Posts by Pagentorn

    Abschied vom Essighaus - Teil 2

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    Die Chance, das alte – wahre – Bremer Essighaus wiederzugewinnen, ist mit der Fertigstellung des Neubaus nun auf Jahrzehnte hinaus verbaut. Wo einst die Seele Bremens in kunstvoll behauenem Stein der Weserrenaissance atmete, blicken wir heute nur noch auf die ernüchternde Austauschbarkeit der Gegenwart. Das historische Essighaus ist endgültig zu einem bloßen Geist der Geschichte geworden. Vergessen sind die Tage, an denen die Pracht des Originals die Menschen in der Langenstraße staunend verweilen ließ. Darum bleibt uns heute nur noch ein wehmütiger Blick zurück. Wir können, mit den Worten des Bremer Dichters Arthur Fitger, nur jene weitsichtigen Persönlichkeiten loben, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das alte Haus originalgetreu wiederherstellten. Sie schufen nicht nur einen kulinarischen Anziehungspunkt in Bremen, sondern einen Ort des Geistes und der Begegnung. Hier kreuzten sich einst die Wege von Weltruhm und hanseatischer Lebensart, wie Gäste vom Range eines Königs Albert von Sachsen, Sigmund Freuds und Thomas Manns bewiesen. Nun, beweinen wir nicht nur den Verlust, sondern freuen wir uns im Stillen darüber, dass Bremen dieses Haus seinerzeit überhaupt haben durfte. Es bleibt die leise Hoffnung auf eine ferne Zukunft: Unsere Nachfahren werden hoffentlich dereinst klüger sein und sich die alte Pracht des Originals zurückholen.

    Und nun lassen wir Arthur Fitgers Gedicht sprechen…

    Essighaus

    (von Arthur Fitger)


    Errichtet wurde dies Gebäude

    In Zeiten heller Künstlerfreude,

    da Gold und Farbenüberschwang

    Verschwend’risch sich um Säul und Bogen schlang.

    Und Formenreichtum wundervoll

    Aus unermessnem Füllhorn quoll:

    Preis sei dem Meister immerdar,

    der solcher Schönheit Schöpfer war.


    Doch auf die schöne Blütezeit

    Hat graue Winternacht geschneit,

    bis unser Kunst im Staub verscharrt

    und in Philistertum erstarrt

    da lag beraubt, verdorben

    entstellt, geschmäht, verstorben,

    und als alleinig Ideal

    Nur Winkel herrscht und Lineal.

    Und dieses Hauses heitre Pracht

    Erlebte wie man Essig macht.


    Doch abermals im Zeitenlauf

    Tat unser Aug sich wieder auf

    Und sah, welch hohe Majestät

    Kurzsichtig wir als Zopf geschmäht.

    Schon wollte man den Bau versetzen

    Zu Kensingtons Museumsschätzen

    Da hielten Einsicht, Geld und Glück

    Das alte, liebe Haus zurück;

    Und was ein Essighaus gewesen,

    zum Weinhaus ward es auserlesen.


    Und eines neuen Meisters Hand

    Setz‘ es aufs neu in alten Stand

    Mit Farb‘ und Lichtgefunkel –

    Prost! Meister Albert Dunkel !

    Ihr aber, die mit durstigen Kehlen

    Euch in Priölken schart und Sälen,

    denkt bei dem Wandel dieser Dinge:

    „Und wenn die Welt zum Teufel ginge

    In essiggrauer Nüchternheit,

    Auch Essigbraun hat seine Zeit

    Trinkt aus! Schenkt ein!

    Und schließlich siegt der Wein.

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    Ein Bremer Glanzstück: Die Hutfilterstraße

    Ach, ist sie nicht ein wahres Prachtstück geworden, unsere heutige Hutfilterstraße? Ein ästhetischer Offenbarungseid in Beton und Glas. Quadratisch, praktisch, gut – so lautet das Mantra, das uns endlich von der Last der Ästhetik befreit hat. Warum sollte man auch einen Quadratmeter verschwenden, wenn man ihn in pure, glänzende Rendite verwandeln kann?

    Hier wurde wirklich jede Fläche mit chirurgischer Präzision ausgenutzt. Schönheit? Menschliches Maß? Bitte, verschonen Sie uns mit diesem kostenintensiven Schnickschnack von gestern. Wer braucht schon Atmosphäre, wenn er stattdessen maximale Flächeneffizienz haben kann?

    Ein besonderes Lob gebührt dem Moment, als wir vor einigen Jahren endlich den letzten störenden Altbau auf der linken Seite getilgt haben. Das alte Gebäude der Reederei Dettmer – Gott sei Dank ist dieser sentimentale Staubfänger weg! Ersetzt wurde er durch einen wunderbar hippen, selbstredend total asymmetrischen Neubau. Das gehört sich heute schließlich so, das ist Ehrensache für jeden modernen Stadtplaner, der etwas auf sich hält.

    Und was war das noch gleich? Die europäische Bautradition? Klingt wie eine exotische Vorspeise. Kann man das essen? Oder lässt sich das wenigstens steuerlich abschreiben? Falls nicht, kann es ja wohl nicht so wichtig sein.

    Kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit dem Argument, das Auge wolle auch etwas haben. Werden Sie mal nicht sentimental! Wir sind hier schließlich in der Moderne und nicht im Museum. Das gilt erst recht für so einen alten Kirchturm. Wer braucht im Zeitalter der Gewinnoptimierung bitteschön noch Kirchen? Wir doch ganz sicher nicht. Wir beten heute am Altar der Wirtschaftlichkeit – und der ist glücklicherweise vollkommen schmucklos.

    Natürlich dürfen wir bei diesem städtebaulichen Triumphzug die Hauptdarsteller nicht vergessen: unsere Weitblicker aus Politik und Verwaltung. Ohne deren unermüdlichen Drang zur Selbstverleugnung wäre dieses Beton-Ensemble niemals möglich gewesen.

    Mit der Entschlossenheit eines Abrissbaggers haben sie jedes Fünkchen Gestaltungswillen gegen die reine Verwaltungslogik eingetauscht. Es ist schon eine Kunst für sich, wie hier der rote Teppich für Investoren ausgerollt wurde, während man den Bürgern gleichzeitig das Märchen von der „urbanen Aufwertung“ erzählte. Da saßen sie in ihren Ausschüssen, die Herren und Damen der Genehmigungsbehörden, und haben mit fast schon religiösem Eifer jeden Entwurf durchgewinkt, solange er nur glatt, gesichtslos und pflegeleicht genug war.

    Man muss es ihnen lassen: Diese Gabe, architektonische Belanglosigkeit als „mutige Moderne“ zu verkaufen, ist wahrlich reif für einen Orden. Während man in den Amtsstuben wahrscheinlich heute noch feiert, dass man sich nicht mit lästigen Denkmalschützern oder gar ästhetischen Grundsatzfragen herumschlagen musste, stehen wir nun hier und genießen das Ergebnis dieser fruchtbaren Symbiose aus politischer Visionslosigkeit und behördlichem Abnick-Reflex. Ein Hoch auf die Bürokratie, die es geschafft hat, die Seele der Straße erfolgreich wegzusanieren!

    Quo usque tandem abutere patientia nostra?


    Potsdam kann einpacken: Der Bremer Vier-Türme-Blick (oder: Als die Altstadt noch Rückgrat hatte)

    Hand aufs Herz: Während man in Potsdam stolz auf seinen „Drei-Türme-Blick“ verweist, legten wir Hanseaten diskret noch eine Schippe – oder besser: einen Turm – drauf.

    Schauen wir uns dieses Panorama mal an: Ganz links grüßt der Turm von St. Martini. Ja, genau die Kirche, in der Pastor Olaf Latzel heute für Schlagzeilen sorgt, die bis nach Bayern hallen.

    Dann das eigentliche Dream-Team der Bremer Mitte: Der stolze Turm von St. Ansgarii und – als eleganter Gegenspieler – der Turm des Lloydgebäudes. Sie gaben der mittleren Altstadt nicht nur optischen Halt, sondern auch eine Identität, die man nicht erst im Stadtmarketing-Prospekt suchen musste. Wer genau hinsieht, entdeckt im Hintergrund sogar noch die spitze Haube von St. Stephani. Ein „Vier-Türme-Blick“ also! Ein architektonisches Quartett, das heute leider eher einem Solo für Parkhaus-Tristesse und „investorengerechte“ Beliebigkeit gewichen ist.

    Man möchte fast den alten Kapitänen nacheifern und laut gegen den Wind rufen: „Reißt das Beton-Einerlei ab, wir wollen unsere Türme zurück!“ Denn mal ehrlich: Ein bisschen mehr hanseatische Dominanz in der Skyline würde uns heute auch ganz gut zu Gesicht stehen, oder? ;)

    Das Bollwerk der Daten-Dandys: Wie man in Potsdam Geschichte(n) aussitzt

    Potsdam ist um ein Weltwunder reicher – nicht das Sanssouci-Ensemble, sondern das „Wunder vom Rechenzentrum“. Hier vollzieht sich ein zäher, epischer Widerstand, der in die Annalen der aktivistischen Folklore eingehen wird. In einem architektonischen Juwel aus feinstem DDR-Stahlbeton haben sich mutige Streiter verschanzt, um das Unaussprechliche zu verhindern: den Wiederaufbau eines Kirchenschiffs.

    Es ist eine taktische Meisterleistung. Unter dem Tarnmantel des „Kreativzentrums“ – ein Begriff, der so dehnbar ist wie die Wahlversprechen der lokalen Stadtväter – wurde eine strategische Enklave geschaffen. Wo früher Lochkarten sortiert wurden, wird heute mit derselben Präzision an der Verhinderung von Sichtachsen gearbeitet. Man malt, töpfert und „wirkt“, doch das eigentliche Kunstwerk ist die Immobilisierung der Stadtplanung.

    Ermöglicht wurde dieses Heldenepos durch eine Spezies von Politikern, deren Rückgrat so flexibel ist, dass sie sich mühelos in jede Nische zwischen linkem Wählerpotential und bürgerlichem schlechtem Gewissen biegen können. Mit dem ängstlichen Blick auf die nächste Wahlurne und der Panik vor einem bösen Tweet haben sie die Tore geöffnet. „Kreativwirtschaft“ klingt eben auch viel besser als „besetztes Amtshilfe-Refugium“.

    Nun sitzen sie dort, die Wächter der Tristesse, und verteidigen tapfer jeden Quadratmeter Auslegeware gegen den drohenden Barock. Es ist ein rührendes Bild: Während draußen der Kirchturm unverschämt in den Himmel wächst, drinnen die Heizung auf Kosten der Allgemeinheit summt, wird im „Kreativ-Exil“ der Untergang des Abendlandes (oder zumindest der Potsdamer Mitte) durch zu viel Ästhetik heraufbeschworen.

    Man darf gespannt sein, wer zuerst nachgibt: Die Statik des maroden Betonklotzes, die Geduld der Steuerzahler oder die Biegsamkeit der Entscheidungsträger, die händeringend nach einer Ausrede suchen, warum das Provisorium nun doch zum Denkmal für die Ewigkeit erklärt werden muss.

    Zeiger einer sehr speziellen Sonnenuhr

    Endlich hat es jemand begriffen! Während ignorante Kritiker noch darüber rätseln, was uns dieser grazile „Südpfeil“ an der betonverliebten Spree-Ostfassade des Humboldt Forums eigentlich sagen will, liegt die Wahrheit doch so nah: Es ist die wohl teuerste und präziseste Sonnenuhr der Berliner Geschichte.

    Man muss die moderne Rasterfassade einfach nur als das sehen, was sie ist – eine temporäre Platzhalter-Tapete, ein ästhetisches „Hier könnte Ihre Renaissance stehen“. Der Pfeil ist dabei kein profaner Architektur-Schmuck, sondern ein hochkomplexes chronometrisches Instrument. Er misst nicht etwa banale Stunden, sondern das metaphysische Verstreichen der Zeit bis zur Unvermeidbarkeit des Ostflügel-Revivals.

    Jedes Mal, wenn der Schatten des Pfeils über die rechtwinklige Öde der Ost-Fassade wandert, flüstert er uns zu: „Geduld, meine Freunde. Mit jedem Sonnenstrahl bröckelt ein winziges Stückchen Sichtbeton-Ideologie.“ Es ist eine astronomische Rückwärtsterminierung. Sobald der Schattenwurf den perfekten Winkel zwischen historischer Sehnsucht und spendenfinanzierter Rekonstruktionswillen erreicht, wird sich die Spreefront vermutlich wie von Geisterhand häuten.

    Unter der spröden Schale der Moderne werden dann – wie bei einem gut gereiften Käse – die prächtigen Renaissance-Teile, das Herzoginnen-Haus und der Grüne Hut zum Vorschein kommen. Der Pfeil ist also kein bloßes „Kunst am Bau“-Alibi, sondern der Zeiger einer gigantischen Sanduhr, in der statt Sand nur der feine Staub von Abrissbirnen rieselt.

    Wir müssen also nur lange genug in der Sonne stehen bleiben. Wer braucht schon Denkmalschutz oder architektonische Diskurse, wenn er eine Sonnenuhr hat, die so verlässlich die Ewigkeit bis zur Rückkehr des Alten anzeigt? Ein Hoch auf den Südpfeil – den einzigen Wegweiser in eine schöne Zukunft.

    Ironie off...

    Der Verlust einer feinen Linie: Das ovale Fenster im Entresolgeschoss des Essighauses

    Es sind oft die kleinen, filigranen Details, die einer Fassade Seele verleihen – und beim neuen Essighaus im Herzen Bremens wird ein ganz besonderer Anblick fehlen. Der Blick durch das durchbrochen gearbeitete, ovale Fenster im Entresolgeschoss, das einst ein wahres Schmuckstück der Weserrenaissance-Fassade war, gehört der Vergangenheit an. Seine filigrane Ausarbeitung, die kunstvoll durchbrochene Struktur, verlieh dem Zwischengeschoss eine grazile Leichtigkeit und setzte einen markanten, ästhetischen Akzent. Warum man sich wohl gegen die durchbrochene Ausführung entschieden hat?

    (Bild eigener Archivbestand, digital überarbeitet.)

    TV-Fund belegt nachträgliche Planänderung beim Entresol-Schmuck

    Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die Entscheidung, auf die Schmuckelemente an den Pilastern der Utluchten sowie in den Zwickeln des ovalen Oberlichts im Entresol zu verzichten, erst in einer späten Planungs- oder Bauphase gefallen sein muss. Ein entscheidendes Indiz hierfür liefert ein von den für den Neubau verantwortlichen Architekten erstellter Fassadenaufriss, der 2024 im Rahmen eines Berichts des Lokalfernsehens der Öffentlichkeit präsentiert wurde. In dieser detaillierten Darstellung sind die dekorativen Applikationen noch klar verzeichnet. Dass diese Elemente in der finalen Ausführung fehlen, deutet auf eine nachträgliche Planänderung hin – sei es aus ästhetischen Erwägungen, zur Straffung der Formensprache oder aufgrund von wirtschaftlichen Anpassungen während der Bauausführung. So oder so, auf jeden Fall bedauerlich!

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    Hier der nicht mehr lange gültige Link zur Fundstelle (min. 03:11):

    Wie ein Bauprojekt für einen Bremer Architekten ganz persönlich wurde - buten un binnen
    Erst beim Neubau des Essighauses erfährt Architekt Stephan Kohlrausch, dass seine Großeltern im früheren Prachtbau geheiratet haben. Für ihn ist das Bauprojekt…
    www.butenunbinnen.de

    Die Herme als Zeugin eines Kurswechsels

    Wenn die Denkmalpflege die Herme im "ruinösen Zustand als nicht unter Wetter wiedereinbaufähig eingestuft" haben sollte, dann ergibt sich die interessante Frage, wann denn diese Einstufung erfolgt ist ? Sicherlich nicht im Zuge der aktuellen Bauarbeiten, da die Spolie von vorneherein im Innern des Neubaus Aufstellung finden sollte. Es besteht fast kein Zweifel, dass die Einstufung tatsächlich unter Baurat Ulrich in den 1950er Jahren getätigt wurde, als die Rekonstruktion der historischen Fassade in Planung war oder bereits begonnen hatte. Die Ergänzung des ruinösen Zustands der Herme hätte dann eindeutig dazu gedient, dieselbe wieder „wetterfähig“ zu machen. Und da die Spolie ihren historischen Sitz in der Etage über dem Entresol hatte, belegt ihre Ergänzung, dass man in der Bauhütte zu diesem Zeitpunkt noch fest mit der Wiederherstellung der gesamten Fassade in voller Höhe bis hinauf zum obersten Obelisken rechnete und entsprechend vorbereitende Arbeiten durchführte.

    Und damit gerät nun die entscheidende Frage ins Blickfeld: Wieso der plötzliche Baustopp nach Abschluss des Untergeschosses. Dass man die mühsam für den originalgetreuen Einbau vorbereitete Spolie letztlich im Inneren des Gebäudes 'parkte', deutet auf einen radikalen Kurswechsel hin. Ob finanzielle Erschöpfung, ein ideologischer Umschwung gegen die Rekonstruktion oder der Verlust politischer Fürsprecher dabei den Ausschlag gab, bleibt einstweilen offen.

    Soweit ich das übersehen kann, ist dieses Detail bisher weder publik gemacht worden noch jemandem aus der interessierten Öffentlichkeit aufgefallen. Der Bereich des Neubaus, in dem sich diese Spolie befinden dürfte, ist zudem aufgrund der andauernden Bauarbeiten noch garn nicht für Besucher zugänglich.

    Die historischen Spolien des Bremer Essighauses befinden sich im Privateigentum von Dr. Johann Christian Jacobs, unterliegen jedoch einer strikten denkmalrechtlichen Bindung. Obwohl er rechtmäßiger Besitzer der Fragmente ist, darf er nicht frei über sie verfügen: Die Bremer Denkmalpflege schreibt vor, dass die wertvollen Elemente der Weserrenaissance zwingend in den Neubau des Balgequartiers integriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen. Damit bleibt die Substanz zwar privat, die Entscheidung über deren Erhalt und Verwendung liegt jedoch bei der staatlichen Aufsicht.

    Sofern es sich bei diesem Eingriff nicht um einen Unfall handelt, muss somit davon ausgegangen werden, dass die - bedauerliche -Veränderung an der Herme in enger Abstimmung mit der Bremer Denkmalpflege erfolgt ist.

    „Authentizität durch Zerstörung? Das Rätsel um das Gesicht der Krieger-Herme im neuen Essighaus“

    Eine schlüssige Erklärung für den massiven Substanzverlust an der Krieger-Herme könnte eventuell die Restaurierungsgeschichte der Nachkriegszeit liefern: Die auffälligen farblichen Abweichungen im Gestein des Gesichts, die noch auf Fotos von 2022 deutlich erkennbar waren, deuten vielleicht darauf hin, dass es sich hierbei um eine Ergänzung der damaligen Bremer Bauhütte unter Baurat Ulrich handelte. Diese fachgerechte Reparatur heilte einst schwere Kriegsschäden an den erhaltenen Teilen der Originalfassade. Im Zuge des aktuellen Neubaus scheint man sich nun jedoch für eine radikale „Ehrlichkeit“ entschieden zu haben: Die mutmaßliche Nachkriegsergänzung wurde offenbar gezielt entfernt, um den rohen, beschädigten Zustand des historischen Fragments freizulegen.

    Dieser bewusste Verzicht auf die schöpferische Wiederherstellung der 1950er Jahre wirft jedoch unbequeme Fragen auf. Wenn eine handwerklich wertvolle Reparatur unter dem Deckmantel der Authentizität geopfert wurde, verschwindet damit ein wesentliches Zeitzeugnis der Bremer Wiederaufbaugeschichte. Die jetzige Inszenierung der verstümmelten Herme im Treppenhaus wirkt dadurch weniger wie eine denkmalpflegerische Entscheidung, sondern vielmehr wie ein künstlich herbeigeführter Ruinen-Look, der den respektvollen Umgang mit der gewachsenen Historie vermissen lässt.

    Vom Original zum Torso: Der rätselhafte Substanzverlust der Krieger-Herme im neuen Essighaus

    Das Schicksal der Krieger-Herme von der historischen Fassade des Essighaus wirft kritische Fragen zum Umgang mit historischer Bausubstanz auf. Während Fotodokumentationen aus den Jahren 2018 und 2022 (https://club.baukultur.pictures/forum/index.ph…0316#post350316) die Spolie noch in intaktem Zustand – zunächst wandverankert, später ausgebaut am Boden liegend – zeigen,

    präsentiert sich das Original im Treppenhaus des Neubaus heute mit einem massiven Substanzverlust:

    (leider kann ich hier aus Urhebererchtsgründen nicht das Foto direkt einstellen, daher der Link zum Beitrag "Geschichte auf Augenhöhe" (auf der Werbeseite des "Balgequartiers", der zum aktuellen Foto führt:)

    Geschichte auf Augenhöhe ~ Balgequartier
    Im Treppenhaus des Neuen Essighauses begegnet man Geschichte auf Augenhöhe:Hier hängen und stehen Spolien aus Stein – Fragmente der historischen Fassade des…
    balgequartier.de

    Dem Kopf der Figur fehlt inzwischen die Hälfte. Die gezielte Inszenierung durch Anstrahlung im neuen Ambiente kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier offensichtlich während der Abbruch- oder Transportphase eine gravierende mechanische Beschädigung erfolgt ist.

    Dieser „rustikale“ Umgang mit einem bedeutenden Renaissance-Fragment lässt einen dramatischen Schwund an der Originalsubstanz befürchten, die beim Rundgang 2022 noch vollständig vorhanden war. Dass ein solcher Schaden nun als Teil einer ästhetisierten Präsentation hingenommen wird, statt ihn restauratorisch aufzuarbeiten, wirkt wie der Versuch, einen handwerklichen Unfall als gewolltes Konzept zu verkaufen. Es bleibt die Sorge, ob auch andere Spolien des ehemaligen Prachtbaus im Zuge der Baumaßnahmen ähnliche, bisher unbemerkte Einbußen erlitten haben.

    Alle hier gezeigten Fotos von mir.

    Die Entscheidung für die sterile Glätte an Pilastern und Oberlicht ist natürlich kein Mangel an Fantasie, sondern ein Triumph des rein wirtschaftlichen Denkens über die Ästhetik. Warum auch in Handwerkskunst investieren, wenn man die nackte Sparmaßnahme so wunderbar als „zeitlose Ehrlichkeit“ verkaufen kann? Offensichtlich war es den Verantwortlichen schlicht zu teuer, dem Auge etwas anderes zu bieten als die deprimierende Monotonie des Industriestandards – schließlich kostet jede künstliche Locke am Bau bares Geld, das man lieber in die nächste glatte Betonwand steckt.

    Dabei weht durch die kargen Fassaden immer noch der staubige Geist von Adolf Loos, dessen Diktum vom „Ornament als Verbrechen“ hier als bequeme Ausrede für architektonische Einfallslosigkeit herhalten muss. Unsere modernen Puristen zelebrieren die Abwesenheit von Schönheit als intellektuelle Höchstleistung und verstecken sich hinter einem Denkmalschutz, der das Neue so hässlich machen will, dass das Alte daneben glänzen kann. Ein Hoch auf die mutige Leere – so spart man sich nicht nur das Ornament, sondern konsequenterweise auch gleich den architektonischen Anspruch.

    Die Chance auf ein authentisches Wahrzeichen wurde beim Bremer Essighaus zugunsten eines modernen Neubaus vertan. Hätte man die beträchtliche Originalsubstanz des Nachkriegsbaues, die zahlreichen Fassaden-Spolien und das gerettete Interieur des Weinrestaurants Reidemeister & Ulrichs bewahrt, wäre die Transformation zu einem gediegenen, hanseatischen Kaffeehaus möglich gewesen. Ein solches Haus hätte nach dem Vorbild des Lübecker Cafés Niederegger eine enorme Strahlkraft entwickelt und die historische Identität der Langenstraße nachhaltig gestärkt.

    Durch die aktuelle „Verschlimmbesserung“ wurde jedoch ein architektonisches Nullum geschaffen, das dem geschichtsträchtigen Ort nicht gerecht wird. Statt einer schrittweisen Rückkehr zur vollen Pracht des Renaissance-Originals wurde eine Chance auf Jahrzehnte verbaut. So bleibt die eigentliche Wiederherstellung des wahren Essighauses eine Aufgabe für künftige Generationen, die den jetzigen Zustand korrigieren und die städtebauliche Wunde durch eine echte Rekonstruktion heilen müssen.

    Das Bremer Essighaus ist ein schmerzhaftes Beispiel dafür, wie fein die Linie zwischen gelungener Rekonstruktion und architektonischem Missverhältnis sein kann. In seiner ursprünglichen Pracht bildeten das Erdgeschoss und das darüberliegende Halbgeschoss eine vollkommene, organische Einheit. Die prunkvollen Erker wuchsen förmlich aus der Fassade heraus, getragen von einer ornamentalen Logik, die keine harten Brüche kannte.

    Heute bietet sich ein anderes Bild. Das „halbherzig“ rekonstruierte Halbgeschoss wirkt nicht mehr wie ein natürlicher Teil des Ganzen, sondern wie ein gestelzter, aufgesetzter Fremdkörper. Durch den Verzicht auf die charakteristischen Ornamente an den Pilastern und die filigranen floralen Elemente in den Zwickeln des Oberlichtes wurde der Fassade ihre Seele und ihre visuelle Balance genommen. Wo früher Details den Übergang zwischen den Ebenen moderierten, klafft heute eine ästhetische Lücke. Ohne diesen bildhauerischen Schmuck verliert die Architektur ihre Tiefe und wirkt im Vergleich zum historischen Erdgeschoss seltsam nackt und deplatziert.

    Zunächst einmal: Danke an findorffer für das Hochladen der Bilder !

    Das Essighaus in Bremen – Rekonstruktion oder nur noch eine leise Ahnung?

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    Nachdem die groß angekündigte Rekonstruktion der Fassade des Essighauses bereits weitgehend einem fragwürdigen „historischen Schattenwurf“ gewichen ist – an dessen zweifelhafter Ästhetik wir uns nun schon seit Monaten „erfreuen“ dürfen –, ruhten die letzten Hoffnungen auf dem verbliebenen Halbgeschoss oberhalb der Utluchten. Doch nun, da die Hüllen gefallen sind, herrscht bittere Ernüchterung.

    Selbst dieses kleine Stück verbliebener Historie wurde nur in einer „abgespeckten“ Variante realisiert. Wer genau hinsieht, erkennt den Verlust im Detail: Den Pilastern der Erkerfenster fehlt jegliche ornamentale Gestaltung, und die Zwickelfelder um das ovale Oberlicht blieben glatt – die charakteristischen floralen Elemente des Originals sucht man vergebens. Zudem wirkt das gesamte Geschoss merkwürdig gedrungen und niedriger als sein historisches Vorbild.

    Augenmerk verdient zudem das ovale Oberlicht. Während dieses im Original als filigran durchbrochenes Element gearbeitet war, präsentiert es sich aktuell als massive, geschlossene Fläche, auf der die floralen Ornamente lediglich ‚aufsitzen‘. Es bleibt nur die vage Hoffnung, dass die gegenwärtige Rückwand lediglich eine Schutzvorrichtung während der Bauphase ist, die nach Abschluss der Arbeiten entfernt wird. Sollte dies jedoch der Endzustand sein, wäre die einstige Leichtigkeit und Tiefe dieses architektonischen Details endgültig verloren.

    Besonders schmerzlich ist schließlich das bewusste Tilgen der Geschichte am oberen Gesims der Erker. Die christlich geprägte Inschrift –

    „Has Neit Abgunst Ist Gar Umsunst Was Got Bescheret Bleibt Unverweret“

    – fehlt komplett. Bemerkenswert ist dies vor allem deshalb, weil diese Inschrift sogar beim Wiederaufbau in den 50er-Jahren in Stein gehauen und an der korrekten Position angebracht wurde. Dass man sie heute, wo der bauliche Kontext durch die Rekonstruktion eigentlich wiederhergestellt wäre, einfach weglässt, wirft Fragen auf. Ist dies eine vorauseilende Rücksichtnahme auf vermeintliche „Befindlichkeiten“ in der Stadtgesellschaft?

    Gekrönt wird das Bild von einer niveaugleichen Eingangstür, die ohne die drei ursprünglichen Stufen auskommen muss. Man kann nur hoffen, dass es sich hierbei lediglich um eine Baustellentür handelt – doch der Gesamteindruck lässt Schlimmeres befürchten.

    Was bleibt, ist ein trauriges Resümee: Statt hanseatischer Baukultur im Detail erleben wir eine minimalistische Sparversion, die dem historischen Erbe des Essighauses in keiner Weise gerecht wird.

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    Die „Ansgarii-Strategie“: Das Herz entscheiden lassen

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    Um die Bremer für den Wiederaufbau von St. Ansgarii zu begeistern, darf man nicht über Steine, Statik oder Millionenbeträge sprechen. Man muss die Sache, ganz im Sinne Wilhelm von Boddiens, „von hinten aufziehen“. Der Weg zum Ziel führt nicht über das Kassenbuch, sondern über das kollektive Gedächtnis und ein tiefes emotionales Bedürfnis.

    1. Emotionen vor Finanzen: Die Heilung der Silhouette
    Anstatt über die Kosten der Turmhaube zu debattieren, muss die Erzählung lauten: Wir schließen eine offene Wunde im Bremer Stadtbild. Es geht nicht um ein Gebäude, sondern um die Rückkehr der „Seele der Stadt“. Der Fokus liegt auf dem Gefühl, das entsteht, wenn der Blick über die Weser schweift und dort wieder jene vertraute Spitze aufragt, die Jahrhunderten von Bremern Orientierung und Heimat gab. Wer das emotionale Defizit spürt, das der Verlust hinterlassen hat, fragt nicht mehr nach dem „Warum“, sondern nur noch nach dem „Wann“.

    2. Visuelle Überzeugungsarbeit: Das Bild vor dem Bau
    Nach dem Vorbild der Berliner Schlossattrappe braucht es für Ansgarii ein visuelles Aha-Erlebnis. Bevor der erste Stein gesetzt wird, muss die Kirche im Stadtbild wieder präsent sein – sei es durch eine Lichtinstallation auf dem Ansgariikirchhof oder durch überzeugende Werbefilme (der hier gezeigte ist nur ein erster, ausbaubedürftiger Anfang). Die Menschen müssen erst sehen und fühlen, was ihnen fehlt, um die Begeisterung zu entfachen, die später die Spenden fließen lässt. Wenn die Bremer erst einmal wieder im Schatten des (simulierten) Turms ihren Kaffee getrunken haben, wird die Sehnsucht nach der Realität unaufhaltsam.

    3. Leidenschaftlicher Dilettantismus: Bürgerwille schlägt Bürokratie
    Ein solches Projekt darf nicht als „Experten-Plan“ von oben herab kommen. Es braucht den Geist des „Erzdilettanten“ – Menschen, die mit einer fast naiven, aber unerschütterlichen Freude für die Sache brennen. Diese Begeisterung wirkt ansteckender als jedes fachliche Gutachten. Wenn Bürger aus reiner Liebe zu ihrer Stadt sagen: „Wir wollen unser Wahrzeichen zurück“, entwickelt das eine politische Kraft, der sich am Ende keine Verwaltung entziehen kann.