Posts by Amroth2

    Hallo zusammen,

    ich klinke mich hier mal kurz ein, da ich die Ecke rund um Schiltach und das Kinzigtal ziemlich gut kenne. Ich war in meiner beruflichen Laufbahn selbst viel für den Tourismus in der Region tätig und habe miterlebt, wie der Mittlere Schwarzwald in den letzten Jahren aus seinem „Dornröschenschlaf“ erwacht ist.

    Ehrlich gesagt war ich im ersten Moment völlig baff, als ich gelesen habe, dass ausgerechnet Schiltach als Modellort für das „Albergo Diffuso“ ausgewählt wurde. Wenn man an dieses Konzept denkt, hat man ja oft eher verlassene Bergdörfer im Kopf. Aber Schiltach? Das ist ja quasi das Gegenteil einer Krisenregion. Mit Weltfirmen wie Hansgrohe oder VEGA direkt vor der Haustür brummt da die Wirtschaft ordentlich. Schiltach ist als Wohnort begehrt, wirkt belebt und ist eigentlich alles andere als ein Sorgenkind.

    Warum also Schiltach? Ich sehe da Licht und Schatten:

    Rettung für das Stadtbild: Die Altstadt ist ein architektonisches Juwel. Aber die oberen Stockwerke der Fachwerkhäuser stehen oft leer, weil sie als moderner Wohnraum schwer zu nutzen sind. Das Modell könnte die Rettung für die historische Substanz sein. Eines ist nämlich klar: Keiner will im engen Tal eine riesige fünfstöckige Bettenburg sehen, die das ganze Panorama erschlägt, auf gut badisch „bloß net!!“ Da ist das „verteilte Hotel“ definitiv das kleinere Übel.

    Qualitäts-Check: Man nimmt hier wohl bewusst keinen Ort, der „am Boden“ liegt, sondern einen, der schon funktioniert. Wenn das Konzept in einem Vorzeigeort wie Schiltach klappt (immerhin „Best Tourism Village“ laut UN Tourism), hat es eine ganz andere Strahlkraft als Pilotprojekt.

    Der „Barcelona-Effekt“ im Kleinen? (Mein Bedenken): Hier sehe ich das größte Fragezeichen. Funktioniert das wirklich so harmonisch, wenn die Touristen plötzlich überall „mittendrin“ sind? Klar, es ist gut für den Bäcker und die Gastronomie, wenn mehr Umsatz reinkommt. Aber nervt es die Einheimischen nicht irgendwann, wenn der Ort zum reinen Freilichtmuseum wird? In Großstädten wie Barcelona kippt die Stimmung ja längst – ich frage mich, ob man das auf eine Kleinstadt übertragen kann, ohne dass die Identität verloren geht. Wenn ich mir aber überlege, dass die Touristen so oder so kommen (vor allem Niederländer, Spanier, Belgier und US-Amerikaner) also was soll’s?

    Ich finde es trotzdem spannend, dass man sich nicht für ein strukturschwächeres Dorf entschieden hat. Vielleicht ist gerade das der Ansatz: Stärken stärken, statt nur Löcher zu stopfen.

    Das Kinzigtal ist bei Touristen sehr beliebt – und das zu Recht. Wir haben hier diese wunderschönen, typischen Schwarzwaldhöfe und eine gewachsene Struktur an Ferienwohnungen, die schon jetzt viele Touristen anzieht. Da mir die Gegend sehr am Herzen liegt, hoffe ich inständig, dass man mit Schiltach hier kein „Schindluder“ treibt oder das Ganze zu sehr kommerzialisiert.

    Mir geht es am Ende immer um die Baukultur. Das Kinzigtal (Gengenbach, Haslach, Wolfach) und speziell Schiltach sind architektonische Juwelen. Wenn dieses Projekt dazu beiträgt, dass die historische Substanz erhalten bleibt und – ganz wichtig – nichts Modernes oder Unpassendes hochgezogen wird, dann kann ich mit ein paar mehr Touristen im Ort leben.


    Die fünf Orte in der Übersicht. Die Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) hat die Auswahl der fünf Modellorte erst am 16. April 2026 offiziell in einer Pressemitteilung bekannt gegeben. Davon kenne ich alle ziemlich gut, außer Nöggenschwiel.


    1. Schiltach (Landkreis Rottweil): Der „Musterknabe“ und das architektonische Aushängeschild (Kinzigtal).

    2. Klosterreichenbach (Ortsteil von Baiersbronn, Landkreis Freudenstadt): Ein historisch geprägter Ort im Murgtal, der stark vom Kloster-Ambiente lebt.

    3. Nöggenschwiel (Ortsteil von Weilheim, Landkreis Waldshut): Bekannt als das „Rosendorf“ im Südschwarzwald – sehr idyllisch und baukulturell eher ländlich-traditionell.

    4. Oberharmersbach (Ortenaukreis): Ein klassisches Schwarzwalddorf in einem Seitental des Kinzigtals, das bereits stark auf Tourismus setzt, aber mit Leerstand im Kern kämpft.

    5. Prinzbach (Ortsteil von Biberach, Ortenaukreis): Ein sehr kleines, fast verstecktes Juwel in einem Seitental, das für seine Ruhe und Authentizität bekannt ist.

    Hallo zusammen,

    mir wurde gerade dieser Post in die Instagram-Timeline gespült und ich dachte, das ist sicher für den einen oder anderen hier im Forum interessant:

    Nach der langjährigen und kunstvollen Restaurierung des Westflügels öffnet der Goldene Saal im Schloss Ludwigslust ab dem 30. Mai 2026 wieder seine Pforten.


    Highlight: Das Staatsporträt der Königin Charlotte (Sophie Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz) ist wieder an seinem Platz.

    Falls jemand von euch zur Eröffnung dort ist, wären Fotos von den restaurierten Details des Westflügels natürlich fantastisch!

    Beste Grüße!



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    Hallo zusammen!

    Falls ihr mal im Nordschwarzwald unterwegs seid oder aus der Gegend kommt, habe ich einen besonderen Tipp für euch, der tief in die regionale Baugeschichte eintaucht.

    Es geht um das Museum Bad Herrenalb. Offiziell ist es das städtische Museum, aber im Volksmund und in der Fachwelt wird es meistens einfach nur das „Ziegelmuseum“ genannt – und das aus gutem Grund. Das Haus beherbergt nämlich die europaweit bedeutende Sammlung von Edmund Bernt.

    Die aktuelle Sonderausstellung

    Die Saison 2026 hat gerade erst begonnen! Seit dem 5. April (und noch bis zum 27. Dezember 2026) läuft dort die Sonderausstellung „Alte Handwerksberufe im Schwarzwald“. Hier werden die berühmten Ziegel in den Kontext anderer, teils ausgestorbener Berufe wie Köhler, Flößer oder Glasschmelzer gestellt.

    Was macht die „Feierabendziegel“ so interessant?

    Individuelle Kunst: Es handelt sich um handgeformte Dachziegel, die früher nach der täglichen Arbeit – eben zum Feierabend – von den Zieglern verziert wurden.

    Schutz & Glaube: Man ritzte Symbole, Sonnen oder Jahreszahlen ein. Diese waren nicht nur Deko, sondern sollten das Haus als „Glücksbringer“ vor Feuer, Blitzschlag und Unheil schützen.

    Historisches Highlight: In der Ausstellung könnt ihr einen der ältesten datierten Dachziegel des deutschsprachigen Raums bewundern – ein Exemplar aus dem Zisterzienser-Kloster Herrenalb von 1437.

    Wichtig!

    Das Museum wird ehrenamtlich mit viel Herzblut geführt, daher hat es immer sonntags von 14:00 bis 17:00 Uhr (ab November bis 16:00 Uhr geöffnet.

    Wo: Im Kloster 2, 76332 Bad Herrenalb.

    Eintritt: Nur 2,50 € (Erwachsene).

    Wer sich für historische Baudetails und echtes Handwerk begeistern kann, sollte diesen kleinen Abstecher definitiv einplanen!


    museum-bad-herrenalb.de

    Ich muss jetzt doch mal eine Lanze für die badische Seite brechen. Gerade in der Ortenau und im Nordschwarzwald gibt es eine Dichte an Fachwerk und Barock, die oft gar nicht so klar kommuniziert wird.

    Man denke nur an das Hanauerland (Hesselhurst, Eckartsweier, Willstätt, Neumühl, Kork, Diersheim, Auenheim, Bodersweier etc), das architektonisch absolut sehenswert ist. Oder das Kinzigtal: Neben dem Klassiker Schiltach sind dort vor allem Gengenbach, Haslach und Zell am Harmersbach echte Schmuckstücke.

    Weiter südlich ist Ettenheim mit seinem barocken Stadtbild ein absolutes Muss. Auch Oberkirch ist sehenswert. Und auch wenn Lahr selbst eher urban geprägt ist, haben die Dörfer im Ried direkt am Oberrhein – wie Meißenheim, Altenheim, Ichenheim oder Dundenheim – einen ganz eigenen, rustikalen Charme. Selbst oben im Nordschwarzwald auf badischer Seite gibt es mit Gernsbach, Sulzbach und Loffenau Ecken, die architektonisch richtig was hergeben.

    Ich muss das jetzt mal loswerden: Ich bin von dem aktuellen Entwurf für die Holstenstraße 25-33 wirklich enttäuscht. Lübeck ist eine der städtebaulich wichtigsten Städte überhaupt – da wirkt dieser Entwurf wie ein Fremdkörper.

    Besonders die Begründung des Gestaltungsbeirats brachte mich zum schmunzeln. Zu behaupten, Giebel brächten „zu viel Unruhe“ in den Blick auf das Holstentor, ist in dieser weltberühmten Giebelstadt wie Lübeck fast schon Realsatire. Lübeck braucht keinen monotonen Dachriegel. Diese erzwungene „Ruhe“ ist in Wahrheit einfach nur maßstabslose Massivität.

    Wenn so ein Entwurf zum neuen Standard für Lübeck wird, verliert die Stadt Stück für Stück das, was diese Stadt ausmacht. Sprich ein Vorgeschmack für weitere Investoren-Architektur, die den Geist der Stadt nicht versteht.

    Ich habe dazu mal recherchiert: Stand an genau dieser Stelle vor dem Krieg nicht das „Holstenhaus“ (Kaufhaus Leibholz)? Wenn man sich alte Fotos davon ansieht, sieht man ein riesiges Gebäude, das aber durch seine vertikale Gliederung und die Giebel trotzdem nach Lübeck aussah. Dass man 2026 hinter diesen Standard zurückfällt und stattdessen die Block-Struktur der 60er-Jahre zementiert, ist eine verpasste Chance für eine echte Stadtreparatur.

    Klar, fast alles ist besser als die jetzige Ruine – aber „weniger hässlich als Sport-Karstadt“ darf für das UNESCO-Welterbe einfach nicht der Anspruch sein!

    Ich hoffe auf eine Reko! Aber es ist Württemberg!! Der „Ochsen“ ist weg, die Fantasie der Planer leider auch. In Pleidelsheim bereitet man wohl gerade das nächste Denkmal der Belanglosigkeit vor. Ein Blick auf die Umgebung bei „Google Maps Street View“ verrät: Hier wird nicht rekonstruiert, hier wird „angepasst“ – und zwar an den ästhetischen Nullpunkt.

    Endlich befreit man uns von lästigen Sprossenfenstern und dieser „störenden“ Farbigkeit. Wer braucht schon Altstadt-Flair und die rheinische Lebensfreude? Ernsthaft. Dass man ausgerechnet an diesem ikonischen Punkt die Fensterteilung und Farbigkeit opfert, ist eine Schande. Nach dem Motto: Sprossen raus, Seele raus, Rendite rein. Dass man für so viel Beliebigkeit überhaupt einen Architekten braucht, ist das eigentliche Rätsel.

    Ich muss hier noch mal kurz einhaken, speziell mit Blick auf die Bilder der Mansfeld-Maschinenfabrik (Riesaer Straße 56-64): Die Fassade wirkt jetzt schon viel wertiger. Ich finde es extrem spannend, dass man solche riesigen Komplexe der Industriegeschichte hier so konsequent saniert. Um ehrlich zu sein: Bei uns im Südwesten hätte man für so ein Ensemble wahrscheinlich keine Sekunde gezögert und direkt die Abrissbirne geschickt. Großartig 🤩

    Ich bin wirklich schockiert über die Bilder vom Brand des „Ochsen“ (1614). Da ich früher öfters durch Pleidelsheim und Umgebung gefahren bin, war das Gebäude für mich ein fester Orientierungspunkt mit echtem Charakter.

    Leider kenne ich etwas die Entwicklung im Ort: In den letzten Jahren gab es immer wieder Abrisse historischer Substanz, die durch – gelinde gesagt – sehr gewöhnungsbedürftige Neubauten ersetzt wurden. Typisch Württemberg eben: Man verwaltet das Erbe oft nur so lange, bis der Bagger eine „praktischere“ Lösung schafft.

    Ganz ehrlich: Ich habe aktuell wenig Hoffnung auf eine echte Rekonstruktion. Von offizieller Seite wird vermutlich wieder ein funktionaler Zweckbau kommen, der den Schillerplatz endgültig entstellt. Die einzige Chance sehe ich nur, wenn sich jetzt sofort eine Bürgerinitiative formiert, die massiv Druck für einen fassadengerechten Wiederaufbau macht. Ansonsten ist das nächste Stück Identität dort Geschichte.


    Aber es gibt einen wichtigen Hebel:

    Die Bürgermeisterin Sabrina Lee ist noch recht neu im Amt. In den ersten Statements zum Brand wirkte sie menschlich sehr angefasst, sprach davon, dass ihr „das Herz blutet“. Diesen Moment müssen wir nutzen! Solange sie noch nicht im reinen Verwaltungs-Pragmatismus versunken ist, ist sie vermutlich empfänglich für fachkundige Argumente und den Wunsch der Bürger nach Schönheit und Identität.

    Oppenheim ist ein echtes Schmuckstück, das leider unter seinen Möglichkeiten bleibt. Als jemand vom Oberrhein ziehe ich oft den Vergleich zum Elsass: Die historische Substanz ist erstklassig, aber das „Drumherum“ bremst den Gesamteindruck aus.

    Es geht mir gar nicht um bunt gestrichenes Fachwerk, sondern um die Aufenthaltsqualität. Bessere Pflasterung statt Asphalt, mehr gepflegtes Stadtgrün und ein insgesamt stimmigeres Straßenbild würden Wunder wirken. Man merkt einfach, dass hier die Investitionen in den öffentlichen Raum fehlen. Oppenheim wirkt wie ein Rohdiamant, dem lediglich der letzte Schliff fehlt, um wirklich in der Elsass-Liga mitzuspielen.

    Allerdings müsste ich erst mal selbst direkt vor Ort sein, um mir ein wirklich finales Bild zu machen.

    Chur ist wirklich ein Schmuckstück, wie so viele Schweizer Orte. Aber bei den Kirchtürmen habe ich echt ein ästhetisches Problem: Diese gigantischen Zifferblätter – wie hier bei der Martinskirche – ruinieren für mich die gesamte Optik.

    Ich verstehe zwar den historischen Nutzen für die Fernsicht, aber rein proportional wirkt der schmale Turm dadurch völlig kopflastig. Das Zifferblatt „erschlägt“ die feine vertikale Linie des Gebäudes förmlich, statt sie zu ergänzen. Für mich passt dieser Maßstab einfach nicht zur restlichen Architektur.

    Absoluter Skandal. Ich kann mich der Kritik hier nur anschließen. Es ist eine Schande, dass ein Gebäude von solch nationalem Rang – mit einer Bausubstanz von 1317 – einfach abgerissen wurde. Dass man 700 Jahre Geschichte für ein Investorenprojekt und eine Kulissen-Architektur opfert, ist für mich völlig unbegreiflich. Ein massiver Verlust für das bayerische Kulturerbe, der durch keinen noch so schönen Neubau ersetzt werden kann. In Italien wäre so ein Abriss ein nationales Verbrechen, in Donauwörth ist es anscheinend nur lästiger Denkmalschutz. Kein Sinn für Baukultur. Ob der Neubau auch 700 Jahre stehen wird?

    Echt schockierend zu lesen, was da in Osterwieck passiert. Dass über 200 Denkmäler mit einem Schlag gestrichen werden, fühlt sich wie ein riesiger Rückschritt an. Ich vermute mal, dahinter steckt mal wieder der Versuch, die Verwaltung zu 'entschlacken' oder Sanierungskosten auf Kosten der historischen Substanz zu drücken. Wenn der Schutz wegfällt, haben Investoren natürlich freie Bahn, was oft das Ende für das Stadtbild bedeutet. Ich denke, wir müssen das Thema so weit es geht streuen. Je mehr Leute davon wissen und Druck auf die Lokalpolitik ausüben (vielleicht über lokale Initiativen oder die Deutsche Stiftung Denkmalschutz), desto schwieriger wird es, diese Gebäude einfach so verschwinden zu lassen. Denkmalschutz darf kein reiner Kostenfaktor sein!

    Hallo zusammen,

    ich bin gerade bei Instagram auf ein extrem spannendes Projekt im Elsass gestoßen, das ich euch nicht vorenthalten möchte. Die Organisation "La Table Ronde de l’Architecture" hat in Westhoffen einen alten Viehhof aus dem 17. Jahrhundert übernommen. Das Ziel: Dort entsteht eine permanente Schule für Architektur und traditionelles Handwerk.

    Besonders konsequent finde ich den Ansatz: Momentan werden erst einmal alle modernen Baustoffe (Zement, Glaswolle, Kunststoffe) entfernt, um das ursprüngliche Fachwerk freizulegen. Die Studenten sollen dort direkt vor Ort lernen, wie man mit Lehm, Kalk und klassischer Zimmerei arbeitet. Eines der Gebäude wird zudem als Wohnheim für die Studenten hergerichtet.


    Endlich mal ein Projekt, das Architektur nicht nur am Bildschirm plant, sondern das Handwerk und die Materialität wieder in den Fokus rückt. Werde das definitiv weiter verfolgen!

    Besonders spannend: Die Sanierung ist kein abgeschottetes Projekt, sondern Teil einer jährlichen "Alsace Summer School". Dort können Architekturstudenten und Handwerksinteressierte aus der ganzen Welt im Sommer direkt vor Ort lernen.




    instagram.com


    Offizielle Webseite der Organisation:

    La Table Ronde de L'Architecture

    Schaut euch Rio, Kapstadt oder Bangkok an: Da sucht niemand das „alte Europa“, sondern die Energie, das Gewusel, den „Kulturschock“, die Topographie und die klassischen Sehenswürdigkeit. Als ob man nur wegen Altstädten reist.

    Das kannst du nicht sagen weil du das nicht wissen kannst. Wegen dem alten Europa wird da keiner hinfahren weils da kein- oder nur bedingt- ein altes Europa gibt (denke da an die Kolonialisierung in der Karibik und den damit verbundenen Import/Export der Baugepflogenheiten).

    Deine theoretische Herleitung in allen Ehren, aber die Realität vor Ort sieht anders aus – und ich spreche hier aus eigener Erfahrung in Rio, Kapstadt und Bangkok. Man sucht dort eben nicht das „alte Europa“, sondern die spezifische architektonische Antwort auf die jeweilige Topographie und das Klima.

    Wer diese Weltstädte nur als koloniale Kopien abstempelt, verkennt die Leistung dieser Orte komplett. Besonders bei Bangkok liegst du mit deiner „Import“-Theorie völlig daneben. Thailand war nie eine Kolonie! Die Altstadt mit ihren Tempeln wie Wat Phra Kaeo hat eine komplett eigene, thailändische Formensprache – das hat absolut null mit europäischem Barock oder Klassizismus zu tun. Alles, was in Bangkok europäisch aussieht, haben die Thais freiwillig und selektiv übernommen, um modern zu wirken – das ist ein riesiger Unterschied zu Kolonialstädten.

    Dein Beitrag ist ein wichtiger Realitätscheck, Erfurt1995 . Ich sage das als jemand, der dutzende deutsche Städte dokumentiert hat und im Zweifel auch lieber durch Straßburg oder Lübeck läuft als durch eine Trabantenstadt. Aber die Ansicht, man würde nur wegen Altstädten reisen oder Metropolen wie Hongkong seien „Unfug“, ist völlig realitätsfern. Reisen ist kein Architektur-Lexikon-Abhaken, sondern ein Erleben von Dynamik und Lebensgefühl.

    Es gibt eben unterschiedliche Typen von Reisenden. Zu glauben, dass außerhalb Europas keine Maßstäbe existieren, nur weil man selbst kein Bedürfnis verspürt, den Kontinent zu verlassen, ist schon eine sehr exklusive Sichtweise. Und zu glauben, dass Architektur außerhalb Europas nach minderwertigen Maßstäben zu messen sei, ist noch schlimmer.

    Schaut euch Rio, Kapstadt oder Bangkok an: Da sucht niemand das „alte Europa“, sondern die Energie, das Gewusel, den „Kulturschock“, die Topographie und die klassischen Sehenswürdigkeit. Als ob man nur wegen Altstädten reist. Sogar New York zieht seine Ästhetik aus Straßenschluchten und Parks statt aus 500 Jahre altem Fachwerk. Architektur ist ja immer nur der Rahmen. Das sieht man auch bei uns im Schwarzwald (von New York zum Schwarzwald😁), wenn die Gäste aus den Niederlanden, Spanien Road Trips von Freiburg nach Baden-Baden machen, oder hinüber nach Tübingen/Konstanz fahren (und das nicht wenige): Die suchen das Gesamterlebnis entlang der deutschen Kulturstraßen und wissen, dass unser Land mehr zu bieten hat als nur das Klischee von Neuschwanstein. Die steuern halt meist die Großstädte an (Flughafen), mit einer Übernachtung und dann ab ins Mietauto und los geht’s! Oft nur 1 oder 2 Wochen Zeit.

    Dabei ist unsere Substanz in Deutschland weitaus besser als ihr Ruf. Görlitz z.B. ist ein fast 100%iges Flächendenkmal. Wir haben das klassizistische Wiesbaden, das fast unzerstörte Halle (Saale), Heidelberg, Regensburg, Landshut oder die Backsteingotik in Stralsund und Wismar. Schwerin ist doch auch eine städtebauliche Perfektion durch die Einbettung des Schlossensembles in die Seenlandschaft. Die mittelalterliche Dichte von Regensburg ist UNESCO-Welterbe. Die beeindruckende Silhouette von Bautzen, der sehr große Altstadtkern von Erfurt, das Gesamtkunstwerk Bamberg oder die enorme Denkmaldichte in Fürth zeigen doch, wie viel Qualität wir haben. Auch Schwerin, Lüneburg, Lübeck, Augsburg, Baden-Baden oder das topographisch geniale Schwäbisch Hall sind Städtebau auf Weltniveau. Wir haben eine unfassbar vielschichtige Baukultur. Manche Regionen pflegen das (im Osten) und andere jammern und reißen lieber ab (Württemberg), aber das ist hier nicht das Thema.

    Um den Bogen zu deiner Frage zu schlagen: Es ist reine Definitionssache. Viele verwechseln „Schönheit“ mit Postkarten-Kitsch und stempeln alles andere als Betonwüste ab. Deine Beobachtung stimmt: Gerade im Süden und Osten gibt es noch enorme geschlossene Strukturen. Die Realität ist vielschichtiger, als das reine Schwarz-Weiß-Denken hier vermuten lässt. Man muss eben nur bereit sein, sich die Orte wirklich anzuschauen.