Bauprojekte und tiefgreifende Umgestaltungen verlangen Karlsruhes Bevölkerung und Besuchern viel Verständnis ab, nicht nur wegen der lange währenden Beeinträchtigungen im Alltag oder der Kosten, sondern auch wegen der Verwandlung des historischen Stadtbildes. Beschwerden hierüber kommen zahlreich bei solchen Vereinen an, die sich dem Lebens- und Kulturraum Karlsruhe widmen und ihr Ohr nahe an der Bevölkerung haben.

Fünf dieser Vereine haben sich zusammengetan, um sich über die aktuellen Fälle auszutauschen und ihnen Leitlinien für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem besonderen Kulturerbe Karlsruhes entgegenzustellen. Einen konkreten Auslöser gab es hierfür auch, nämlich das von der EU für 2018 ausgerufene Europäische Kulturerbejahr, das von der Stadt Karlsruhe nicht genutzt, sondern übergangen wurde, als würde es sie nicht betreffen.

Aufgrund dieser Erfahrungen treten die fünf Karlsruher Vereine nun mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit, und ihre Vorsitzenden melden sich in einer Pressemitteilung zu Wort.

Für die Regionalgruppe der Badischen Heimat berichtet Marthamaria Drützler-Heilgeist: “Man trägt uns einzelne Beobachtungen zu, wie Abrisse in der Nachbarschaft, aber stellt auch immer wieder Fragen nach den großen Projekten, wie dem völlig umgekrempelten Karlsruher Marktplatz, der endgültig seinen historischen Charakter verloren hat, oder dem geplanten ‚Forum Recht‘ im Großherzoglichen Garten am Karlstor.”

Dazu erklärt ihr Kollege Ulrich Maximilian Schumann von der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft: “Nicht dass sich die Stadt verändert, verunsichert die Menschen, sondern dass dabei materielle und immaterielle Werte unwiederbringlich verloren gehen und man dabei ohnmächtig zuschauen muss.”

Die “Karlsruher Erklärung zum Umgang mit dem gebauten Kulturerbe” liegt in einer ausführlichen Fassung und einem Faltblatt vor, das Oberbürgermeister Mentrup, Baubürgermeister Fluhrer und anderen Vertretern der Stadt Karlsruhe zugeschickt worden ist.

Massimo Ferrini sagt im Namen des Bürgervereins Mühlburg dazu: “Wir wollen mit unserer Erklärung Karlsruhes Bevölkerung eine Stimme geben und die längst überfällige Diskussion der Menschen und Medien über den Wert dieses besonderen Kulturerbes anstoßen.”

“Dafür muss und kann man Grenzen setzen, wenn man den weiteren Ausverkauf von Karlsruhes ‚Tafelsilber‘ verhindern will,” ergänzt Robin Cordier, Vorsitzender des Regionalverbands Nordbaden von Stadtbild Deutschland.

Beide Fassungen der Erklärung sowie weitere Informationen, Argumente und Beispiele finden sich auf der Internetseite der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft: www.wbge.de.

Dennoch versteht man den Auftritt nicht als abgeschlossene Aktion, sondern als offenen Prozess, an dem sich auch andere beteiligen können, wie Cordier bekräftigt: “Es wäre schön und wichtig, wenn sich noch mehr Gruppen und Einzelpersonen der Erklärung anschließen würden.”

Statements:

Robin Cordier, Stadtbild Deutschland e.V. – Regionalverband Nordbaden:

In Baden-Württemberg erleben wir seit Jahren, dass sich der Denkmalschutz mit dem Konservieren von Einzeldenkmälern begnügt und starr an Verordnungen festhält, anstatt unsere Stadtbilder, Dörfer und Straßenensembles vor Zerstörung und unpassender Neubebauung zu schützen. Das weckt großen Unmut in der Bevölkerung, den auch die Verwaltung zu spüren bekommt. Städte und Kommunen müssen deshalb umso mehr mit gutem Beispiel voran gehen und Kulturerbe schützen! Gestaltungs- und Erhaltungssatzungen können ein Mittel gegen den Gesichtsverlust der Straßen und Plätze sein.

Marthamaria Drützler-Heilgeist, Vorsitzende Badische Heimat e.V. – Regionalgruppe Karlsruhe:

Karlsruhe müsste für Baden eine Vorbildfunktion übernehmen, wie sorgfältig man mit dem Kulturerbe umgehen sollte. Leider tut es das nicht. Dabei ist diese mehr als andere Städte auf das besondere Kulturerbe angewiesen.

Frank Eigl, Stadtbild Deutschland e.V. – Ortsverband Karlsruhe, Sprecher Hagsfeld:

Ich spreche mich für eine Unterschutzstellung des historischen Gesamtensembles der Schwetzinger Straße und der Jägerhausstraße aus, da diese den einzigen Rest des alten Hagsfeld darstellen und ein weitgehend intaktes Beispiel für ein regionaltypisches Straßendorf sind. Es steht zu befürchten, dass eine schleichende Zerstörung dieses Ensembles und eine Gentrifizierung stattfindet. Des weiteren für eine an die historische Gestalt angelehnte Umgestaltung des Lindenplatzes als zentraler Platz des Ortes und historisch das Entwicklungszentrum an der Kreuzung zweier wichtiger Straßen.

Mirko Felber, stellvertretender Vorsitzender Freundeskreis Pfinzgaumuseum – Historischer Verein Durlach e.V.:

Einst wurde das Stadtbild von Markgraf Karl Wilhelm vorgegeben. Karlsruhe rühmt sich dieser Stadtplanung wegen bis heute. Nun bitte ich die politischen Vertreter ihre Vision einer Stadt mit demselben Mut zu offenbaren, wie es der Stadtgründer tat. Dann aber entscheiden die Bürger. Ein anderes Vorgehen bedarf eines Rückschritts. Ich möchte die stadtprägende Substanz gewahrt sehen, jedoch nicht den Regierungsstil alter Zeiten.

Massimo Ferrini, Vorsitzender Bürgerverein Mühlburg 1898 e.V.:

Mühlburg hat als ehemals eigenständige Stadt eine bedeutende Geschichte und ist wichtiges B-Zentrum. Leider werden nach vielen Nachkriegssünden nun auch die letzten Zeitzeugen des 19. Jahrhunderts sowie der Kaiserzeit Stück für Stück abgerissen, um hochfliegende Investorenträume zu verwirklichen. Das muss ein Ende haben! Wir brauchen unsere Geschichte auch im Stadtbild von morgen.

Friedemann Kluge, Stadtbild Deutschland e.V. – Ortsverband Karlsruhe, Sprecher Grötzingen:

Grötzingen ist einer der ältesten Karlsruher Stadtteile und genießt als badisches Malerdorf überregionale Bekanntheit. Speziell das Kirchviertel ist nicht nur als Sitz der Malerkolonie von großer historischer Bedeutung. Es verfügt auch mit dem Schloss Augustenburg über einen der ganz wenigen Renaissancebauten auf Karlsruher Stadtgebiet. Leider wurde in den letzten Jahren durch Neubauten massiv in das gewachsene Ensemble aus Schloss, Kirche, Schule und historischer Brücke eingegriffen, sodass von der Idylle des Kirchviertels fast nichts mehr übrig ist. Jetzt muss dafür gesorgt werden, dass sich solche Fehler nicht wiederholen. 

Günther Malisius, Vorsitzender a.D. Freundeskreis Pfinzgaumuseum – Historischer Verein Durlach e.V.:

Es geht eine Welle von massiven Eingriffen und sogar Abrissen durch Karlsruhe wie seit dem Krieg und dem “Wiederaufbau” in der “Wirtschaftswunderzeit” nicht mehr. Dass diese Opfer weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll sind, sollte man von damals gelernt haben.

Ullrich Müller, Arbeitskreis Stadtbild Durlach des Freundeskreis Pfinzgaumuseum – Historischer Verein Durlach e.V.:

Auch für öffentliche und private Eigentümer von Kulturdenkmalen gilt das GG Artikel 14: „Eigentum verpflichtet“. Die zu Stein gewordenen Zeugnisse aus vergangenen Kulturepochen sind im Original zu erhalten. So will es eigentlich der Denkmalschutz. Es wird immer wieder von privaten Investoren versucht, die heimelige Durlacher Altstadt stellenweise ihrer historischen Bauten zu berauben. Leider vernachlässigen Denkmalpflege und Bauämter ihre Pflicht zu verhindern, dass historische Gebäude wie jüngst der „Farben Scheuble“ durch Luxuswohnbauten ersetzt werden. Auch der Korrektur von Bausünden der 1960er Jahre, wie der jetzt zur Sanierung anstehende Betonklotz der Schlossschule in unmittelbarer Nachbarschaft der Karlsburg, die als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung gilt, kommt die Denkmalpflege nicht nach.

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