Stadtbild Deutschland e.V. begrüßt den von Willi Polte initiierten Vorschlag zur kleinteiligen traditionellen Bebauung des Prämonstratenserberges. Vergleichbare Beispiele aus Lübeck, Frankfurt am Main oder Dresden verdeutlichen die positiven Effekte, die eine derartige Vorgehensweise mit sich bringt. Die kleinteilige, regionaltypische und identitätsstiftende Neubebauung im Stile des New Urbanism hat in den besagten Städten unter anderem zu einer hohen Akzeptanz innerhalb der lokalen Bevölkerung und zu deutlich positiven Effekten im touristischen Bereich geführt. Ähnliche Effekte wären auch in Magdeburg zu erwarten.

Das von Willi Polte, Werner Kaleschky, Eckhart Peters sowie Heinz-Joachim Olbricht entwickelte Konzept geht jedoch noch einen Schritt weiter und sieht Rekonstruktionen von kulturhistorisch bedeutenden Fassaden der Magdeburger Geschichte vor.

Die Tatsache, dass die Rekonstruktionen nicht am Originalstandort erfolgen sollen, wird sicherlich bei nicht wenigen Kunsthistorikern und Denkmalpflegern erst einmal eine reflexhafte Abwehrhaltung erzeugen. Eine in der Fachwelt kontroverse Diskussion, die schon bei so mancher Rekonstruktion, wie beispielsweise dem Leibnizhaus in Hannover (rekonstruiert 1983), geführt wurde.

Für das aktuelle Vorhaben in Magdeburg gilt zu bedenken:

Magdeburg ist wie kaum eine andere deutsche Stadt zerstört und nach dem Krieg durch eine Neuplanung im Sinne der sozialistischen Stadt vollkommen neu konzipiert worden. In solchen Fällen müssen auch Ausnahmen erlaubt sein. 

Dieser Weg wurde schon öfters und überdies sehr erfolgreich begangen: Die Alt-Berliner Gaststätte „Zum Nußbaum“ wurde 1943 bei einem Luftangriff zerstört, in den 1980er Jahren mehrere 100m entfernt im Berliner Nikolaiviertel wieder aufgebaut, was ihrer großen Beliebtheit in keinster Weise im Wege steht. Auch das Magdeburger Sterntor steht nicht mehr am Originalstandort und bereichert trotzdem das Stadtbild. 

Das entscheidende Kriterium sollte also nicht sein, ob die rekonstruierten Fassaden schon einmal dort standen, sondern ob sie ein stimmiges, städtisches Gefüge ergeben. Die bisherigen Visualisierungen sehen dahingehend gut durchdacht aus. Auf der Visualisierung des Büros „Duong & Schrader“ sind eine Neuschöpfung des „Pieschelschen Hauses“ auf der Ostseite sowie der „Magdeburger Börse“ und des „Lückeschen Hauses“ auf der Westseite zu erkennen. Beide wären ein reizvolles Entree in das neue Viertel.

Die Baukosten dürften durch Fassadenrekonstruktionen nur gering ansteigen. Erfahrungen u.a. mit der Bebauung des Dresdner Neumarktes zeigen, dass bei Häusern mit Fassadenrekonstruktion mit Mehrkosten von maximal 2 – 5 % gerechnet werden muss. Ein vertretbarer Mehraufwand, der großen Nutzen für das Flair des Zentrums haben wird. Besucher der Landeshauptstadt Magdeburg, so Willi Polte, beklagten zurecht das fehlende Innenstadtgefühl. Es ist daher wichtig, dieses Gefühl wiederherzustellen, um der Stadt mehr Seele zu geben.

Mit einem solchen Bauprojekt würde Magdeburg zeigen, dass es mehr historische Tiefe hat, als das bisher in der Innenstadt erlebbar ist. Dazu gehört auch das Bekenntnis zu den vielen Bürgerhäusern, die diese Stadt einst besaß. Da deren Originalstandorte meist nicht mehr bebaut werden können – allein schon wegen meist neuer Straßenverläufe – ist der Wiederaufbau an anderer Stelle die einzig verbliebene Möglichkeit, diese wichtige städtebauliche Aufgabe zu erfüllen. 
Diese Ausnahme sollte Magdeburg sich gönnen.

Nicht der historische Standort ist das Kriterium, sondern der Wunsch der Initiatoren, das städtische Zentrum anspruchsvoll aufzuwerten.

Es gibt tatsächlich einen wissenschaftlichen Begriff für den Vorschlag von Willi Polte: Den der  „didaktischen Rekonstruktion“ 1. Dann, wenn Gebäude bewusst zur Veranschaulichung der Historie errichtet werden, zur Geschichtsvermittlung, dann können sie auch an anderer Stelle errichtet werden. Gerade, weil man durch diese Ausnahmelösung den Bruch, den diese Stadt erlebt hat, bewusst veranschaulichen und sichtbar machen kann.

So kann aus dem Prämonstratenserberg nicht nur ein wichtiger Teil der Altstadt werden, sondern auch ein Erinnerungsort für die reiche Geschichte der Elbstadt, der für die zukünftige Entwicklung von großem Nutzen sein wird. Magdeburg sollte von den Erfahrungen anderer Städte, die diesen Weg gegangen sind, profitieren. Stadtbild Deutschland e.V. ist gerne bereit, dabei zu unterstützen.

Christian Noah, Ortsverband Magdeburg von Stadtbild Deutschland e.V. 

https://www.romoe.com/de/restaurierung/rekonstruktion/