte in dieser Form den Wiederaufbau zu gestalten, was zum Glück nie realisiert wurde. Aktuell bleibt die Vision bis heute, das Projekt The Line ist in Saudi Arabien ja in Bau...

    Eine eigentlich recht umfassende Sammlung an realisierten und fantasiegebliebenen historischen Visionen solcher Bandstädte findet sich in diesem kleinen Videoabschnitt vom Business Insider:

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    Wer sich erstmal an dem Begriff der Bandstadt interessiert wird hier fündig mit weiteren Beispielen:

    Bandstadt – Wikipedia
    de.wikipedia.org
  • Der Typ 2, die "gewachsene Bandstadt", ist ja im Prinzip vielfach in Deutschland in Gestalt des Straßendorfs anzutreffen.

    Sehr ausgeprägt findet man diesen Typus im (Altbayerischen) Donaumoos, südwestlich von Ingolstadt.
    Ein Zentrum im klassischen Sinne gibt es in diesen Dörfern nicht, stattdessen reihen sich die Häuser an den kilometerlangen schnurgeraden Straßen wie an einer Perlenkette auf.

    Königsmoos und Karlshuld seien als Beispiele genannt, aber nahezu jede Siedlung sieht in der Gegend so aus, man fährt durch gefühlt endlose Orte, die dadurch recht groß wirken, hinter den Häusern ist aber zumeist schon Schluss und Wiesen und Felder beginnen.

    Ob das praktisch zum Wohnen ist bezweifle ich, man ist auf jeden Fall sehr auf ein Auto angewiesen, alle Orte des täglichen Bedarfs liegen weit auseinander.

    "Seine Welt zeige der Künstler - die niemals war noch jemals sein wird“

    - Hermann Bahr (Inschrift des Ateliergebäudes der Darmstädter Künstlerkolonie)

  • Der Typ 2, die "gewachsene Bandstadt", ist ja im Prinzip vielfach in Deutschland in Gestalt des Straßendorfs anzutreffen.

    Das macht wahrscheinlich den Reiz dieser Vision aus, dass man sich die Stadt als Dorf vorstellt, wo sowas noch irgendwie funktionieren kann. Es ist in jedem Fall eine Banalisierung der komplexen zweidimensionalen Ausdehnung und Vernetzung. So hoffen offenbar Planer bis heute derart vieles einzusparen, dass die ineffizientere Aneinanderreihung (s. Kommentar v. Achim84) überkompensiert wird.

  • Einen schönen Einblick in die damalige Gedankenwelt bietet das Buch Böhm / Dörge "Unsere Welt von Morgen". Es erschien 1959 zum ersten Mal und hatte einen Prognosezeitraum von 25 Jahren. Einen kleinen Einblick in das Buch bietet die folgende Seite - die Gedanken fanden Eingang in das Mosaik von Hannes Hegen:

    https://www.mosapedia.de/wiki/index.php…Welt_von_Morgen

    Ich habe das Buch als Schüler in den achziger Jahren gelesen. Da konnte man Prognose und Realität so wunderbar vergleichen.

    Ich erstelle mal einen Querverweis.

  • Das Buch "Weltall, Erde, Mensch" enthielt auch ein Kapitel über Zukunftsvisionen.... Atomautos, Schnellbahnen, ferngelenkte Mähdrescher.....

    Dieses Buch wurde jedem "Jugendweihling" der DDR überreicht.