Ich gehe durch diese Altstadt, die faktisch ein Totalverlust ist, und überall wird behauptet, sie sei „wunderbar wiederaufgebaut“.
Warum sehen alle etwas anderes – etwas, das ich nicht sehe?
Naja, faktisch ist es doch so, dass hier ein Narrativ geschaffen wurde, dass den NürnbergerInnen von klein auf eingebläut wird: Ihr lebt in einer der schönsten Städte Deutschlands, die nach dem Krieg vorbildlich und wunderbar wiederaufgebaut wurde. Danach richtet man sich ungefragt. Es ist ja wie bei jedem Gründungsmythos eines Staates: die Erzählung verfestigt und verselbständigt sich und wird dann nicht mehr hinterfragt. Diese Gedanken findet man von den "Normalos" bis ins Rathaus: die Stadt ist fertig, Veränderung braucht es nicht und schon gar keine Rekonstruktion, weil ja nach dem Krieg so viel wiederaufgebaut wurde. Dass tatsächlich quasi NICHTS ex nihilo rekonstruiert wurde, weiß keiner. Und die allerallermeisten Menschen werden sich nicht informieren, sie folgen dem Narrativ.
All die Dinge, die beim Wiederaufbau falschgelaufen sind, interessieren folglich auch nicht. Es gilt also vor allem, ein sich manifestiertes, in den Köpfen festgesetztes Narrativ zu durchbrechen.
Das sahen wir doch stellvertretend bei der Debatte um die Rekonstruktion des Pellerhauses: Ganz viele Menschen meinten, dass es NICHT NOCH einer Rekonstruktion bedürfe! Die Altstadt sei so miefig und historisch, dass nur Modernes das Aufbrechen könne. Dass die Altstadt zu mehr als 90% eben nicht historisch (im Sinne von vor dem Krieg stammend) ist, das wissen tatsächlich die meisten Menschen nicht. Ihnen fehlt hierzu einfach auch das Wissen und das Interesse.
Fazit: Wer in der Altstadt etwas ändern möchte, muss dringend Bildungsarbeit leisten und sich damit zurechtfinden, dass man von Vornherein als Nestbeschmutzer oder Fantast bezeichnet werden würde.