Abschied vom Essighaus - Teil 2
Die Chance, das alte – wahre – Bremer Essighaus wiederzugewinnen, ist mit der Fertigstellung des Neubaus nun auf Jahrzehnte hinaus verbaut. Wo einst die Seele Bremens in kunstvoll behauenem Stein der Weserrenaissance atmete, blicken wir heute nur noch auf die ernüchternde Austauschbarkeit der Gegenwart. Das historische Essighaus ist endgültig zu einem bloßen Geist der Geschichte geworden. Vergessen sind die Tage, an denen die Pracht des Originals die Menschen in der Langenstraße staunend verweilen ließ. Darum bleibt uns heute nur noch ein wehmütiger Blick zurück. Wir können, mit den Worten des Bremer Dichters Arthur Fitger, nur jene weitsichtigen Persönlichkeiten loben, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das alte Haus originalgetreu wiederherstellten. Sie schufen nicht nur einen kulinarischen Anziehungspunkt in Bremen, sondern einen Ort des Geistes und der Begegnung. Hier kreuzten sich einst die Wege von Weltruhm und hanseatischer Lebensart, wie Gäste vom Range eines Königs Albert von Sachsen, Sigmund Freuds und Thomas Manns bewiesen. Nun, beweinen wir nicht nur den Verlust, sondern freuen wir uns im Stillen darüber, dass Bremen dieses Haus seinerzeit überhaupt haben durfte. Es bleibt die leise Hoffnung auf eine ferne Zukunft: Unsere Nachfahren werden hoffentlich dereinst klüger sein und sich die alte Pracht des Originals zurückholen.
Und nun lassen wir Arthur Fitgers Gedicht sprechen…
Essighaus
(von Arthur Fitger)
Errichtet wurde dies Gebäude
In Zeiten heller Künstlerfreude,
da Gold und Farbenüberschwang
Verschwend’risch sich um Säul und Bogen schlang.
Und Formenreichtum wundervoll
Aus unermessnem Füllhorn quoll:
Preis sei dem Meister immerdar,
der solcher Schönheit Schöpfer war.
Doch auf die schöne Blütezeit
Hat graue Winternacht geschneit,
bis unser Kunst im Staub verscharrt
und in Philistertum erstarrt
da lag beraubt, verdorben
entstellt, geschmäht, verstorben,
und als alleinig Ideal
Nur Winkel herrscht und Lineal.
Und dieses Hauses heitre Pracht
Erlebte wie man Essig macht.
Doch abermals im Zeitenlauf
Tat unser Aug sich wieder auf
Und sah, welch hohe Majestät
Kurzsichtig wir als Zopf geschmäht.
Schon wollte man den Bau versetzen
Zu Kensingtons Museumsschätzen
Da hielten Einsicht, Geld und Glück
Das alte, liebe Haus zurück;
Und was ein Essighaus gewesen,
zum Weinhaus ward es auserlesen.
Und eines neuen Meisters Hand
Setz‘ es aufs neu in alten Stand
Mit Farb‘ und Lichtgefunkel –
Prost! Meister Albert Dunkel !
Ihr aber, die mit durstigen Kehlen
Euch in Priölken schart und Sälen,
denkt bei dem Wandel dieser Dinge:
„Und wenn die Welt zum Teufel ginge
In essiggrauer Nüchternheit,
Auch Essigbraun hat seine Zeit
Trinkt aus! Schenkt ein!
Und schließlich siegt der Wein.













