Stuttgart, ach Stuttgart ... Als es mich vor knapp 30 Jahren in diese Stadt verschlagen hat, war ich (als Oberschwabe, der ich fast ausschließlich komplett heile Stadtbilder gewohnt war) erst einmal traumatisiert von diesen brutalen städtebaulichen Brüchen - u.a. und v.a. von dieser geradezu absurd überdimensioniert durch die Stadt gehauenen Hauptstätter Straße (deren Name übrigens nichts mit einer "Hauptstadt" zu tun hat, sondern mit der "Statt" wo früher die Stadt Übeltätern die "Häupter" abschlagen ließ ... was diese Magistrale auch nicht sympathischer macht).
Mittlerweile hat sich das alles relativiert ... und möglicherweise leide ich auch an einer Art städtebaulichem Stockholm-Syndrom, was wiederum vielleicht damit zu tun hat, dass ich zwischenzeitlich meine Kinder hier großgezogen habe - und insofern die Stadt und ihre Vorteile auch schätzen (vielleicht sogar ein bisschen lieben) gelernt habe.
Und die liebenswerten Seiten gibt es - auch architektonisch - durchaus. Letzes Wochenende bin ich z. B mal wieder Eis schlotzend vom Marienplatz zum Schlossplatz spaziert, entlang der Tübinger Straße. Ehrlich: Man hat den Eindruck, man geht durch eine südliche Metropole ... Viele Straßen-Cafés. Kneipen. Durchaus sehr viele Altbauten (überhaupt hat der Stuttgarter Süden, auch z. T. der Westen sehr viele Altbauten). Viel Leben. Die kreuzende, grässliche Paulinenbrücke fällt da kaum auf. Dann weiter in die Eberhardstraße, dann ins (oben erwähnte, glücklich erhaltene) Geißstraßenviertel (wo das Leben noch mehr pulsiert), vorbei am (teilerhaltenen) Rathaus, über den Marktplatz, vorbei am Breuninger (kurz die Augen zumachen), dann aber an Markthalle und Altem Schloss vorbei auf den grandiosen Schlossplatz.
Und dann gehört zur Stuttgarter Wahrheit eben auch: Geht man die gleiche Strecke 100 m weiter südlich entlang der oben erwähnten Hauptstätter Straße fühlt man sich wie in einer städtebaulichen Dystopie, man wird spätestens beim Österreichischen Platz depressiv und flüchtet dann auf Höhe Rathaus in die U-Bahn, um suizidalen Anwandlungen zu entgehen ...
Will euch aber auch nicht langweilen.
Nur kurz noch zur Sache: Stuttgart plant tatsächlich, die Hauptstätter Straße zu verschmälern auf deutlich weniger Fahrspuren und die frei werdenden Ränder baulich ansprechender zu gestalten, zumindestens gab es mal einen entsprechenden Wettbewerb, einen 1. Platz und Absichtsbekundigungen. Was in einer Stadt wie Stuttgart natürlich GANZ BESTIMMT NICHT heißt, dass man hier auf irgendwelche Rekonstruktionen hoffen dürfte - was wiederum der Part ist, der mich hier manchmal zur Verzweiflung treibt ...
Gleichzeitig wäre die Umsetzung auf jeden Fall - auch bei einer moderat modernen Umsetzung - für die Stadt städtebaulich ein riesen Gewinn, da dadurch das kleine Geißstraßenviertel und das größere Leonhardsviertel, das tatsächlich ein fast komplett erhaltenes, echtes Altstadtviertel ist, enger zusammenrücken könnten und (so die Träumerei) vielleicht endlich wieder als zusammengehörige Altstadteinheit wahrgenommen werden können.
Naja, und dann doch wieder etwa Nesenbach-Wasser in den Wein: Bisher handelt es sich bei dieser Planung tatsächlich nur um einen "Plan" bzw. eine städtebauliche Absicht. Machbarkeitsstudien stehen noch aus, die Finanzierung ist auch noch unsicher ... schließlich schwimmt auch Stuttgart mittlerweile nicht mehr im Geld.
ABER: Solange ich hier lebe (könnten mit Glück vielleicht nochmals ein paar Jahrzehnte werden) geb ich die Hoffnung nicht auf ... Und vielleicht (ganz vielleicht) ändert sich der Wind hinsichtlich dem Thema Rekonstruktionen ja doch noch irgenwann ... zumindest ein ganz kleines bisschen ... auch hier im (ja, z.T. auch schönen) Stuttgart ... 