Posts by Mündener

    Zunächst einmal: Ja, es handelt sich im Kern um ein Fachwerkhaus des 13. Jahrhunderts (aus der Zeit erhalten sind zum Beispiel noch die beiden Brandwände, daneben gute Teile der Kernstruktur), aber mit bedeutenden Umbauten des 16. Jahrhunderts, darunter rein zufälligerweise auch quasi die komplette Fassade (der Giebel könnte auch noch etwas jünger sein). Die Farbgebung ist nicht etwa ein Fiebertraum eines durchgeknallten Bauherrn oder Denkmalpflegers, sondern eine Rekonstruktion nach Befund (entweder einer Fassung zeitgleich mit dem Umbau im späten 16. Jahrhundert oder wenige Jahrzehnte später).

    Diese Sanierung ist jetzt noch keine Jahrzehnte her, also ist es nur logisch, dass die Fassung noch keine großen Alterungsspuren aufweist.


    Oder, um es kurz zu fassen: Was erwartest du, was man hier tun sollte? Die Brandmauern und das Fachwerk bis auf das Mauerwerk beziehungsweise die Balken freilegen und dabei alle Fassungsspuren vergangener Jahrhunderte mal eben zu opfern? (Ja, auch an den Brandmauern könnte es noch Spuren vergangener Farbfassungen geben. Sowas gab es auch im 13. Jahrhundert schon - schau dir nebenan den Dom an, dann weißt du, was ich meine.) Sorry, aber du solltest dich in manchen Punkten wirklich mal von deinem englisch geprägten Ästhetikideal freimachen; das führt in solchen Fällen nur zu Absurditäten.

    Über die Fenster kann man freilich reden, die sind nicht der ganz große Wurf, um es nett auszudrücken. Hier wäre sogar eine Wiederherstellung nach Vorbildern des 16. Jahrhunderts machbar, weil die Formate eben noch vorhanden sind (oder wiederhergestellt wurden).

    Was auch für die Sichtbarkeit des Fachwerks in der Umbauphase des 16./17. Jahrhunderts spricht: Man hat die Fußstreben offenbar bewusst so platziert, dass sie das ältere Strebenmuster des Eckbaus fortsetzen. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, wieso man die rechte Fußstrebe so platziert hat, dass der Zapfen am oberen Ende genau an der Blattsasse der Vorgängerstrebe ankommt, was ja technisch ausgesprochen ungünstig ist.

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    Lass uns annehmen weiße Sprossenfester von 1800 wären Original erhalten an einem Gebäude von 1600. Dann würde ich aller Wahrscheinlichkeit noch immer eine Rekonstruktion von Fenstern aus 1600 begrüßen als originale Sprossenfenster von 1800- weil es nach meiner Wahrnehmung besser zum Gebäude passt.

    Das ist schön, dass du das so siehst. Zum Glück sieht die Denkmalpflege das anders, denn sonst würden wir eine Menge historischer Fenster nicht nur des 19. Jahrhunderts zugunsten fragwürdiger Rekonstruktionen opfern.

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    Ich habe Grund zum Zeifel. Ich reite ja nicht ohne Grund ununterbrochen auf den weißen Sprossenfenstern herum. Das Ganze kommt von dem, was ich so sehe in der Welt.

    Dann schau dich doch mal genauer um. Auch in deinem geliebten Lavenham sieht der typische Straßenzug nun einmal eher so aus, und dort wurden noch vergleichsweise viele Fenster nach Vorlagen des 16./17. Jahrhunderts rekonstruiert.

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    Ein Sash-Window hat daneben viele kleine Glasscheiben, ganz ähnlich wie in Holland. Die Feingliedrigkeit allein macht schon mehr her.

    Ein Sash-Fenster ist zunächst einmal nur ein zweiteiliges Fenster mit einem vertikalen Schiebeelement. Die gibts auch in ganz einfach, mit nur zwei ungeteilten Scheiben (die waren insbesondere in den USA ab dem späten 19. Jahrhundert sehr beliebt). In England sind aber eher Formen mit 6-9 Scheiben pro Element übrig. Moderne Ausführungen wie Wiener Sprossen ohne Glasteilung gibt es auch dort.

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    Lavenham ist jedem FW-interessierten Engländer ein Begriff.

    Das ist auch gut so. Aber...

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    Strümpfelbach? Kennt keine Sau. Zudem, wenn man mal das Rathaus außen vor lässt- die Masse der Fachwerkhäuser sehen aus wie Regelbauten. Du könntest nicht unterscheiden, ob es sich um ein Haus in Strümpfelbach handelt oder in einem anderen FW-Ort mit fränkischem FW.

    diese Aussage zeugt maximal von eigener Ignoranz, nicht von den tatsächlichen Umständen. Würdest du dich in dem Bereich etwas besser auskennen, dann wüsstest du, dass der genannte Ort einen der bedeutendsten frühneuzeitlichen Fachwerkbestände Süddeutschlands aufweist mit einem fast geschlossenen Ortsbild des 16. Jahrhunderts. Und bei solchen Bauten zu behaupten, sie hätten keinen Wiedererkennungswert, ist schlicht albern.

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    Ich weiß nicht ob du mal in Lavenham warst aber das Gildehaus, die Little Hall, Crooked House sind alles Unikate mit Wiedererkennungswert.

    War ich leider noch nicht. Aber vergleiche die genannten Bauten mal mit den Häusern in der Stony Lane in Thaxted, der Stour Street in Sudbury oder dem Paycocke's House in Coggeshall. Klar, Wiedererkennungswert haben die Bauten aus Lavenham, aber einzigartig sind sie nicht.

    Und damit bin ich auch raus, die Vergleicherei will ich mir nämlich ersparen, weil sie in der Sache nix bringt.

    Es gibt bei der grundsätzlichen Frage kein Schwarz und Weiß.

    Es wurde im Mittelalter viel Mauerwerk verputzt, einfach aus Gründen des Witterungsschutzes (der ja besonders bei exponierten Bauwerken wie Burgen interessant wird), aber auch als Grundlage für farbige Fassadendekorationen, ABER:

    1. Es gab Materialien, deren Oberflächenqualität in der Regel als hochwertig genug betrachtet wurde, um sie unverputzt sichtbar zu lassen, aus welchem der obengenannten Gründe auch immer. Dazu zählen diverse Natursteinarten (meist Buntsandsteine), aber teilweise auch Backstein. Ein Beispiel, das die Denkweise dahinter schön illustriert, ist der Bergfried der Burg Virnsberg in Mittelfranken. Der untere Teil wurde im 13. Jahrhundert aus Buntsandstein mit Buckelquadermauerwerk errichtet und nie gefasst oder verputzt (ist bei Buckelquadern auch nicht sehr sinnvoll). Die Aufstockung des 15. Jahrhunderts wurde aus Bruchsteinmauerwerk errichtet, dann aber verputzt, im Farbton des Sandsteins der Buckelquader gestrichen und mit Quaderimitationsmalerei versehen. Man wollte also offenbar die Optik des älteren, hochwertigen Mauerwerks fortsetzen. Als Anschauungsobjekt für die historische Qualitätsbeurteilung des Materials können Wandmalereien im Inneren der Bauwerke dienen - sind diese direkt auf das Mauerwerk gemalt (so etwa im Bamberger Dom oder in der Kirche von Schöngrabern, lustigerweise sogar auf Backstein zu finden in der Fröttmaninger Kirche), dann wurde das Mauerwerk als Sichtmaterial eingestuft und ist auch außen mit einiger Wahrscheinlichkeit offenliegend anzutreffen.

    Auch im Backsteinbau sind oft nur Teile der Fassaden aus gestalterischen Gründen verputzt. Im norddeutschen Raum sind das regelmäßig zurückliegende Blenden, deren Putzflächen dann auch mit Malereien dekoriert sein konnten (Reste davon haben sich z.B. am inneren Torbau der Burg Stargard aus dem 13. Jahrhundert oder am Haus Ritterstraße 86 in Brandenburg an der Havel aus dem 15. Jahrhundert erhalten). In der bayerischen Backsteingotik gibt es Vergleichbares - besonders typisch sind die auf Putz gemalten Maßwerkfriese der spätgotischen Landshuter Bauschule, die es im Inntal sogar auf Tuffstein gibt, aber auch weiß geputzte Fensterlaibungen kamen vor (von mir gesehen u.a. an den im 15. Jahrhunderts beim Anbau der Seitenkapellen vermauerten Seitenschifffenstern der Landshuter Jodokkirche aus dem 14. Jahrhundert, kann da leider kein Bild verlinken). Für die hohe Wertschätzung des Backsteins als Sichtmaterial - wenn hochwertig gemauert - spricht auch, dass teilweise außerhalb der üblichen Verbreitungsregionen Backstein bei repräsentativen Bauten zum Einsatz kam (etwa bei der ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftskirche in Altenburg, genannt Rote Spitzen). Gleichzeitig gibt es Backstein im Spätmittelalter aber auch in rein technischen Anwendungen, wo die Sichtqualität als fraglich eingestuft werden kann, etwa als (Entlastungs-)bogen in Natursteinmauerwerk (so am Herzogskasten in Kelheim oder am Kloster Gnadenberg, beide 15. Jahrhundert)

    2. Putz ist nicht gleich Putz. Es gibt ihn in verschiedenen Anwendungs- und Qualitätsformen, teilweise sogar am gleichen Bauwerk zu finden. Häufig sind zum Beispiel geputzte Fenster- und Türfaschen mit hochwertiger Oberfläche, geeignet für Bemalungen. Diese müssen aber nicht zwangsläufig mit einem flächigen Verputz der gesamten Fassade einhergehen. Gänzlich unverputzte Fassaden mit Faschen sind zwar selten, aber zu finden (etwa am Schloss Korb in Südtirol). Üblicher sind grobe Fassadenputze mit ergänzenden fein geputzten und teils bemalten Faschen (etwa am alten Bischofshof in Brixen aus dem frühen 14. Jahrhundert, oder am Bergfried der Burg Neuhaus an der Donau aus dem späten 14. Jahrhundert). Schließlich können Faschen auch bei einem vollflächig hochwertigen Putz noch für zusätzliche Dekoration als zweite Putzschicht aufgesetzt werden (besonders beeindruckend ist hier das Beispiel der Pfarrkirche Hohenwarth bei Krems in Niederösterreich, wo sich ein Zusammenspiel aus Fassadenputz mit Bemalung und zusätzlich aufgeputzter Fasche mit eigener Bemalung aus dem 14. Jahrhundert erhalten hat. Trägermauerwerk ist hier ein eher grobes Bruchsteinmauerwerk).

    Das besonders seit dem 19. Jahrhundert sehr beliebte Freilegen einzelner großformatiger Steinbauteile in einer ansonsten verputzten Fassade (besonders beliebt bei Eckquaderungen oder Tür-/Fenstergewänden) war übrigens vorher gänzlich unüblich. Im Zweifel wurde eher flächig verputzt und dann gemalte Quader angebracht - Beispiel aus Mauterndorf, 15. Jahrhundert.

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    Hätte man vielleicht auch etwas mehr alte Bausubstanz integrieren können....

    Ich sehe das Problem nicht. Es ist ja schon klar, dass das Vorher-Bild die Straßenseite und das Bild im Artikel die Hofseite zeigt, oder?

    An den Fassaden wurde nichts geändert, abgesehen davon, dass die furchtbaren Kunststofffenster und Metalltüren durch Holzfenster und -türen nach Vorlagen aus der Bauzeit der Schule ersetzt wurden (soweit der Artikel, die Gauben wurden offenbar auch im gleichen Sinne erneuert).

    Das ist gerade bei sensiblen Bauten wie Schulen mit sehr hohen Auflagen an Brandschutz etc. schon ein deutlicher Beweis für Gestaltungswillen im positiven Sinne.

    Also wenn ich sehe, wie „gut“ KI schon bei Telefonhotlines „funktioniert“, dann bin ich doch sehr froh über das „lahme Europa“, wo noch ein echter Mensch für das Funktionieren meines Bauvorhabens verantwortlich ist.

    Aber im Ernst: Glaubt ihr wirklich, Architekten hätten berufsbedingt keinen Geschmack, und selbst eine „KI“ könne es besser? Mängel in der Ausbildung und ähnliches geschenkt (ich habe diese selbst erfahren dürfen), aber die Gestaltung von Gebäuden wird schon, bevor der Entwurf überhaupt beginnen kann, von so vielen ungünstigen Faktoren beeinflusst, auf die der Architekt keinerlei Einfluss hat - z.B. restriktive Gestaltungsvorgaben (Bebauungspläne etc.). Und am Ende ist der Architekt in aller Regel Vollstrecker des Bauherrnwillen, und da würde ich den Großteil schlechter Gestaltungen sehen. Viele Bauherren interessiert nur sehr bedingt, wie gut das Objekt ins Ortsbild passt, insbesondere bei Renditeobjekten, die nicht der eigene Wohnsitz werden sollen.

    Da die Leistung eines Architekten neben dem Entwickeln einer hübschen Fassade auch den dazugehörigen Grundriss, dessen konstruktive Korrektheit, Anpassung an teils nicht mal korrekt kodifizierte Baugesetzgebung, Umgang mit Behörden, Ausschreibung, Bauleitung, Firmen- und Bauherrenbetreuung umfasst, mache ich mir wegen Fassadenskizzen einer KI recht wenig Sorgen.

    Oder anders gesagt: Die KI, die die Sanierung eines hochkomplexen, statisch schwierigen Altbaus plant, ausschreibt und bauleitet, die ist wohl noch lange Zukunftsmusik.

    Nur für recht kurze Zeit hatte Bamberg eine Straßenbahn. 1897 eröffnet, wurde der Betrieb schon 1922 „vorläufig“ eingestellt wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit. Der Betrieb wurde nicht wieder aufgenommen, die Gesellschaft 1929/30 liquidiert, Schienen und Oberleitungen demontiert und verschrottet, die Wagen nach Würzburg verkauft. Heute erinnern nur noch die schönen gusseisernen Oberleitungsrosetten, die man überall in der Innenstadt finden kann, an die damalige Straßenbahn.

    Bamberg Straßenbahn Oberleitungsrosette

    Ich würde ergänzen, dass es in Regensburg vor allem im Mittelalter durchaus nicht wenig Holzbauten gab, allerdings in der absoluten Mehrzahl Bohlenständerbauten und nur in ganz wenigen Ausnahmen Fachwerk. In jedem Fall mussten sämtliche Holzbauten seit etwa 1330 per Verordnung aus Brandschutzgründen mit Ziegelplatten beschlagen und verputzt werden, wobei die so entstandenen Fassaden häufig reich bemalt wurden, wie unter anderem am Keplerhaus nachgewiesen werden konnte. Neu- und Umbauten der Renaissance und des Barock sind vor allem im Kontext einer sehr dünnen und zu erheblichen Teil aus Reichtagsgesandten bestehenden Oberschicht zu suchen, wie das erwähnte Palais Löschenkohl oder die Fassadenumgestaltung des Altdorferhauses. Und auch der barocke Neubau des Rathaus-Osttrakts lässt sich nicht ohne den Reichstag erklären. Ansonsten war Regensburg eine Stadt, die ihre wirtschaftliche Bedeutung schon im 15./16. Jahrhundert stark eingebüßt hatte und ihren absoluten Tiefpunkt im frühen 19. Jahrhundert als einfache bayerische Provinzstadt hatte.

    Dann habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Selbstverständlich beinhaltete der ursprüngliche Plan keine Wölbung - fast ein wenig ungewöhnlich im späten 12. Jahrhundert, wo man in Speyer schon hundert Jahre zuvor die ursprünglich nicht vorgesehene Einwölbung nachholte.

    Wobei man in Bamberg ja ironischerweise mitten im Langhaus den Plan gewechselt hat und für den Einbau eines unverkennbar frühgotischen Gewölbes diverse Obergadenfenster wieder vermauert hat (die vierteilige Wölbung im gebundenen System ließ nur ein Obergadenfenster pro Langhausjoch zu). Das ursprünglich geplante Langhaus ohne die recht schwer geratene Wölbung und mit erheblich mehr Fenstern wäre in seiner Raumwirkung möglicherweise sogar näher an Laon gewesen.

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    Die Kirche sieht echt schick aus. Sie ist ein Blickfang. Keine Massenware.

    Ironischerweise ist sie genau das - ein Typenentwurf für Notkirchen, entwickelt vom Architekten Otto Bartning:

    Was aber nicht heißen soll, dass die Bauten nichts Individuelles an sich haben. Denn einerseits sah der Entwurf kein festgelegtes Material für die Außenwände und keine feste Turmform vor, wodurch regionale Eigenheiten - hier eben Backstein oder der freistehende Glockenstapel - einflossen. Und andererseits wurden die Bauten auch immer wieder durch besondere Details bereichert, hier etwa die Türrahmung.

    Kleine Anmerkung: Ich würde für die geraden Stürze der Fenster und der unteren Loggien echte scheitrechte Stürze verwenden, statt der perfekt senkrecht gestellten Ziegel. Wäre in der baulichen Umsetzung zwar teurer (und der Maurer muss es können), aber sonst landest du schnell beim Ziegelflachsturz mit Riemchen als Verblendung mit sehr begrenzter Wertigkeit und Lebensdauer.

    Und der Realist in mir kann sich die Frage nicht verkneifen: Reichen die Brüstungshöhen der Loggien nach aktueller Baugesetzgebung, oder darf man da mit Brüstungsstangen rechnen?

    Ich wollte damit nicht sagen, dass ein Gebäude nach 60 Jahren in seinem Bestand gesichert wäre - wir werden hier fortlaufend mit Gegenbeispielen beworfen. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass es bis dahin die übliche Phase großer Abneigung (die Mode von Gestern) überstanden hat.

    Und der letzte Punkt ist für mich der Hauptgrund, wieso es in begründeten Ausnahmefällen möglich sein sollte, jüngere Bauten unter Schutz zu stellen. Denn heute wird in der Regel in Form großer Kampagnen saniert - Kernsanierung, all den altmodischen Kram raus etc. Und das ist auch für bedeutende Bauten des späteren 20. Jahrhunderts, egal welcher Stil, stets ein Risiko.