Posts by Regiomontanus

    So verschieden sind die Wahrnehmungen und Geschmäcker. Ich fand Paris letztes Jahr grandios, viel besser als erwartet.

    Auch wenn ich es nicht gern zugebe :zwinkern: aber hier liegt Heinzer hundertprozentig richtig. Wenn man von einer Stadt sagen kann, dass sie „großartig“ ist, dann ist es Paris.

    Dass Paris „einschüchtert" und deshalb bei vielen Besuchern Unbehagen auslöst, trifft es und ist angesichts der zum Teil überdimensionierten Architektur (Arc de Triomphe, Place de la Concorde, Versailles) nachvollziehbar. Aber das imperiale Paris ist ja nur eines von vielen Gesichtern der Stadt.

    Dass es der Stadtverwaltung (oder den Gesetzen des Marktes?) gelungen ist, die „Problembevölkerung" in die äußeren Bezirke zu vertreiben, ist mir bei meinen letzten Besuchen auch aufgefallen. Mit dem - möglicherweise in Kauf zu nehmenden Nachteil -, dass das Innere der Stadt in weiten Bereichen musealer wirkt.

    Leider ist unser heutiges Bild vom alten Rom stark von Hollywood geprägt. Die Römer haben sicher Herausragendes geleistet. Das ändert aber nichts daran, dass es eine Sklavenhaltergesellschaft war, deren Reichtum - ähnlich wie im British Empire - auf Ausbeutung beruhte. Ich kann die Verachtung der "freien" Germanen für diese Lebensform gut verstehen.

    Was die Architektur betrifft, ist doch bemerkenswert, wie der von Snork zitierte Haustypus

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    bis heute das Bild vor allem italienischer Städte prägt, wie dieses Beispiel aus Mailand zeigt.

    Emden, durchaus keine Schönheit, ist ebenfalls nah am Wasser gebaut und hat darum die eine oder andere Brücke, aber auch Kirchtürme, weshalb ich dem Stadtmarketing schon immer vorschlagen wollte, es doch mal mit "Emsflorenz" oder "Venedig des Nordens" zu versuchen.

    Hamburg ist mit rund 2.500 Brücken die brückenreichste Stadt Europas und übertrifft Venedig, Amsterdam und London deutlich.

    Diesen Hamburg-Venedig-Vergleich fand ich schon immer albern. Wie kann sich eine Metropole mit fast zwei Millionen Menschen mit einer 50.000-Einwohner-Stadt aus dem Mittelalter vergleichen? Ganz zu schweigen von der sehr verschiedenen ästhetischen Qualität der Brücken. Hat man schon mal einen New Yorker schwärmen hören, man besitze mehr Hochhäuser als San Gimignano?

    Noch eine Spur üppiger als in der Hornschuchpromenade ist die Gründerzeitbebauung in der gegenüberliegenden Königswarterstraße. Ich wüsste nicht, wo es - in dieser Geschlossenheit und Prachtfülle - außerhalb von Leipzig etwas Vergleichbares in Deutschland gibt.

    Hier noch einmal das meiner Meinung nach bemerkenswerteste Haus der Anlage.

    Die Fürther Hornschuchpromenade bildet zusammen mit der gegenüberliegenden Königswarterstraße zweifellos eines der eindrucksvollsten Gründerzeit-Ensembles in Deutschland - trotz der Entstuckung/Verstümmelung, die das eine oder andere Gebäude erfahren hat. Ich finde, sie hat eine eigene Galerie verdient.

    In der Mitte verläuft ein breiter und gepflegter Grünstreifen.

    Ein eher unterdurchschnittliches Exemplar.

    Auf den ersten, flüchtigen Blick wirkt die Architektur wie aus einem Guss, was vor allem am verwendeten Material liegt. Dabei gleicht kein Gebäude dem anderen. Der Eklektizismus läuft hier zur Höchstform auf, sogar der Jugendstil hat Spuren hinterlassen.

    Angenommen, es gäbe Cinderella Castle und die amerikanischen und asiatischen Besuchermassen nicht: Wären wir dann genauso kritisch in Bezug auf die kunst-/kulturhistorische Bedeutung von Neuschwanstein?

    Was ist mit den vielen anderen romantisierenden Burgen, Schlössern und Palazzi, die zeitgleich ex nihilo entstanden sind? Steht N. in dieser Sammlung wirklich so einzigartig da?

    Ich finde, man muss bei N. aufpassen, nicht in die "deutsche" Falle zu tappen, den Wert von etwas daran festzumachen, ob es auch "rein" und "echt" ist und ob es die "Richtigen" gut finden. Die Anlage ist grandios. Ich gebe einen Sch... auf den Welterbetitel, aber N. hat ihn verdient.

    Das Coppedè-Viertel dürfte auch vielen Romkennern unbekannt sein. Es liegt im Stadtteil Trieste, unweit der Piazza Buenos Aires.

    Der Architekt Gino Coppedè durfte hier in den zwanziger Jahr seinen Traum von einer idealen Stadt verwirklichen. Es entstanden zwei Dutzend Villen und Palazzi in einem exzentrischen Stilmischmasch, irgendwo zwischen Mittelalter und Stile Liberty.

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    Den Mittelpunkt des Quartiers bildet die Piazza Coppedè mit dem Froschbrunnen.

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    Der dominierende Palazzo del Ragno.

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    Gegenüber steht dieses seltsame Konstrukt.

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    Palazzo senza Nome.

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    Palazzi degli Ambasciatori. An dieser Ritterburg hätte Ludwig Zwo seine Freude gehabt.

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    Rückseite des „Arco".

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    Der Formen- und Schmuckreichtum im Coppedè-Viertel verschlägt einem die Sprache. Zur selben Zeit wurde bei uns im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaut.

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    Wer in Rom auf den Spuren der Deutschen wandelt, stellt fest, dass es nicht nur die Casa di Goethe, den Campo Santo Teutonico, den protestantischen Friedhof (mit dem Grab von August Goethe), die Villa Massimo und das Gästehaus des Deutschen Ordens (preiswerte Übernachtungen!) gibt ...

    ... sondern auch eine Kirche, in der bis heute fast täglich Gottesdienste in deutscher Sprache abgehalten werden: Santa Maria dell'Anima.

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    Da sie in einer engen Gasse der Altstadt unweit der Piazza Navona liegt, lässt sie sich schlecht fotografieren.

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    Der Renaissancebau macht im Inneren einen sehr barockigen Eindruck. Bei der Planung soll Bramante seine Finger im Spiel gehabt haben.

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    Auch ein Papst ist in der deutschen Nationalkirche begraben. Um den Erhalt kümmert sich die bereits im 14. Jahrhundert gegründete Animabruderschaft.

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    Zum Abschluss noch etwas Gründerzeit. Die Seestraße wurde hier ebenfalls bereits gewürdigt. Die Pracht beschränkt sich allerdings auf die wenigen Gebäude an der Uferpromenade. Dahinter geht es höchst durchschnittlich zu.

    Schwestergebäude zwei Hausnummern weiter.

    Mein Favorit. Wie kann man solche wahr gewordenen Luftschlösser nicht mögen?

    Irgendwo in der Altstadt.

    Hotel Graf Zeppelin. Meine Empfehlung für alle Konstanz-Reisenden, denn auch innen drin hat sich viel von der guten alten Zeit erhalten.

    Das Konstanzer Münster wurde in dieser Galerie (wie auch das meiste andere) bereits ausführlich vorgestellt. Ich mag diese gotischen Kathedralen, die ihren romanischen Ursprung nicht verleugnen. Die filigrane Turmspitze ist, man ahnt es schon, eine Zutat des 19. Jahrhunderts.

    Im Inneren herrscht ein Stilmischmasch, der dennoch ein stimmiges Ganzes ergibt. Vielleicht, weil der süddeutsche Barock nicht triumphierend auftritt, sondern sich wohltuend zurückhält.

    Der spätgotische "Schnegg".

    Wunderbare Skulpturengruppe "Marias Tod".

    Dass viele Kirchen des Mittelalters bunt bemalt waren, davon bekommt man hier eine Ahnung.

    Zu diesem nicht sehr konstanzisch anmutenden Bau von 1424 heißt es, er sei das früheste Beispiel für Rustikasandsteinquaderwerk in Deutschland. Der Baumeister war offenbar mal in Italien gewesen.

    Schnetztor mit historistischer Einfassung. Deutsche Mittelalter-Romantik par excellence.

    Die Realität war viel bescheidener.

    Unter dem Putz geht es meist sehr fachwerklich zu.

    Wir sehen großzügig über die Missfallensbekundung eines für seine Missfallensbekundungen bekannten Mitforisten hinweg und fahren mit der Betrachtung der Konstanzer Altstadt fort.

    Auch im Mittelalter wurde schon fünfstöckig gebaut, wenn der Platz knapp war.

    Haus zum Elefanten.

    Schöne Zeile mit dem Haus zur Waage von 1273.

    Der Laden hätte eine reizvollere Auslage verdient.

    Zur Abwechslung etwas Renaissance.

    Und Barock: Wessenberg-Palais gegenüber dem Münster.

    "Kulturzentrum" verheißt für die Kultur oft nichts Gutes, jedenfalls nicht für die Baukultur.

    Dann doch lieber so.